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Julia Timoschenko vor politischem Comeback in der Ukraine

30. April 2018, 14:00

Die Ex-Premierministerin führt in Umfragen das Rennen zur Präsidentschaftswahl an, hohe Gegnerschaft zu Amtsinhaber Poroschenko

Moskau/Kiew – Pole-Position für Julia Timoschenko. Knapp ein Jahr vor der Präsidentenwahl in der Ukraine führt die 57-Jährige das Rennen der potenziellen Präsidentschaftsbewerber an. In Umfragen kommt sie auf 14 Prozent. Das mag nicht nach viel klingen, doch liegt sie damit in Front und drei Prozentpunkte vor ihrem nächsten Verfolger, Ex-Verteidigungsminister Anatoli Grizenko. Durchgeführt wurde die Umfrage vom Kiewer Institut Rating.

Amtsinhaber Petro Poroschenko liegt mit neun Prozent nur auf dem geteilten dritten Platz. Ebenso viele Wähler würden für den Chef des Russland-nahen "Oppositionsblocks" Juri Boiko oder Sänger Swjatoslaw Wakartschuk, Chef der bekannten Rockgruppe Okean Else, stimmen. Auffällig: Mit dem Schauspieler Wladimir Selenski liegt ein weiterer potenzieller Quereinsteiger dahinter.

Die Nennung von Wakartschuk und Selenski ist nur ein Indiz für die Unzufriedenheit der Ukrainer mit ihren Politikern. Mindestens ebenso deutlich spricht das Anti-Rating (also die Gegnerschaft) einzelner Politiker für die Verdrossenheit der Bürger – in vielen Fällen ist es größer als das eigentliche Rating: Spitzenreiter ist Poroschenko: 45,3 Prozent der Befragten erklärten, sie würden keinesfalls den Amtsinhaber wählen.

Konzentration auf Soziales

Auch für den ehemaligen Premier Arseni Jazenjuk oder den Radikalen-Chef Oleh Ljaschko würden mehr als ein Viertel der Wählerinnen und Wähler niemals stimmen. Timoschenkos Anti-Rating liegt dagegen nur bei 24,2 Prozent.

Angesichts dieser Ausgangs lage ist ihre Chance auf die Präsidentschaft vergleichsweise hoch. Dabei hatten die meisten politischen Beobachter die Anführerin der Orangen Revolution schon abgeschrieben. Nach ihrer Wahl niederlage 2010 gegen Präsident Wiktor Janukowitsch wegen Amtsmissbrauchs bei Abschluss der Gasverträge mit Russland zu sieben Jahren Haft verurteilt, wurde sie zwar nach dem Sturz Janukowitschs freigelassen, konnte den Maidan aber nicht mehr anführen. Ihre Partei Vaterland spielt im Parlament derzeit nur eine untergeordnete Rolle.

Doch Timoschenko hat erkannt, dass sie sich an der "patriotischen Front" kaum gegen andere Hardliner profilieren kann. In der Auseinandersetzung mit Russland gilt sie mittlerweile als eher gemäßigt, wodurch sie auch im Osten vielen als wählbar erscheint. Statt auf Kriegsrhetorik konzentriert sie sich auf die Artikulation der sozialen Probleme – angesichts der Verarmung des Landes eine durchaus erfolgversprechende Taktik.

Zumal sie auch vor populistischen Forderungen nicht zurückschreckt. So forderte sie jüngst eine Senkung der Gastarife für die Bevölkerung von 267 auf 80 bis 90 US-Dollar pro tausend Kubikmeter. Dies liegt allerdings deutlich unter dem Einfuhrpreis des Rohstoffs für die Ukraine. (André Ballin, 30.4.2018)