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Cannabis in der Medizin: Bewegung bei Ärzten und Apothekern

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1. Juni 2018, 06:00

Die Liste Pilz startet eine Onlinepetition zur Liberalisierung von Cannabis in der Medizin. Ärzte und Apotheker konnten sich diesbezüglich unlängst weiterbilden

Wien – Es tut sich wieder was in der Debatte über Cannabis in der Medizin. Nachdem in der ORF-Sendung "Bürgeranwalt" eine junge Frau porträtiert worden war, die trotz sehr guter Wirkung das THC-haltige Medikament Dronabinol selbst bezahlen muss, schaltete sich die Liste Pilz ein: Seit Dienstag kann eine Onlinepetition zur Liberalisierung von Cannabis in der Medizin unterzeichnet werden.

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Die Partei fordert eine rasche Liberalisierung von Cannabismedizin nach deutschem Vorbild: Seit März 2017 bekommen Patienten, denen mit anderen Medikamenten nicht mehr geholfen werden kann, Cannabisarzneimittel auf Kassenkosten. Außerdem können Patienten mit Bewilligung in der Apotheke auch Cannabisblüten kaufen.

Wenn es um den Verkauf von Blüten in der Apotheke geht, ist Volksanwalt Günther Kräuter, der zur Sendung "Bürgeranwalt" eingeladen wurde, noch skeptisch. Er wünscht sich aber ein Ende der "restriktiven und uneinheitlichen Kostenübernahme" bei Cannabismedikamenten durch die Krankenkassen. Das fordern auch die Gesundheitssprecher aller im Nationalrat vertretenen Parteien.

Fortbildung zu Cannbismedizin

Bewegung gibt es auch an anderer Stelle. Vor wenigen Tagen fand in Wien eine Fortbildung für Ärzte und Pharmazeuten zum Thema Cannabismedizin statt. So weit nichts Neues. Die Premiere dabei: Die Teilnahme wurde von der Wiener Ärztekammer mit Fortbildungspunkten belohnt.

"Es tut sich was", freute sich Kurt Blaas, Allgemeinmediziner und Gründer der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin bei der gut besuchten Fortbildung. Das liege aber vor allem am gestiegenen Interesse der Patienten. "Von ihnen geht eine geballte Kraft aus. Sie interessieren sich für Lösungen abseits der Schulmedizin, sind topinformiert."

Niedersachsen, Duderstadt: Ein Patient hält eine Dose mit Cannabis in der Hand. In Deutschland seit mehr als einem Jahr gegen ein Rezept möglich.
foto: apa/dpa/swen pförtner

Was deswegen wichtig sei: Gut geschulte Ärzte und Apotheker. Wie bei anderen Medikamenten auch, müsse immer im Einzelfall entschieden werden, ob ein Cannabismedikament beim jeweiligen Krankheitsverlauf sinnvoll ist und welche Therapien oder Medikamente zuvor schon ausprobiert oder eingenommen wurden.

Tausende Patienten in Österreich

Blaas schätzt, dass es in Österreich etwa 9.000 Patienten gibt, die Cannabismedikamente einnehmen – ob von der Kasse bezahlt, oder nicht. "Weitere 2.500 stehen in den Startlöchern", sagt der Arzt, der sich seit den 90ern mit Cannabismedizin beschäftigt. Allein zu seinen Informationsveranstaltungen würden einmal pro Monat bis zu 70 Menschen aus ganz Österreich kommen.

Auch er kennt einige Geschichten von Patienten, die Cannabismedikamente nicht bewilligt bekamen. Was auffalle, sei ein Ost-West-Gefälle: In Wien habe man viel höhere Chancen auf eine Kostenübernahme als im Westen. "Das darf natürlich nicht so sein." Der Arzt geht davon aus, dass etwa 35 bis 40 Prozent der Rezepte auf Anhieb von Krankenkassen übernommen werden. "Es ist bei uns viel besser geregelt als in anderen Ländern, das muss man sagen. Aber natürlich gibt es Luft nach oben", sagt Blaas.

Preismonopol belastet Patienten

Cannabispräparate gibt es auf dem Markt nur sehr wenige, daher ist ihr Preis so hoch, dass sich die meisten Menschen eine Behandlung mit den Medikamenten nicht leisten könnten, sagt Blaas. Das in Österreich gängigste dieser Medikamente ist das aus der Pflanze gewonnene Präparat Dronabinol der deutschen Firma Bionorica. Das Cannabis, das zur Produktion dieser Kapseln beziehungsweise Tropfen verwendet wird, wird in Österreich von der Agentur für Gesundheit (Ages) angebaut und nach Deutschland exportiert. Noch teurer sei der Spray Sativex, "den habe ich bis jetzt vielleicht zehnmal verschrieben", sagt der Arzt.

Das in Österreich gängigste Präparat ist Dronabinol. Hergestellt wird es von der deutschen Firma Bionorica, unter anderem mit staatlich angebautem Cannabis aus Österreich.
foto: reuters/michaela rehle

Vorrangig würden Tumorpatienten Kosten bewilligt bekommen, aber auch bei multipler Sklerose oder dem Tourettesyndrom gebe es meist eine sofortige Bewilligung. Blaas hat Tipps für Patienten, die die Kosten von der Kasse erstattet bekommen wollen: "Es ist wichtig, beim ersten Mal selbst zum Chefarzt zu gehen, seine Geschichte zu schildern und alle Befunde dabeizuhaben."

