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Braucht Österreich ein Fotomuseum? Ein Blick über die Grenzen

2. Mai 2018, 07:00

Viele sind diesbezüglich skeptisch. Dabei zeigt sich international, was Häuser für Fotografie alles können

Blickt man heute als Außenstehender auf die Diskussion um die Neugründung eines Fotomuseums in Österreich, glaubt man, ein Déjà-vu zu haben: Genau diese Streitereien, Auseinandersetzungen und Fragen wurden auch schon andernorts geführt – und sind längst beantwortet worden. Das sollte man zumindest annehmen. Denn obwohl die Fotografie seit den 1990er-Jahren in der Kunstwelt angekommen zu sein scheint (Künstler haben bereits seit den 1960ern mit dem Medium gearbeitet) und seither auch zahlreiche Fotomuseen auf der ganzen Welt eröffnet wurden, gibt es auch heute noch bei jeder weiteren Neugründung Kritiker, die einem solchen Haus die Existenzberechtigung absprechen. Insofern befindet sich Österreich in guter Gesellschaft.

In diesem Konflikt gibt es drei Hauptstreitpunkte. Der eine ist praktischer Natur: Die bereits existierenden Museen befürchten, dass ihre Fotosammlungen abgezogen und zentral in einem Fotomuseum aufbewahrt, verwaltet, erforscht und ausgestellt werden. Für Felix Hoffmann, Kurator im C/O Berlin, einem im Jahr 2000 gegründeten und privat geförderten Ausstellungshaus für Gegenwartsfotografie, sind die Sorgen nachvollziehbar: "Warum sollen die ihre Perlen hergeben?"

Berliner Diskussionen

Ihn erinnert das Ganze an die Diskussionen, die Ende der 1990er Jahre in Berlin geführt wurden. Damals dachte man über die Gründung eines Deutschen Centrums für Fotografie (DCF) nach, es gab sogar eine zweijährige Testphase – danach wurde das Projekt eingestellt. Das lag zum einen an den Kosten, aber auch am Widerstand der anderen Museen, aus denen die Fotosammlungen abgezogen werden sollten.

Heute, 20 Jahre später, sei das aber auch gar nicht nötig: "Ich glaube nicht, dass man im digitalen Zeitalter Sachen physisch an einem Ort braucht. Man sollte eine zentrale Datenbank zur Erfassung der unterschiedlichen Archive und Sammlungen einrichten. Das halte ich auch für Österreich sinnvoll, auch dort gibt es museale Bestände in Wien, Linz, Salzburg und Graz. Das könnte man verbinden, ohne sie physisch an einen Ort zusammenzutragen."

Besuchermagneten

Der zweite Streitpunkt ist die Wirtschaftlichkeit. Viele können sich nicht vorstellen, dass sich ein Fotomuseum als Stand-alone-Haus ohne Anschluss an ein Kunstmuseum tragen kann. Dass dies nicht stimmt, kann man an den zahlreichen erfolgreich laufenden Fotomuseen weltweit sehen – allein in Paris gibt es mit dem Jeu de Paume, der Foundation Henri Cartier-Bresson, dem Maison Européenne de la Photographie und Le Bal vier Orte, die nur Fotografie zeigen.

Dass diese Häuser gut besucht sind, mag zum einen an der Millionenmetropole Paris, zum anderen aber auch daran liegen, dass sie sich nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung des bestehenden Programms sehen. Die Zahlen machen das deutlich: Die C/O Berlin hat rund 200.000 Besucher im Jahr, in das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen kommen immerhin auch noch 100.000 Besucher.

Wie groß dieses Interesse mitunter sein kann, hat jüngst auch Ingo Taubhorn, Kurator am Haus der Photographie, erstaunt, als er die Ausstellung Gute Aussichten Deluxe – Junge deutsche Fotografie nach der Düsseldorfer Schule eröffnete: Fast 5000 Besucher kamen zur Vernissage – die Warteschlange soll von den Deichtorhallen bis zum Hamburger Hauptbahnhof gereicht haben.

Kunst- und andere Fotografie

Das dritte Streitthema ist ideologischer Natur. Es ist vielleicht der wichtigste Punkt, über den zugleich am wenigsten gesprochen wird, da es um den Umgang mit der unendlichen Vielfalt innerhalb der Fotografie geht. Im musealen Kontext wird fast ausschließlich von Kunstfotografie gesprochen. Man denkt dabei an Namen wie Andreas Gursky, Wolfgang Tillmans, Thomas Struth, Cindy Sherman oder Jeff Wall. Doch die Bandbreite des Mediums ist so groß und die Genres wie Presse-, Dokumentar-, Werbe- und Modefotografie (um nur einige wenige zu nennen) sind so unterschiedlich, dass sie sich nur bedingt vergleichen lassen.

All das ist Fotografie, die möglicherweise in einem Fotomuseum gezeigt werden könnte – nicht aber in einem Kunstmuseum. Das gibt auch Stefan Gronert offen zu – er ist Kurator für Fotografie und Medien am Sprengel-Museum Hannover. "Ich interessiere mich nur für Fotografie als Bestandteil eines Kunstmuseums. Ich bin nicht per se an Fotografie interessiert. Es gibt auch kein Malereimuseum. Deshalb finde ich die Fragestellung, ob man ein eigenes Fotomuseum braucht, absurd. Mich interessieren Fotomuseen so sehr wie mich Zebrazoos oder Ameisenzoos interessieren."

Kunst oder Nichtkunst?

Urs Stahel, der das Fotomuseum Winterthur gegründet und bis 2013 geleitet hat, kann die Differenzierung aus Sicht eines Kunstmuseums verstehen. "Wenn man sich für Kunst interessiert, dann ist ein Fotomuseum problematisch. Dann eröffnet man wirklich ein Ghetto, und dann wäre auch ich vehement dagegen", sagt er. "Entscheidend ist jedoch, dass mehr als 99 Prozent der Fotografie eben keine Kunst sind und dennoch enorm wichtig für unsere visuelle Kultur, aber auch für unsere Erinnerungskultur. Nur in einem Fotomuseum können wir die Diskurse führen, die im Kunstkontext niemals geführt werden."

Felix Hoffmann von der C/O Berlin pflichtet ihm bei: "Die Fotografie ist das entscheidende bildgebende Medium des 20. und wahrscheinlich auch des 21. Jahrhunderts. Wir müssen uns klar machen, wie wir mit diesen Bildern auch kulturhistorisch umgehen. Die Differenzierung in Kunst und Nichtkunst braucht der Markt. Wir als Institution brauchen diese Unterteilung nicht. Ich denke eher über einen pluralen Bildbegriff nach."

Und Ingo Taubhorn vom Haus der Photographie in Hamburg geht noch einen Schritt weiter: "Die Frage, ob es ein Fotomuseum geben soll, darf man nicht klassischen Kunsthistorikern überlassen, weil die einfach nicht das Gefühl dafür haben." (Damian Zimmermann, 2.5.2018)