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"Ein Sommelier wird selten alkoholkrank"

Interview |
19. Juni 2018, 08:00

Genuss, Sucht und Gesundheit hat Markus Metka, Organisator des Medicinicums Lech, zum Thema gemacht. Es geht um die Wechselwirkungen

STANDARD: Ist Genuss ein Luxusthema unserer Überflussgesellschaft und deshalb das Thema, das Sie für das heurige Symposium, das von 5. bis zum 8. Juli in Lech stattfindet, gewählt haben?

Metka: Das glaube ich nicht. Im Einfachen kann viel Genuss vorhanden sein, aber auch im Verzicht. Ich glaube nicht, dass der Genuss mit der Überflussgesellschaft zusammenhängt. Mithilfe des Genusses wehrt man sich gegen die Konsumgesellschaft, die ihre Mitglieder ja wie die Mastgänse vollstopft.

STANDARD: Ist der übermäßige Konsum der Konnex zur Gesundheit?

Metka: Essen und Diskutieren sind wesentliche Elemente im familiären Zusammenhalt. Wenn man nicht mehr zusammen isst, ist man keine Familie mehr. Das ist auch eine Form von Genuss. Einseitigkeit kann zu krankhaften Entwicklungen führen. Essen hat keinen Reiz mehr, wenn man es nebenher konsumiert. Das musste ich auch erst lernen und erkennen. Es fängt schon beim Säugling an. Die Erziehung ist das Um und Auf.

STANDARD: Inwiefern?

Metka: Ernährung und Essen sind Fragen der Erziehung. Wenn man das Genießen in jungen Jahren erlernt, ist man bis zu einem gewissen Grad vor krankhaften Entwicklungen geschützt. Dann entwickelt sich in den seltensten Fällen der Genuss zur Sucht. Interessanterweise finden sich zum Beispiel unter jenen, die sich genüsslich mit Suchtmitteln wie Alkohol befassen, kaum Suchtkranke. Ein Sommelier wird eher selten alkoholkrank, weshalb ich denke, dass Genuss – bis zu einem gewissen Grad zumindest – die Sucht vielleicht sogar verhindern kann.

STANDARD: Wie genau soll Sucht im Zusammenhang mit Substanzen, die per se nicht süchtig machen, verhindert werden?

Metka: Experten wie der Wiener Philosoph und Psychotherapeut Martin Poltrum, der am Medicinicum sprechen wird, behandeln die Sucht, indem sie Betroffenen beibringen zu genießen. Wenn der Genuss "entartet", aus welchen Gründen auch immer, führt das zu großen Problemen. Es muss sich dabei nicht um Fresssucht oder Alkoholsucht handeln, sondern es kann auch Internetsucht oder Kaufsucht sein. Mit all diesen Zusammenhängen werden wir uns in Lech auseinandersetzen. Das Besondere ist die Zusammenstellung der Vortragenden. Es sprechen nicht nur Mediziner, sondern auch Philosophen und Experten aus Politik und Handel. Diese Mischung ist einzigartig für so eine Veranstaltung.

STANDARD: In der Gesellschaft scheint alles in Richtung Fast Food zu laufen, oder?

Metka: Es gibt schon noch Strömungen, die Genuss unterstützen, etwa die Slow-Food-Bewegung. Das ist eine relativ aktive Vereinigung. Auch unter jungen Leuten gibt es mittlerweile starke Tendenzen hin zum Genuss, aber der Hang zum Fast Food bzw. dem "eat to go" ist vorherrschend.

STANDARD: Spricht nicht der Trend zu Diäten auch gegen das "Konzept" Genuss?

Metka: Verzichten kann durchaus als Genuss empfunden werden. Fasten hat eine lange Tradition und ist eine Form der Diät. Diäten können aus medizinischer Sicht aber auch der falsche Weg sein. Viel besser wäre es, darauf zu achten, was man konsumiert, und das bewusst zu tun. Gesundes Essen ist ein Thema, über das man tagelang sprechen könnte. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern den US-amerikanischen Buchautor Michael Pollan, der sagte: "Eat food, not too much, mostly plants." Das Geniale an dieser kurzen Aussage ist, dass sie knapp beschreibt, wie man gesund alt werden kann. (Sonja Streit, 19.6.2018)