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Orgasmus: Wie es ist, wenn Mann kommt

Rezension |
29. Jänner 2018, 09:00

Ein Buch will den männlichen Orgasmus erklären, über weite Strecken liest sich das vermeintliche Sachbuch aber eher wie ein Softporno

Gesundheit scheint ein erfolgreiches Thema am Sachbuchmarkt zu sein. Menschen sollen Experten für ihren eigenen Körper werden. Nicht unbedingt nur, wenn es um Krankheit geht, vielmehr auch in softeren Themen. Essen, Fitness oder gesunde Lebensführung: Das sind Bereiche, die interessieren, und klar, Sexualität gehört auch dazu. "Ich komme. Was Mann beim Sex fühlt" scheint doch ein ganz originelles Buch zu sein. Autor Christian Seidel ist Experte in Genderthemen und Selbsterfahrungsprojekten, steht auf dem Klappentext, hat aber auch zu zeitgeschichtlich politischen Themen gearbeitet und Filme gemacht.

Sexualität kann auch krank sein: Erektionsstörung, Libidoverlust, Sexsucht. Jedenfalls suggeriert das Buch einen Gesundheitsaspekt. Gleich im Vorwort wird klar: Der Autor hat überhaupt keine Berührungsängste mit dem Thema Sexualität und beginnt in munterem Plauderton von sich selbst zu erzählen. Zuerst habe er seinen Orgasmus zu lange beschrieben, dann wieder gekürzt und schließlich die Quintessenz seines Wissens auf 300 Seiten versammelt. Quasi alles, was man über den männlichen Höhepunkt wissen kann. Schnell wird klar: Er meint dabei in erster Linie seine eigene Expertise.

Hauptdarsteller dieses Buches sind der Autor, sein Penis und die gemeinsamen Erlebnisse der beiden. Das ist egozentrisch, repetitiv, aber ohne jedes Tabu. Informationen über Körperflüssigkeiten, Anatomie und Körperstellungen aller Art werden mit viel Liebe zum Detail zum Besten gegeben, alles Intime vor den Vorhang gezerrt. Und ja, Sex und Liebe, das sei eigentlich das Beste, was einem passieren kann.

Vermeintliches Sachbuch

Und spätestens nach ein paar Kapiteln ist klar, dass dieses Buch nur vermeintlich ein Sachbuch ist. Einmal ganz abgesehen von den winzigen Wissenskästen (Woher kommt das Wort Gemächt? Was heißt Koitus?) geht es in erster Linie um Sexszenen, eine Art Softporno im Sachbuchpelz sozusagen. Dabei schafft es der Autor an einer Stelle sogar, Hannah Arendt und ihre Gedanken zum Totalitarismus irgendwie miteinzubauen. Hut ab, die Kombination bleibt den Lesenden schleierhaft.

Der Buchaufbau selbst ist simpel. Seidel hat eine Art autobiografischen sexuellen Entwicklungsroman geschrieben. Erste Regungen, Selbstbefriedigung, erster Sex und dann eine brave Aufzählung seiner vielen sexuellen Erlebnisse. Wie, was und wo mit viel anatomischen Details der Geschlechtsorgane. Wer hat was gesagt, wann sind Worte überflüssig. Wann klappte es, wann weniger. Eine erstaunliche Gedächtnisleistung, das muss man dem Autor zugestehen. Andere Männer und ihre eventuell anderen Erfahrungen durften in dieses Buch nicht mit hinein.

Hie und da schreibt Seidel aber schon auch über seine Probleme: etwa Verletzungen beim Sex, seine Abneigung gegen Kondome, eine ungewollte Schwangerschaft oder die Zeit, als er und seine Partnerin "an einem Kind bastelten" und das einfach nicht klappen wollte. Zu lange hält sich der Autor aber nie mit den schwierigen Lebenssituationen auf und lockert schnell mit irgendeinem außergewöhnlich tollen, ungewöhnlichen, orgiastischen Sexerlebnis die Sache wieder auf. Sexualität ist ja auch Kopfsache, das Buch soll die Fantasie beflügeln. Das mag so manchen Leserinnen und Lesern gefallen, für andere ist es einfach "too much information" über den Autor Christian Seidel, den man schließlich nicht kennenlernen wollte. (Karin Pollack, 29.1.2018)