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Ökologische Ernährung: Schonkost für den Planeten Erde

6. April 2018, 14:00

Eine nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln wäre möglich – aber nicht ohne eine Umstellung unserer täglichen Kost

Wien – Mit der Wahl der täglichen Mahlzeiten trifft jeder Mensch eine Entscheidung. Trägt man mit dem Einkauf im Supermarkt oder mit der Restaurantbestellung dazu bei, Ressourcen zu schonen, Kohlendioxidausstoß zu vermindern und die Biodiversität zu erhalten? Oder entscheidet man sich für Nahrungsmittel, die unter hohem Energieaufwand produziert und herangeschafft wurden? Und selbst wenn der Wille zur Veränderung da ist – welche Konsumentscheidung ist nun eigentlich im Sinne der Umwelt?

"Es ist schwierig, simple Rezepte für nachhaltigen Nahrungskonsum zu finden." Das ist Karlheinz Erb, Professor an der Universität für Bodenkultur Wien, durchaus klar. Aber zumindest gibt es ein paar grobe Grundregeln: "Wichtig ist, dass im großen Durchschnitt viel weniger Fleisch und tierische Produkte konsumiert werden – auch Milchprodukte, die sich vom ökologischen Fußabdruck nicht so sehr von Fleisch unterscheiden. Produkte, die nicht saisonal oder nicht typisch für eine Region sind, schlagen sich ebenfalls negativ auf Energieverbrauch, CO2-Emission und Biodiversität."

Doch im Detail wird es schwierig. "Eine Kollegin hat gezeigt, dass vom CO2-Abdruck her Tomaten aus dem Marchfeld je nach Anbauart möglicherweise schlechter aussteigen als Dosentomaten aus Italien", gibt der Wissenschafter ein Beispiel. "In Österreich braucht man im Glashaus für hohe Erträge viel Heizenergie. Im Durchschnitt wird damit jene Energie, die man zum Transport aus Italien oder Spanien braucht, wettgemacht."

Globale Landnutzung

Erb beschäftigt sich am Institut für Soziale Ökologie in Wien, das mit März 2018 von der Alpen-Adria-Universität an die Boku übertragen wurde, mit dem globalen Wandel der Landnutzung. In einer Reihe von internationalen Studien stellt er die Frage, wie man in einem globalen Kontext sowohl Ernährungssicherheit gewährleisten als auch Umweltbelastungen durch die Nahrungsmittelversorgung reduzieren kann. Welche Umstellungen auf der Produktionsseite wären denkbar? Wie weit müssten Konsumenten ihre Ernährung tatsächlich umstellen und die Nachfrage verändern?

Es gibt so etwas wie einen Mainstream des westlichen Ernährungsstils. Der 47-jährige Landnutzungsforscher sieht ihn durch drei Merkmale gekennzeichnet: Es wird relativ viel Energie, gemessen in Kilokalorien oder Joule, verzehrt. Das Essen beinhaltet viele tierische Produkte. Und die Nahrungsmittel sind vergleichsweise stark verarbeitet. "Wir beobachten, dass es eine Anpassung an diesen Stil gibt – beispielsweise in China, wo der Fleischkonsum in den vergangenen Jahrzehnten explodiert ist. Das hat auch mit dem Rollenmodell der westlichen Staaten zu tun, das für Wohlstand steht", erklärt Erb. In den USA ist der durchschnittliche Kalorienverbrauch pro Kopf und Tag noch einmal höher als in Europa.

In diesen westlichen Gesellschaften keimen gleichzeitig auch Trends zu Regionalisierung, Bioprodukten oder Vegetarismus auf, die mit einem neuen Umweltbewusstsein einhergehen. "Wenn man zu einer Gesellschaft kommen will, die wenig Treibhausgas emittiert und die Landnutzung nicht ausufern lässt, ist alles willkommen, was die Nachfrage senkt – auch wenn das der Wirtschaft, die auf Wachstum ausgelegt ist, nicht gefällt. Verzicht auf gewisse Güter wird wesentlich sein, um diese Ziele zu erreichen", sagt Erb. Es besteht Hoffnung, dass die aktuellen Ökobewegungen zu neuen Lebensstilen führen. Noch beeinflussen sie die globalen Verbrauchswerte aber kaum.

Vorindustrielle Verhältnisse

Eine Veränderung der Nachfrage, bei der auch die Politik steuernd eingreifen kann, hätte gegenüber jener des Angebots große Vorteile. Erb: "Effizienzgewinne in der Produktion werden schnell durch erhöhten Konsum ausgeglichen. Wird etwas billiger, wird mehr gekauft. Produktionsseitig allein wird es also nicht gehen."

