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Das Imperium stolpert: Deutschland unterliegt Mexiko

17. Juni 2018, 19:13

Bis zum Duell mit Schweden hat Trainer Joachim Löw reichlich Stoff zum Nachdenken

Moskau – Die Frage, ob Deutschland auch am 15. Juli im Luschniki-Stadion gastiert, konnte am Sonntag ebenda natürlich nicht einmal ansatzweise geklärt werden. Den Status eines Favoriten auf den Einzug ins Moskauer Finale verlor der Titelverteidiger vier Wochen vorher gegen Mexiko auch nicht. Aber nach der durch "Erdogate" und "Klein-Córdoba" (Klagenfurt! 1:2! Gegen Österreich!) gestörten Vorbereitung startete die Mannschaft von Joachim Löw denkbar schlecht ins russische Turnier.

Die erste Chance im Heuler des vierten Spieltages der Endrunde hatte "El Tri", doch Abwehrchef Jérôme Boateng verhinderte schon in der ersten Minute mit einem Hechtsprung den Abschluss Hirving Lozanos, des Jungstars in der Truppe von Coach Juan Carlos Osorio. Die begann ganz und gar nicht zurückhaltend, sondern mit viel Risiko, Pressing und nahezu perfektem Umschaltspiel, das die deutsche Abwehr, in der Marvin Plattenhardt den erkrankten Jonas Hector ersetzte, vor interessante Aufgaben stellte.Torhüter Manuel Neuer war bald warm geschossen, erst von Spielmacher Héctor Herrera (10.), dann von Hector Moreno per Kopf (14.). Gegen Javier Hernández musste der an Spielpraxis arme Kapitän gar nicht erst eingreifen, weil "das Erbschen" (Chicharito) nach einem Traumpass die große Chance auf sein 50. Tor für Mexiko vertändelte (18.).

"Chucky" schlägt zu

Angesichts des Risikos, das die Mexikaner gingen, nahmen sich die offensiven Aktionen der Deutschen dürftig aus, zwei Schüsse von Timo Werner, eine gefährlich abgefälschte Flanke – mehr war in der ersten halben Stunde nicht. Óle hallte es bei jeder mexikanischen Ballberührung durch das Stadion, wenig später war die Fiesta perfekt. Nach einem Ballverlust von Sami Khedira weit in der mexikanischen Hälfte ging es ganz schnell: Chicharito bediente Lozano, der 22-Jährige von Eindhoven, "Chucky" gerufen, versetzte den zurückgeeilten Mesuth Özil und schoss unhaltbar für Neuer flach zum 1:0 ein (35.).

Mexikanische Erleichterung.
foto: reuters/kai pfaffenbach

Es schien, als hätten die Deutschen dieser Ohrfeige bedurft. In aller Routine versuchten vor allem die Weltmeister im Team, der mexikanischen Euphorie schnell einen Dämpfer zu versetzen. Fast wäre das auch gelungen, doch Mexikos hervorragender Goalie Guillermo Ochoa lenkte einen Freistoß von Toni Kroos an die Latte (38.). Die Einschüchterung glückte nicht. Carlos Vela, eigentlich mit der Bewachung von Kroos betraut, gab den letzten Torschuss der ersten Hälfte ab.

Gezeitenwechsel

Löw reagierte vorerst nicht mit einem Wechsel, aber die Deutschen schickten sich an, aus ihrem Ballbesitz-Plus auch etwas Druck zu generieren, zumal die Mexikaner etwas auszublasen schienen. Mehr als Ansätze von Chancen schauten nicht heraus, weshalb der Bundestrainer Dortmunds Stürmer Marco Reus für Khedira aufbot. Die beste Szene zeigte zunächst allerdings Joshua Kimmich mit einem Fallrückzieher, der auf dem Tor landete.

Coach Osorio holte "Chucky" Lozano vom Feld, mit ihm verlor das mexikanische Spiel deutlich an Schrecken, zumal die Konter nicht energisch fertig gespielt wurden. Dazu ließ sich der iranische Referee Alireza Faghani nicht zu einem Elferpfiff hinreißen, nachdem Mats Hummels ziemlich energisch gegen den alleine auf Neuer zulaufenden Chicherito zugegriffen hatte (70.).

Die deutlich ermatteten Mexikaner stellten sich darauf ein, die Führung mit Mann und Maus zu verteidigen – und mit dem einstigen Kapitän Rafael Márquez (39), der im Mai eigentlich seine Karriere beendet hatte, sich dann aber doch zu einer fünften WM überreden ließ.