Der Hauptverband hat keine konkreten Daten dazu, in wie vielen Fällen es nicht zu einer Kostenübernahme für Cannabispräparate gekommen ist. Allein im zweiten Halbjahr 2017 hätten sich die die Kosten für Cannabinoid-Produkte auf über vier Millionen Euro belaufen, antwortet der Hauptverband dem STANDARD. "Oft kann bei den genannten Diagnosen mit bewährten, wirksamen und günstigeren herkömmlichen Medikamenten das Auslangen gefunden werden", heißt es weiters in der Stellungnahme.

Pharmaunternehmen gegen Blütenverkauf

Zum Verkauf von Cannabisblüten in der Apotheke – wie in Deutschland – hat Blaas eine nüchterne Meinung. Auch hier gelte es im Einzelfall ärztlich zu prüfen, ob Blüten wirken können. Letztlich sei es Geschmackssache. Einige Patienten hätten auch schon selber Cannabis angebaut und das Extrakt verwendet. "Die Leute rauchen sich nicht ein, wenn sie die Blüten holen. Das sind oftmals Krebspatienten im Endstadium, die sich einen Tee kochen oder das Extrakt in anderer Form einnehmen", sagt Blaas. Was das Beispiel auch zeige: Es sei unverantwortungsvoll, Patienten hier in die Illegalität abdriften zu lassen.

Ein Foto aus dem Labor von Bionorica: Cannabis in drei unterschiedlichen Zuständen.
foto: reuters/michaela rehle

Ein Effekt des Verkaufs von Blüten beziehungsweise Cannabisextrakt in der Apotheke wäre natürlich, dass die Preise der Cannabismedikamente fallen würden. Dass vor allem Bionorica momentan gegen die Freigabe der Blüten zum Verkauf mobilisiert, darf daher nicht verwundern. Michael Popp, Bionorica-Chef, bezeichnete Blüten etwa als "Steinzeittherapie", der Pharmakonzern gibt selbst Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte zur Cannabismedizin.

Apotheker sind bereit

Auch zwei Apothekerinnen aus Wien, die zur Fortbildung gekommen sind, können sich eine Möglichkeit wie in Deutschland gut vorstellen. "Aber solange das bei uns noch nicht legal ist, haben wir keine Möglichkeit." Die Politik sei am Zug. Bis sich da etwas tut, appellieren die beiden Apothekerinnen vor allem an die Patienten: "Niemand sollte sich Medikamente online bestellen. Hier kann viel zu viel schieflaufen, das beobachten wir leider immer wieder."

Was die beiden damit meinen, sind CBD-Produkte – nach THC das zweithäufigste Cannabinoid aus der Cannabispflanze, das keine psychoaktive Wirkung hat. Blüten, Kapseln, Öle, Liquids für die E-Zigarette und andere Produkte können legal erworben werden. "Das ist eine Geschäftemacherei, mehr nicht", sagt Sinisa Katanic, der die Weltapotheke in Wien betreibt. Auch Blaas sagt: "Man will die Leute hinters Licht führen." Es gebe eine unüberschaubare Palette an Produkten und Produzenten – und keine Kontrolle, weil CBD-Produkte nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. (Lara Hagen, 1.6.2018)

foto: reuters/chris wattie

Wissen: Wie andere Länder mit Cannabis umgehen

Ein Joint zur Entspannung ist in der ganzen EU verboten – die Grundlage dafür kommt aus dem Jahr 1961: Die Single Convention on Narcotic Drugs der Uno ist der Ursprung sämtlicher Suchtmittelgesetze der Mitgliedsländer. Der Konvention zufolge sind die darin gelisteten Drogen – darunter auch Cannabis – auf medizinischen und wissenschaftlichen Gebrauch zu beschränken. Wer Cannabis zu anderen Zwecken besitzt, anbaut oder damit handelt, soll bestraft werden. Hier gehen die EU-Länder recht unterschiedliche Wege:

Obwohl der Besitz in der gesamten EU verboten ist, darf in 17 EU-Ländern Cannabis geraucht werden, theoretisch auch in Österreich. Verboten und mit Haft bestrafbar ist der Konsum in Frankreich, Ungarn, Schweden, Finnland, Estland und Griechenland.

Während in einzelnen Bundesstaaten der USA und ab Sommer auch in ganz Kanada der Konsum von Cannabis legalisiert wird, geht auch in der EU der Trend in Richtung Liberalisierung.

Viele Mitgliedsländer haben die Strafen für konsumbezogene Cannabisdelikte in den letzten Jahren reduziert. In Portugal, Slowenien und Tschechien, Kroatien und Malta wurde beispielsweise der Besitz von Drogen zum Eigengebrauch entkriminalisiert, in Luxemburg nur der Besitz von Cannabis. In Belgien gibt es seit 2003 Geldstrafen statt Haft.

In Österreich wird seit 2008 eine vorzeitige Einstellung der Strafverfolgung durchgeführt – Fälle wie der Besitz von wenigen Gramm zum Eigenbedarf kommen zwar zur Anzeige, werden dann aber von der Polizei an die zuständigen Gesundheitsbehörden übergeben. Diese ermitteln, ob eine Therapie notwendig ist. Laut dem Drogenbericht des Gesundheitsministeriums wird aber nur in sehr wenigen Fällen ein behandlungsrelevanter Konsum festgestellt.

Zu medizinischer Behandlung kann man sich den Joint in fünf EU-Ländern anzünden – seit 2017 etwa in Deutschland. Auch in Frankreich wird aktuell diskutiert: Gesundheitsministerin Agnès Buzyn sagte dem Radiosender France Inter am Donnerstag: "Es gibt keinen Grund, Cannabis als Medikament auszuschließen, nur weil es Cannabis ist." Auf die Frage, ob medizinisches Cannabis in Frankreich legalisiert werde, antwortete sie: "Das könnte passieren."


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