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Schnipp, schnapp, Kinderwunsch ab

16. Juni 2018, 11:00

Bei einer Vasektomie werden die Samenleitern des Mannes durchtrennt. Es ist eine der sichersten Verhütungsmethoden und minimal invasiv, in jeder Hinsicht

Meine Familienplanung sah in etwa so aus: Wenn ich bis 40 nicht Vater werden würde, dann wollte ich es danach nicht mehr werden. Der "liebe Opa", auf den die armen Kinder immer angesprochen werden, wenn sie der späte Vater in den Kindergarten bringt, der wollte ich nie sein. Anthony Quinn oder Julio Iglesias, zwei lendenstarke und späte bis sehr späte Väter, waren für mich keine Vorbilder.

Zufall oder perfektes Timing: Fünf Monate nach meinem 40. Geburtstag wurde ich Vater, dem Himmel und der Mutter des Kindes sei Dank. Die Tochter war ein "Goldkind", wie Karlsson vom Dach alle Kinder ausnahmslos nennt, besser ging es nicht, mehr musste nicht sein. Das Pathos vieler Männer, ihren eigenen Samen betreffend, teilte ich nie.

Sterilisieren lassen

Ich suchte also im Internet nach "Vasektomie", und der Arzt, den ich kontaktierte, punktete mit einer unglaublichen Geschichte: Er hatte sich einst die Samenleiter selbst durchtrennt und fachmännisch wieder vernäht, auf einem Tisch in jenem Krankenhaus, in dem er zu Beginn seiner Karriere arbeitete. Der wusste also, wie es geht! Den Eingriff führte er an einem Sonntagmorgen in einer Art Weinhaus im 19. Wiener Bezirk durch, er hatte eine Assistentin dorthin bestellt, nach deren Anweisungen ich mich auf eine Couch legte, dann ging es los. Zuvor freilich übergab ich ihm die verlangten 600 Euro.

Vasektomie meint die "Sterilisation des Mannes" und gilt als eine der sichersten und nachhaltigsten Formen der Empfängnisverhütung, erklärt Johannes Schobesberger, der im sechsten Bezirk seine Ordination betreibt (und der nicht jener Arzt ist, der mich operierte). Das Thema Vasektomie, das dort oft besprochen wird, ist nach wie vor mit vielen Ängsten verbunden.

Ohne Skalpell

Es gebe "unzählige" Techniken der Operation, erklärt Schobesberger, weit verbreitet sei seit 30 Jahren die sogenannte No-scalpel-Technik, sie zählt zu den minimalinvasiven Eingriffen. "Der Samenleiter ist wie der Hoden paarig angelegt und zieht seitlich im Hodensack zu den Leisten. Hat man früher also den Hodensack mit zwei Schnitten geöffnet, so wird heute nur noch eine Hautöffnung mittels eines Spezialinstruments in der Mitte gesetzt. Die Samenleiter würden dann "unter der Haut dorthin bewegt und vorübergehend herausgeholt". Das dann sichtbare Gewebe beschreibt Schobesberger als "mattglänzend weiß". Anschließend ertastet der Arzt "die sehr charakteristische Struktur", der Samenleiter ist "kreisrund und spulhart, quasi wie ein Draht".

Eine sorgsame Lokalanästhesie und exakter Tastsinn sind notwendige Voraussetzungen für ein gutes Gelingen des Eingriffs. Auf speziellen Wunsch kann er auch in Kurznarkose angeboten werden. Vom "Grüß Gott" bis zum "Auf Wiederschauen" vergeht circa eine Stunde, der dazwischenliegende Eingriff dauert 20 bis 30 Minuten. Die Samenleiter werden durchtrennt und elektrothermisch verödet, die beiden Enden werden "umgelegt" und vernäht. "Man kann auch ein Stück Samenleiter entfernen", so der Arzt.

Gut überlegt

Manchmal kommt es vor, dass der Termin kurzfristig abgesagt wird. Sätze wie "Meine Frau hat Druck gemacht!" klingen dann wie eine Ausrede. Für den Arzt ist es daher wichtig, "dass Paare die Entscheidung gemeinsam treffen". Die Männer, die zu ihm kommen, seien meist sehr gut informiert und "haben schon eine Weile darüber nachgedacht". Das typische Alter liege zwischen 35 und 50 Jahren, "Vasektomie ist auch bei einem 60-Jährigen kein hinausgeschmissenes Geld", sagt Schobesberger. Das seien dann oft Männer, die in zweiter oder dritter Ehe leben und sicher sein möchten, "keinen Kinderwagen mehr schieben zu müssen". Wer seinen Samen sicherheitshalber doch konservieren möchte, kann sein Ejakulat in einem Kinderwunschzentrum tiefgefroren lagern lassen.

