Schimpfen über Flüchtlinge: Verrohung der Sprache

Kommentar |
18. Mai 2018, 16:30

Die Chance Probleme vernünftig zu lösen wäre größer, wenn man sie zuvor auch vernünftig diskutieren könnte

Den jüngsten Aufreger lieferte Alice Weidel. Die Chefin der AfD hielt es in ihrer Rede zum deutschen Budgetvoranschlag für angebracht, einen verbalen Schlenker in Richtung Flüchtlinge zu machen: "Burka, Kopftuchmädchen, alimentierte Messerstecher und andere Taugenichtse" würden den Wohlstand der Deutschen nicht retten, rief die AfD-Chefin. Und in Richtung Grüne gewandt: Deren fette Pensionen würden "Ihre eingewanderten Goldstücke" nicht zahlen, spottete Weidel, und man sah ihr die Freude an der unerhörten Provokation an.

Hat Weidel ein Tabu gebrochen? Ja, das hat sie – allerdings war es nur ein weiteres Tabu in einer ganzen Reihe von Be- und Zuschreibungen für geflüchtete Menschen, die in den vergangenen Jahren um sich griffen. Man denke etwa an den (ehemaligen) deutschen Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, der 2010, also lange vor der großen "Flüchtlingskrise", über in Deutschland lebende Migranten schrieb, diese würden mehrheitlich "Kopftuchmädchen produzieren, die wieder Kopftuchmädchen produzieren". Oder, noch früher in Österreich, die FPÖ, die vor der Nationalratswahl 2006 "Daham statt Islam" plakatieren ließ.

Damals steckten die sozialen Medien beinahe noch in den Kinderschuhen. Diesen also die alleinige Schuld an Hass und Hetze gegen Flüchtlinge zuzuschieben wäre zu einfach und zu billig. Politiker aller Lager überschreiten immer wieder die Grenzen des guten Geschmacks, der Höflichkeit und der Wertschätzung – füreinander, und erst recht gegenüber anderen. "Flüchtlinge" werden häufig mit Naturkatastrophen gleichgesetzt, "Krise" und "Problem" sind allgegenwärtig, wenn es um Ausländer geht.

Da darf es nicht verwundern, wenn sich die Bevölkerung irgendwann tatsächlich davor fürchtet, sie könnte durch die Regierung "ausgetauscht" werden – eine Unterstellung, welche etwa die AfD wie ein Mantra vor sich herträgt,

Dass in Sachen Migration und – vor allem – Integration bei weitem nicht alles rund läuft, ist nicht zu leugnen. Die Chance wäre aber größer, Probleme vernünftig zu lösen, wenn man sie zuvor auch vernünftig diskutieren könnte.

Stattdessen verrohen Sprache und Sitten weiter. Fallen einmal die Schranken, ist schon egal, wer abgewertet wird: Flüchtlinge, Ausländer, Muslime, Afghanen, Tschetschenen, Kopftuchfrauen, Frauen überhaupt. Die Verrohung schreitet voran, wir empören uns kurz, und das war's dann wieder. Bis zur nächsten Provokation. (Petra Stuiber, 18.5.2018)

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