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Mindestpreis für Alkohol ist für Experten sinnvoll

4. Mai 2018, 14:49

Eine geringere Verfügbarkeit aufgrund höherer Preise senkt laut Untersuchungen den Konsum

Wien – Ein Mindestpreis für Alkohol, wie er kürzlich in Schottland eingeführt wurde, wäre laut Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, auch für Österreich sinnvoll. Viele Untersuchungen würden belegen, dass eine geringere Verfügbarkeit von Alkohol – auch durch höhere Preise – den Konsum senkt.

Österreich sieht Musalek beim Alkohol als "Meister im Bagatellisieren": "Die Gefahren des Alkoholkonsums werden heruntergespielt." Jeder Rausch ziehe unter anderem massive Schädigungen der Nerven nach sich. Zudem werde das extrem hohe Suchtrisiko ausgeblendet.

Breite gesellschaftliche Diskussion notwendig

Ein Mindestpreis für Alkohol sollte aber unbedingt mit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion einhergehen. "Es muss einmal ein Problembewusstsein geschaffen werden. Eine Ächtung ist aber auch abzulehnen", sagt Musalek. Er würde eine breite Debatte wie beim Kippen des Nichtrauchergesetzes begrüßen.

Wie hoch der Mindestpreis sein sollte – in Schottland sind es 57 Cent pro zehn Milliliter purem Alkohol –, sei natürlich dem Gesetzgeber überlassen. Er sollte aber schon "spürbar" sein, so Musalek. Besonders Billigalkohol und Fusel, der oft von Jugendlichen konsumiert werde, könnten so überhaupt verschwinden.

Alkoholische Getränke teilweise billiger als nichtalkoholische

Musalek kritisiert auch, dass in Lokalen alkoholische Getränke oft billiger sind als nichtalkoholische. Auch hier könnte ein höherer Preis laut Musalek die Akzeptanz nichtalkoholischer Getränke steigern.

Angesichts der Diskussion über das Alkoholverbot am Wiener Praterstern sieht Musalek aber auch Fortschritte in Österreich. "Dass 80 Prozent für ein Alkoholverbot auf Bahnhöfen sind, das wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen." Damals sei lediglich die Drogensucht als Problem gesehen worden, "Alkohol war nicht einmal ein Thema".

Rationaler Umgang erforderlich

Doch auch im Bier- und Weinland Österreich haben rund drei Viertel der Menschen kein Problem mit Alkohol, aber um die 20 Prozent sind durch schädlichen Konsum gefährdet, fünf Prozent krank. Rationaler Umgang mit Alkoholkonsum und Hilfe für Betroffene seien am wichtigsten, hieß es am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien. Anlass war die Vorstellung des Ratgebers "Alkohol – Zwischen Genuss und Gefahr" in der Reihe "Gesund werden. Gesund bleiben" des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger.

"Der Blick auf die epidemiologischen Daten zeigt, dass es sich beim Alkohol um ein bedeutsames Thema in der Gesellschaft handelt. 72 Prozent der Menschen haben kein Problem mit dem Alkoholkonsum, neun Prozent gelten als alkoholgefährdet, fünf Prozent sind alkoholabhängig", sagte Alexander Hagenauer, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbands.

Leben verkürzt

Wenn man aber wisse, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei alkoholkranken Männern um 17 und bei Frauen sogar um 20 Jahre geringer ist, komme es jedenfalls darauf an, die durch exzessiven Konsum bedingten Erkrankungen und die Mortalität zu senken.

Die Bewertung des Alkoholkonsums ist kulturell sehr unterschiedlich. Epidemiologieexperte Alfred Uhl von der Gesundheit Österreich GmbH verweist vor allem auf die Unterschiede in der westlichen Welt nach den christlichen Religionsbekenntnissen: In protestantisch-puritanisch geprägten Gesellschaften neige man zur Prohibition mit Dämonisierung des Alkoholkonsums, in katholischen werde moderater Gebrauch neutral bis positiv gesehen und erst exzessives Trinken negativ bewertet.

Rückgang an Alkoholikern

Die Situation in Österreich hat sich laut Uhl in den vergangenen Jahrzehnten eher gebessert: "Konkret gab es nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1970 einen konstanten Anstieg des Konsums. Seither ist er um rund 20 Prozent zurückgegangen." Der Konsum sank demnach von durchschnittlich 15,3 Litern Alkohol auf rund zwölf Liter.

Weil aber in den Hochkonsumländern Italien und Frankreich die Trinkmengen noch deutlicher reduziert worden seien, befinde sich Österreich in Europa nunmehr im Spitzenfeld. Vier Prozent der Österreicher haben keinerlei Alkoholerfahrung, 61 Prozent konsumieren geringe Mengen, weitere 14 Prozent haben einen relativ unproblematischen Alkoholkonsum.

Täglicher Konsum problematisch

Die Grenzwertdiskussion, die vor einigen Wochen durch eine wissenschaftliche Studie im Magazin "Lancet" aufgekommen ist, wird von den Experten relativ kritisch gesehen. Alkohol sei auf jeden Fall ein Zellgift, täglicher Konsum führe oft zur Toleranzentwicklung und könne schließlich zu problematischem Gebrauch bis zur Abhängigkeit führen. Es komme auf einen rationalen Umgang mit Alkohol an.

"Es kann niemandem geraten werden, mehr als zwei Bier oder zwei Viertel Wein am Tag zu konsumieren", sagt der Hauptautor des Bandes, der Innsbrucker Psychiater Sergei Mechtcheriakov. Der Großteil der Österreicher gehe aber vernünftig mit Alkohol um. (APA, 4.5.2018)