Auch wenn ein teilweiser Verzicht auf tierische Produkte enorme Vorteile bringt, sind sie nicht prinzipiell schlecht. Doch im Industriezeitalter ist die Viehzucht auf die Funktion der Fleischproduktion reduziert und wenig vergleichbar mit den vielfältigen Funktionen, die Tiere in früheren Zeiten hatte. "Eine agrarische Gesellschaft, die noch nicht über fossile Energie verfügt, muss sich in die Energie- und Kohlenstoffflüsse eines Ökosystems einbinden", sagt Erb. Im vorindustriellen Europa gab es zwar Windmühlen und Wasserräder, das Gros der Energie kam aber aus der Landnutzung, wobei Biomasse durch Muskelkraft von Menschen und Tieren umgesetzt wurde.

In dieser Welt leisteten Tiere vielfältige Beiträge, erläutert Erb: Sie verbreiterten die Ressourcenbasis der Menschen – Ziegen können etwa Biomasse ernten, wo der Mensch keinen Ackerbau betreiben kann. Rinder und Pferde können bei bestimmten Tätigkeiten sehr effizient technische Energie entfalten – beispielsweise beim Pflügen. Und Tiere sind in so einer Gesellschaft zentral für das Stickstoffmanagement: Der Mist der Tiere im Stall wird als Dünger eingesetzt, was für anhaltend hohe Ernteerträge sorgt. Zuletzt sind Tiere hervorragende Nahrungsmittelspeicher. Gibt es Ernteausfälle, kann man sie schlachten.

Energie von der Tankstelle

Industriegesellschaften haben diese enge Einbindung der Tiere obsolet gemacht. "Jetzt beziehen wir Energie von der Tankstelle, haben die Lagerung anders gelöst und erledigen die Düngerkonzentration über chemische und mineralische Verfahren", resümiert der Wissenschafter. "Im Zentrum der Viehzucht steht heute die Veredelung von pflanzlicher Biomasse – egal ob diese auch für den Menschen konsumierbar wäre – hin zu einem hochwertigen Lebensmittel: Fleisch, das man mit Profit verkaufen kann."

Erb und Kollegen haben sich in einer Studie, die im Fachjournal "Nature" veröffentlicht wurde, mit der Frage befasst, wie die globale Landnutzung aussehen müsste, wenn man die gesamte Weltbevölkerung unter ökologischen Gesichtspunkten ernähren müsste. "Dadurch dass man weniger Dünger und Pestizide einsetzt, sind die Flächenerträge im biologischen Landbau deutlich niedriger. Wenn man beim derzeitigen globalen Verbrauch vollständig auf Biolandbau umstellen würde, bräuchte man also drastisch mehr Fläche", betont der Wissenschafter. "Das kann – konservativ gerechnet – zu einer Ausweitung von mehr als 30 Prozent führen."

Fleischkonsum auf ein Drittel senken

Diese neuen Flächen würde sich der Mensch dort holen, wo es noch gute Böden gibt – in Wäldern. "Die Schlussfolgerung unserer Studie ist also, dass eine derartige Umstellung einen großen Druck auf heute noch natürlichen Waldbestand, etwa im Amazonas, bewirken würde. Der Kohlenstoff- und Biodiversitätsverlust durch die Rodung wäre so groß, dass er die Grundidee von Biolandbau ad absurdum führt", sagt der Landnutzungsforscher.

Die Wissenschafter haben daraufhin die Frage gestellt, wie sehr die Menschen den Verzehr tierischer Produkte verringern müssten, sodass mit globalem Biolandbau kein Abholzungsdruck entsteht. "Die Tiere würden in diesem Szenario nur von Abfällen und Grasland ernährt, also wieder ihre frühere Funktion einnehmen, die für Ackerbau ungeeignete Flächen nutzbar zu machen", erklärt der Wissenschafter. Das Ergebnis: "Der Fleischkonsum müsste auf etwas mehr als ein Drittel des jetzigen Konsums sinken." Eine Begleiterscheinung dieser geringeren Nachfrage wäre, dass sich alle möglichen Umweltparameter – Biodiversität, Stickstoffbilanz, Kohlenstoffbilanz – deutlich verbessern würden.

Ein weiteres Fortschreiten der Erderwärmung könnte jedenfalls in vielen Regionen der Erde Einfluss auf die Landnutzung haben. Auch im scheinbar positiven Sinn – etwa wenn neue fruchtbare Flächen im Permafrost Sibiriens entstehen. "Es wird Gewinner und Verlierer geben", stellt der Erb klar.