Immer wieder kommen auch Männer zu ihm, deren "genetisches Erbe so belastet ist, dass sie es auf keinen Fall an ein Kind weitergeben möchten". In diesem Zusammenhang gebe es auch die meisten Anfragen, ob die Kasse den Eingriff übernimmt, was aber nach Erfahrung des Arztes nie vorkommt. Bei unter 25-Jährigen lehnt Schobesberger den Eingriff grundsätzlich ab. Die kämen meistens sehr aufgewühlt zu ihm, wenn sie sich von ihrer Partnerin "hinters Licht geführt sehen", diese also schwanger wurde, obwohl sie ihnen versicherte, dass sie verhütet. Grundsätzlich lägen daher zwischen Informationsgespräch und Operation immer mindestens ein bis zwei Wochen.

Sorge um Ejakulat

Schobesberger hat dafür in seiner Ordination einen Operationstisch, für den Fall, "dass jemand ein Kreislaufproblem hat, als Reaktion auf seine Angst zum Beispiel. Der Stress kann einem das Bewusstsein rauben." Was ist, wenn einer aufsteht und vor Angst davonläuft? "Das kam bislang nicht vor, aber im Zweifel würde ich ihn laufen lassen, solange die OP noch nicht begonnen hat!"

Die Samenzellen des Mannes sind im Unterschied zu den zahlenmäßig fix angelegten und daher begrenzt verfügbaren weiblichen Eizellen "Wechselgewebe" wie Haut oder Blut. Das Ejakulat enthält zu etwa zehn Prozent Spermien, Prostata und Samenblase steuern die restlichen 90 Prozent des Ejakulatvolumens bei. Die große Angst der Männer, dass nach der Vasektomie "nichts mehr rauskommt", ist völlig unbegründet. Die zehn Prozent weniger Volumen seien "eine nicht fühlbare Größe". Fühl- und sichtbar würde der Mengenverlust erst beim älteren Mann ab 50, da setze "ein physiologischer Abbauprozess" ein. Ganz versiegt die Spermienproduktion ohnehin nie, die Zeugungsfähigkeit bleibt theoretisch bis ins hohe Alter erhalten, nach der Sterilisation werden die weiterhin produzierten Spermien vom Körper abgebaut.

Was mit der Potenz ist

Die häufigste Frage im Erstgespräch sei die nach möglichen Schmerzen. Ein leichtes Ziehen nach dem Eingriff verspürt rund ein Drittel der Männer, der Rest hat gar keine Schmerzen. Infektionen kämen "praktisch nicht" vor, wenn man "steril und sauber" arbeitet, daher gebe es auch keine Notwendigkeit, mit Antibiotika "abzuschirmen". Die Operation verlaufe "sehr blutungsarm".

Gelegentlich wird ihm auch die Frage gestellt: Kann der Eingriff meiner Potenz schaden? "Nein", sagt er. Vielmehr freuen sich die meisten Männer, dass sie sich danach sorglos und ohne an einen Gummi zu denken "der Freude hingeben können". Sex passiere schließlich zum größten Teil im Kopf, sagt Schobesberger.

Teure Rückoperation

Eine ebenso häufige Frage: Werden Hormonhaushalt und Libido beeinträchtigt? Auch das kann Schobesberger mit einem Nein beantworten, weil der Hormonhaushalt durch den Eingriff nicht betroffen ist. Hormone werden nicht über den Samenleiter, sondern über die Venen transportiert.

Eine Rückoperation (Refertilisierung) ist möglich, der technisch herausfordernde Eingriff wird in Vollnarkose durchgeführt und ist teurer. Dabei werden Schleimhaut, Muskelschicht und Bindegewebe unter Verwendung eines Mikroskops in getrennten Schichten genäht. Die mit dieser Technik erzielte "Durchgängigkeitsrate" liegt bei 70 bis 80 Prozent. Die Vasektomie selbst ist übrigens nur in einem Prozent der Fälle nicht erfolgreich.

Schobesberger fragt nach einem Jahr jeden Patienten, ob er den Eingriff bereut. Ein "Ja" hat er noch nie gehört. (Manfred Rebhandl, 16.6.2018)