Foto: sia kermani

Hitzetauglich: Das Comeback des Leinens

30. Juni 2018, 15:00

Unförmige Sackkleider mit Öko-Charme sind vergessen. Das angeknitterte Image des markanten Stoffes hat es besonders jungen Modelabels angetan

Vergangenes Jahr in dem kleinen Städtchen Desenzano del Garda am Gardasee: Die Sonne scheint, als gäbe es kein Morgen, Premierministerin Theresa May, dunkle Sonnenbrille, flache getigerte Sandalen, kirschrot lackierte Nägel, flaniert gemeinsam mit Ehemann Philip durch die Gassen. Wichtiger Bestandteil der sonnigen Urlaubsinszenierung: ein angeknittertes rosa Leinenkleid, knapp über den Knien endend. Das Stück Leinen (für 26 Pfund das Stück, ermittelte der britische Boulevard) erfüllte seinen Zweck. Es vermittelte auf nonchalante Art: Ich bin tie-fen-ent-spannt. Solche Bilder konnte eine Frau wie Theresa May in jenem Sommer gut gebrauchen.

Mit ihrer Kleiderwahl steht die Premierministerin nicht allein da. Das Material mit der Lizenz zum Knittern erlebt gerade eine modische Wiederauferstehung. Damit sind natürlich nicht jene unförmigen Sackkleider aus dem Eine-Welt-Laden, die weißen Leinenhosen oder die Kostüme für den Mittelalter-Markt, die jedes Jahr strammstehen, gemeint. Es sind vor allem junge Modelabels, die den Stoff, der für sommerliches Laisser-faire steht, wiederentdeckt haben. Das knitterige, minimalistische Material mit der natürlichen Ausstrahlung fügt sich ein in die ästhetischen Vorlieben einer Generation, die ihr Bemühen um Nachhaltigkeit in allen Belangen wie eine Fahne vor sich herträgt.

Theresa May im rosa Leinenkleid.
foto: reuters/calanni

Retro-Zitat

In-Labels wie Rejina Pyo bauen das Leinen wie ein Retro-Zitat in ihre Kollektionen ein. Sie greifen die übergroßen Leinensakkos, den Galeristinnenchic der Neunzigerjahre, auf. Damals erlebte das Leinen (nach den 1970ern) sein zweites großes Comeback, Trendforscher wie Matthias Horx schrieben die angeknitterten hellen Hemden als Bestandteil eines puristischen Lifestyles hoch. Heute ist das Leinen, was im letzten Winter der Schnürlsamt war: ein Material mit Retro-Vibes im Gepäck. Sie verleihen dem markanten Stoff plötzlich wieder Coolness.

Franziska Fürpass, Designerin des Wiener Labels Femme Maison zum Beispiel hat in ihrem Atelier ein Bild von Julio Iglesias in einer weißen Leinenhose, fotografiert von Helmut Newton, hängen: "Wenn ich an Leinen denke, habe ich sofort Sommer, Sonne und die Côte d'Azur vor Augen." Für Fürpass ist Leinen "ein elegantes, aber trotzdem bequemes Material und bei jeder Gelegenheit zu tragen". Femme Maison gehört wie Natures of Conflict, Nanushka oder Staud zu jener Generation an jungen Designerlabels, die dem Leinen einen modischen Twist verleiht. Behäbiger Öko-Touch? Fehlanzeige.

Von wegen öko: Leinen kann auch elegant aussehen, das beweist das Wiener Label Femme Maison.
foto: sia kermani

Auch Christina Leitner, Leiterin des Textilen Zentrums Haslach, weiß die Qualitäten des Leinenknitters, der das Erscheinungsbild des Materials so einzigartig macht, zu schätzen. "Leinen ist außerdem extrem saugfähig, die Faser ist innen hohl, und der Stoff kann viel Flüssigkeit aufnehmen, ohne dass es sich nass anfühlt. Wenn man schwitzt, hat man lange nicht das Gefühl, dass man durchnässt ist." Das Textil aus den langen, groben, schwer zu verarbeitenden Fasern galt immer als der störrische und eigensinnige Kollege der Baumwolle. Das war nicht immer von Vorteil. "Weil Leinen viel schwerer zu standardisieren ist, gehörte es zu den großen Verlierern der industriellen Revolution", erklärt Leitner. Die Baumwolle siegte.

Doch plötzlich hängen selbst in Modeketten wie Mango oder Zara die angeknitterten, ach so natürlich aussehenden Blazer, Hosen, Kleider en masse an den Bügeln. In der Regel kosten sie nicht mehr als die Produkte aus Baumwolle, doch Leinen ist nicht gleich Leinen.

Wie der Laie hochwertiges Leinen von minderwertigen Stoffen (made in China) unterscheiden kann? Textilexpertin Leitner erklärt, dass für Billigproduktionen die Fasern gekürzt werden: "Weniger hochwertige Leinenstoffe sind faserig, nicht so scheuerfest, es stehen einzelne Härchen weg. Wenn man über den Stoff reibt, fängt er an zu haaren, die kurzen Enden lassen sich recht einfach herausziehen." Auch beim Leinenkauf kann es sich lohnen, die Oberfläche genauer zu untersuchen. (Anne Feldkamp, 30.6.2018)

Die neue Leinenmode von Hess Natur (oben), Jacquemus (Mitte) und dem Londoner In-Label Rejina Pyo.
foto: hess natur, jacquemus via stylebop, rejina pyo via net-à-porter

Weiterlesen:

Birkenstock: Imagepflege mit Designerschlapfen