Klimawandelfolgen

"Es gibt die Ausweitung der Ackergürtel in den Norden. Der Klimawandel bedeutet aber nicht nur eine Veränderung der Mittelwerte, sondern auch eine Zunahme von Extremereignissen wie Starkregen und Trockenheit. Insektenfraß, Wasserknappheit, Missernten werden an vielen Orten wahrscheinlicher." Im Großen und Ganzen werde der Klimawandel deshalb eine eher negative Auswirkung auf die Landnutzung haben und Erträge tendenziell sinken lassen – wenn auch nicht für alle im gleichen Ausmaß.

Im Ringen um eine Abmilderung der Erderwärmung wurde in den vergangenen Jahrzehnten auch der Ansatz erprobt, die für die Treibhausgase verantwortlichen fossilen Energieträger mit Energie aus Biomasse zu ersetzen – Stichwort Biosprit. Doch die Hoffnungen, dass etwa mit Pflanzenöl ein wesentlicher Beitrag zur Treibstoffversorgung geleistet werden kann, wurden bald gedämpft. "Heute ist kaum noch umstritten, dass Biosprit aus ökologischer Sicht zu den schlechtesten Varianten gehört", sagt Erb. Bereits die Preisanstiege bei Lebensmitteln der Jahre 2007/2008 hätten gezeigt, dass die energetische Nutzung von Anbauflächen unmittelbar zur Konkurrenz mit der Nahrungsproduktion führt. Das ist in Europa allerdings nicht so sehr zu spüren wie in jenen Märkten, in denen weniger Kaufkraft vorhanden ist.

"Es erinnert an einen Taschenspielertrick", sagt Erb. "Wirklich kohlenstoffneutral ist der Anbau nur, wenn man davor unbenutzte Flächen verwendet, sonst verdränge ich eine andere Nutzung. Wenn ich einen Wald rode, um Energiepflanzen anzubauen, muss ich den Kohlenstoffspeicher, der verschwindet, gegenrechnen." Und es könne Jahrzehnte dauern, mit den Treibhausgaseinsparungen durch Biosprit diese "CO2-Schulden" wieder abzubauen. "Das Konzept eignet sich nur für Nischenanwendungen", meint der Landnutzungsforscher.

Kleinteilige Landwirtschaft

Auch Österreich hat in den vergangenen Jahrzehnten in der Industrialisierung der Landwirtschaft nachgezogen. Der Effizienzdruck hat viele kleine Bauern zur Aufgabe gezwungen. Die traditionell kleinteilige Landwirtschaft des Alpenlandes unterliegt einem Veränderungsprozess. Eine gute Entwicklung? Der Wissenschafter ist in dieser Frage zwiegespalten: "Prinzipiell wurde gezeigt, dass kleinteilige Landwirtschaft Vorteile für die Kohlenstoff- und Biodiversitätsbilanzen bringt. Auf der anderen Seite verstehe ich die ökonomische Perspektive, aufgrund des Preisdrucks größer zu skalieren." Zudem sei es auch aus ökologischer Perspektive nicht leicht zu beantworten, ob es besser ist, viel Fläche mit geringer oder wenig Fläche mit hoher Intensität zu bewirtschaften. Erb: "Die Literatur dazu zeichnet ein widersprüchliches Bild."

Möchte man das Bild einer Landwirtschaft der Zukunft zeichnen, lohnt sich ein Blick auf frühere Agrargesellschaften, die durch die Verfügbarkeit von fossilen Energiequellen grundlegend verändert wurden: Einst waren 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Das Zehntel, das über den Eigenbedarf hinaus produziert wurde, hat die Städte ernährt. Mit fossiler Energie hat sich das verändert: Nur fünf Prozent der Menschen erzeugen genug für alle.

"Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen in einer Ökonomie, die nun wieder auf Fossilenergie verzichtet, in der Landnutzung tätig sein müssen", sagt Erb. "Ich denke, dass kleinräumig organisierte, multifunktionale, stark integrierte Systeme letztendlich resilienter sind." Man müsse weg von den ökonomisch hochspezialisierten Systemen der Gegenwart, die bei Extremereignissen verwundbar sind. Letztendlich brauche es ein neues Wirtschaften, das seine Maximen hinterfragt, sagt Erb. "Ökonomische Optimierung allein ist nicht adäquat, weil man auch auf die individuelle und ökologische Gesundheit achten muss." (Alois Pumhösel, 6.4.2018)


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