Deutscher Frust.
foto: reuters/christian hartmann

Die Deutschen, die seit der Wiedervereinigung, also sechsmal en suite, erfolgreich und mit insgesamt 23:2 Toren in Weltmeisterschaften gestartet waren, drückten jetzt, aber auch mit Hilfe von Mario Gomez war von spielerischer Gewitztheit, wie sie die Mexikaner zumindest in der Einleitung von Kontern zeigten, wenig zu sehen. Ein Schuss des ebenfalls eingewechselten Julian Brandt streifte immerhin die Stange. In der Nachspielzeit belebte sogar Goalie Neuer den mexikanischen Strafraum – an der Niederlage war nicht mehr zu rütteln. (lü, 17.6.2018)

Fußball-WM in Russland, Gruppe F, Sonntag

Deutschland – Mexiko 0:1 (0:1)
Moskau, Luschniki-Stadion, 78.000 Zuschauer, SR Alireza Faghani (IRI)

Tor: 0:1 (35.) Lozano

Deutschland: Neuer – Kimmich, Boateng, Hummels, Plattenhardt (79. Gomez) – Khedira (60. Reus), Kroos – Müller, Özil, Draxler – Werner (86. Brandt)

Mexiko: Ochoa – Salcedo, Ayala, Moreno, Gallardo – Herrera, Guardado (73. Marquez) – Layun, Vela (58. Alvarez), Lozano (66. Jimenez) – Chicharito

Gelbe Karten: Müller, Hummels bzw. Moreno, Herrera

Stimmen

Joachim Löw (Teamchef Deutschland): "Das ist in der Tat eine nicht gewohnte Situation. Dem müssen wir uns jetzt stellen. Das Turnier ist lang. Am Ende haben wir in den Kombinationen nicht die Sicherheit gehabt, die man kennt und wie ich mir das vorstelle. Wir konnten uns nicht von hinten raus entfalten. Unsere Kombinationen nach vorn sind nicht mit diesem Risiko, mit dieser Entschlossenheit gemacht worden. Der Start hat nicht geklappt. Jetzt müssen wir das nächste Spiel gewinnen, klar. Ich bin überzeugt, dass wir eine Reaktion zeigen können."

Juan-Carlos Osorio (Teamchef Mexiko): "Wir haben einen Plan gehabt, sechs Monate haben wir daran gearbeitet. Aufgrund von Verletzungen mussten wir einige Spieler wechseln, aber wir haben unseren Plan beibehalten. In der ersten Hälfte sind wir relativ tief gestanden und haben sehr schnell gekontert. Mit allem Respekt vor Deutschland: In der ersten Hälfte waren wir überlegen. Spieler, die internationale Erfahrung haben, haben die Jungen angetrieben. Wir haben aus Liebe zum Spiel gespielt und nicht mit Angst zu verlieren. Wir werden diesen Sieg jetzt feiern und weitermachen. Ein Kompliment an alle meine Spieler."

Hirving Lozano (Torschütze Mexiko): "Wir haben viel dafür gearbeitet, der Trainer hat uns bestens vorbereitet, wir waren nervenstark. Wir haben einfach gezeigt, was wir draufhaben. Es ist das wichtigste Tor meines Lebens. Wir alle träumen davon, eine Weltmeisterschaft zu spielen und ein so bedeutendes Debüt bei einer WM zu haben."

Toni Kroos (Spieler Deutschland): "Wir waren konteranfällig, weil wir die Bälle viel zu einfach vorne verloren haben. Wir sind unter Druck jetzt, ohne Frage. Wir müssen jetzt, wenn möglich, sechs Punkte aus den zwei Spielen holen."

Mats Hummels (Spieler Deutschland): "Wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt – nur gegen einen besseren Gegner. Wir haben ein paar Dinge angesprochen wie leichte Ballverluste und Absicherung, die wir heute leider wieder nicht umgesetzt haben. Dadurch sah die erste Halbzeit aus, wie sie aussah. Mexiko hat das Spiel dadurch auch verdient gewonnen, weil wir es ihnen viel zu leicht gemacht haben in dem Wissen, dass wir genau das nicht hätten zulassen dürfen. Ein Weckruf, zu spät. Wir müssen jetzt zwei Spiele gewinnen, sonst war es das mit der WM. Ich verstehe nicht so ganz, warum wir es heute so gespielt haben, weil wir eigentlich schon einen Schuss vor den Bug bekommen hatten."

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