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US-Schriftsteller Tom Wolfe gestorben

15. Mai 2018, 17:21

Der Mann in Weiß: Zum Tod des amerikanischen Journalisten und Schriftstellers

Tom Wolfe formulierte einmal einen "Eid des Hippokrates für Autoren". An dessen Anfang stellte er die Forderung "Du sollst unterhalten". Das war auch ihm oberstes Gebot, egal ob er akribisch journalistisch recherchierte, ob er ausufernde Romane schrieb – oder eine Mischform der beiden Genres betrieb. Mit dieser Form wurde er zu einem der Begründer des New Journalism, der als ästhetische Revolution begann und bis heute, in der Form literarischer Reportagen, wirksam ist. Unter den Vertretern dieser Gattung war Wolfe, der Mann in Weiß (oder Hellbeige), wohl der schillerndste und selbstbewussteste. Und wahrscheinlich der einzige Konservative.

Thomas Kennerly Wolfe jr. wurde 1930 in Richmond, Virginia in eine wohlhabende Familie von Akademikern geboren. Nach College-Jahren an der Washington and Lee University promovierte er an der Yale University mit einer Arbeit über kommunistische Aktivitäten unter den Literaten der Zwischenkriegszeit. Die – seiner Ansicht nach meistens negative – ausländische Beeinflussung amerikanischen Lebens sowie ein Fokus auf alle, auch triviale Aspekte der Kultur: Das waren Themen, die ihn zeit seines Lebens beschäftigen sollten.

Trotz seines Ehrgeizes – "I always wanted to be a star" – reichte es nicht für eine Baseball-Karriere, und so setzte er die Laufbahn als Journalist fort, die er schon im College begonnen hatte. Für die "Washington Post" berichtete er 1961 aus Kuba, im darauffolgenden Jahr nahm er einen Job als Reporter bei der "New York Herald Tribune" an und schrieb vor allem für die Wochenendbeilage, das spätere "New York Magazine".

Bestseller mit Tom Hanks sehr inadäquat verfilmt

Aufsehen erregte er erstmals mit einer Reportage über die Kultur südkalifornischer Autobastler. "The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby" entstand unter Termindruck als Manuskript von Gesprächsmontagen, inneren Monologen, Eindrücken in der ersten Person, Perspektivwechseln, szenischen Konstruktionen und ausufernden Wortgirlanden – alles Verstöße gegen die journalistische Orthodoxie. Damit begründete Wolfe mit Kollegen wie Gay Talese, Hunter Thompson oder Truman Capote die literarischen Techniken, die den Neuen Journalismus ausmachen.

Zu den Höhepunkten dieser Gattung zählt seine Reportage über die Subkulturen der Westküste Mitte der Sechzigerjahre, "The Electric Kool-Aid Acid Test". "Radical Chic", der Bericht über eine Fundraising-Party für die Black Panthers in Leonard Bernsteins Park-Avenue-Apartment, und "The Painted Word", ein Essay über die Macht der Kunstkritiker, wurden nicht nur zu geflügelten Worten, sie zeigten auch Wolfe als manchmal überaus boshaften Gesellschaftsdiagnostiker. Es gehe immer um Status, sagte er, egal in welcher Umgebung man sich bewege.

Als er mit "Bonfire of the Vanities", einem Bestseller, der mit Tom Hanks sehr inadäquat verfilmt wurde, überraschend in das Genre des Romans wechselte, blieb er seinem Credo treu, dass das wirkliche Leben, "dieses millionenköpfige Ungeheuer", die besten Vorlagen bietet – schlag nach bei Zola, Hemingway, Dickens, Schriftstellern, die er immer wieder empfahl. Tatsächlich sind die besten Passagen in "Bonfire" und seinen weiteren Romanen diejenigen, die auf eigener Recherche basieren – bei Börsenhändlern, Landarbeitern oder auf Universitäten.

Lust an der Provokation

Die Lust an der Provokation ist Wolfe bis ins hohe Alter geblieben. Er legte sich immer gerne mit Autoritäten an, vor allem liberalen oder gar linken, vom New Yorker bis zu Bauhaus-Architekten und Noam Chomsky. "Wenn man nicht mit jemanden einen Fight hat", sagte er einmal, "dann weiß man ja in der Früh nicht, ob man noch lebt." Dass er sich dabei gelegentlich verrannte, störte ihn nicht, im Gegenteil, er insistierte nur umso mehr auf seiner Meinung: "Die religiöse Rechte? Was soll das heißen? Die Leute sind eben religiös, wie dieses Land immer war." Und wenn Kollegen wie John Updike, Norman Mailer und John Irving etwa an seinem Roman "A Man in Full" bemängelten, dass das keine wahre Literatur sei? "Die drei Stooges? Die sind nur neidisch, weil es ein Bestseller geworden ist."

In persönlichen Begegnungen war Wolfe höflich und zuvorkommend, ganz der Gentleman aus den Südstaaten, der er ja war und den er mit seinen maßgeschneiderten hellen Anzügen noch unterstrich – einem Markenzeichen, das er schon als junger Reporter unter Hippies trug, justament. Stolz war Wolfe auf seine Familie – seine Frau Sheila arbeitet bis heute als Grafikerin, seine Tochter Alexandra schrieb 2017 ihr erstes Buch, über Silicon Valley, durchaus in der Tradition des New Journalism – und auf seine Sammlung von historischen Karikaturen, die im Townhouse der Wolfes auf Manhattans Upper East Side hängen. Zu einigen seiner Bücher hat er übrigens eigene Karikaturen beigesteuert – auch das eine Frucht seines Ehrgeizes.

Am Dienstag ist Tom Wolfe 88-jährig in New York an einer Infektion verstorben. (Michael Freund, 15.5.2018)