Ermordetes Mädchen in Wien: Kriegsflüchtlinge unter Generalverdacht

Kolumne |
15. Mai 2018, 19:08

Der Fall des Kindsmordes in Wien-Döbling lässt auch Fantasien in Krawallzeitungen laut werden

Also doch keine "Familienfehde" zwischen Tschetschenen und einem "Aserbaidschaner". Die Krone musste ihre Horrorgeschichte noch blitzschnell umschreiben. Es war die Tat eines vermutlichen Psychopathen, 16 Jahre alt. Das kleine tschetschenische Mädchen war in die Wohnung der befreundeten Familie, ebenfalls aus Tschetschenien, gegangen, wie schon oft, freiwillig, nicht "dorthin gelockt". Der 16-jährige Sohn der ebenfalls tschetschenischen Familie, ein guter Schüler im Gymnasium, konnte keinen Grund für die Tat nennen.

So viel zu den Fantasien unserer Krawallzeitungen. Und vieler unserer geschätzten Mitbürger. In den Internetforen, auch im STANDARD, häuften sich die Postings – vor und nach der Aufklärung des Falls. Fantasie Nr. 1: Das war sicher ein Rachemord in muslimischen Stammeskulturen. Fantasie Nr. 2: Was brauchma überhaupt die Tschetschenen, wieso sind die bei uns?

Weil sie schon vor 20 Jahren vor dem erbarmungslosen Krieg unseres Freundes Putin und seiner Handlanger geflohen sind und bei uns Asyl bekommen haben, lautet die Antwort. Die Geschichte der Tschetschenen in Österreich – es sind rund 30.000 – ist die sehr düstere Geschichte einer (auf beiden Seiten) erbarmungslosen Auseinandersetzung zwischen dem russischen Staatskoloss und einem kleinen, aber äußerst widerspenstigen muslimischen Volk im Kaukasus.

Putins erbarmungslose Antiterrorkampagne

Die Geschichte reicht fast 200 Jahre zurück. Das russische Reich ist heute wie damals unfähig zu inneren Reformen und versucht das mit äußerer Expansion zu kompensieren. Im 19. Jahrhundert unter dem Zaren dehnte man das Reich auf Tschetschenien aus, es folgte ein jahrzehntelanger erbitterter Guerillakampf, der mit Leo Tolstoj und Michail Lermontow auch Eingang in die Weltliteratur fand. Im Zweiten Weltkrieg ließ Stalin die Tschetschenen deportieren, damit sie nicht mit den Deutschen gemeinsame Sache machen konnten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sahen die Tschetschenen erneut eine Chance, wurden aber im ersten Tschetschenienkrieg (1991-96) erbarmungslos niederkartätscht, die Hauptstadt Grosny ein Trümmerhaufen.

Nachdem sie zum extremen jihadistischen Terror übergegangen waren, zog der neue Präsident Putin im zweiten Krieg eine ebenso erbarmungslose Antiterrorkampagne auch gegen Zivilisten durch. Seither führt sein ehemaliger Vasall Ramsan Kadyrow in Tschetschenien eine Gewaltherrschaft. FPÖ-Politiker wie Johann Gudenus machten ihm ihre Aufwartung.

Als Folge dessen kamen tausende tschetschenische Flüchtlinge nach Österreich. Sie leben in einer abgeschotteten, von extremem Misstrauen nach außen getragenen Clanstruktur.

Nicht wenige Bürger, und die Krawallmedien schon überhaupt, sehen daher in den Tschetschenen nicht die Kriegsflüchtlinge, sondern eine extrem fremde, beunruhigende Gruppe, die unter Generalverdacht steht. Die Polizei konnte die Tat schnell aufklären und damit einem weiteren Aufschaukeln der Verschwörungstheorien die Grundlage entziehen. Hoffentlich. (Hans Rauscher, 16.5.2018)

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