FOTO: APA/HANS KLAUS TECHT
User

Lobautunnel: Alternative gefunden!

Userkommentar |
28. Juni 2018, 19:32

Warum der Umfahrungsring so bedeutend und die Bezugnahme auf die 80er Jahre fehlleitend ist. Eine Replik auf Herrmann Knoflacher

In seinem Kommentar der anderen ("Lobautunnel: Alternativlos ist nur der Tod!") widmet sich Verkehrsplaner Herrmann Knoflacher wieder einmal der Wiener Verkehrssituation. Er weist darauf hin, dass im Verkehrskonzept der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Umfahrungsring um Wien nicht mehr aufgenommen war.

Die im Bundesstraßengesetz verankerte A21 sollte östlich von Kaiserebersdorf, über das Naturschutzgebiet Blaues Wasser, die Donau querend durch die Wiener Lobau und östlich vom Flugfeld Aspern zum Knoten westlich von Raasdorf geführt werden. Diese Planung war tatsächlich nicht mehr in die Wiener Stadtentwicklungsplanung der 80er Jahre aufgenommen worden. Allerdings verblieb die Querung der Donau mit Brücke auf Höhe des Kraftwerks Freudenau in den Plänen mit einer Verlängerung der A22 vom Knoten Kaisermühlen bis zum Öllager. Die Beeinträchtigung des Blauen Wassers in Simmering und eines wesentlichen Teils der Wiener Lobau, jetzt Nationalpark, auf Höhe Panozzalacke und Dechantlacke wäre die Folge gewesen.

Mehr Bewohner als damals prognostiziert

Die geplante Reduktion des hochrangigen Wiener Straßennetzes konnte deswegen vorgenommen werden, weil die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung Wiens bei 1,4 Millionen Einwohnern im Jahr 2001 lagen und auch die Beschäftigtenzahlen auf rund 700.000 prognostiziert wurden. Am Flugfeld Aspern, heute Seestadt Aspern, waren laut Volkszählung 1981 weniger als zehn Wohnungen vorhanden! Der Eiserne Vorhang nördlich und östlich von Wien war eine hermetische Trennlinie.

Tatsächlich hat sich die Einwohnerzahl Wiens dynamisch nach oben entwickelt, glücklicherweise auch die Zahl der Arbeitsplätze. Wien steht knapp davor, eine Zwei-Millionen-Stadt zu werden, die Zahl der Beschäftigten bewegt sich bei einer Million und rund 250.000 Menschen pendeln Tag für Tag zur Arbeit nach Wien. Das ergibt 600.000 Bewohner mehr als prognostiziert, 300.000 Beschäftigte mehr und eine deutliche Steigerung der Pendlerzahlen.

Vorausschauende Stadtplanung

Eine vorausschauende Stadtplanung war dafür gewappnet: das Flugfeld Aspern wurde zur Seestadt mit U-Bahnanschluss! Viele weitere Wohnbauten entstanden und entstehen im 22. Bezirk. Im Rahmen der "Super Now", der Strategischen Umweltprüfung Nordosten Wiens, wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts geprüft, ob und unter welchen Bedingungen die Stadterweiterungen in der Donaustadt erfolgen könnten. Das Ergebnis war: die Donaustadt kann noch vielen Menschen Wohnraum bieten, kann deutlich mehr als 200.000 Einwohner beherbergen, wenn gleichzeitig der öffentliche Verkehr deutlich ausgebaut wird – mit der U2 bis in die Seestadt und der deutlichen Verbesserung des Busnetzes zum Teil schon geschehen –, aber es bedarf auch der Verbesserung der Verkehrslage beim motorisierten Individualverkehr (MIV).

Zig Varianten wurden geprüft, die alte A21-Trasse aus den 60er Jahren, die Donaubrücke beim Kraftwerk Freudenau und viele andere mehr. Letztlich hat sich herausgestellt, dass die Untertunnelung des Nationalparks und der Donau die einzige Alternative ist, die den Nationalpark nicht beeinträchtigt, die Belastung für die Bevölkerung ganz gering hält und in der Lage ist, den Durchzugsverkehr aus Wien hinauszubekommen. Die Südosttangente – vor allem in der Donaustadt, Stadlauer Tunnel – wird dadurch für den Binnenverkehr der neuen Bewohner der Donaustadt frei.

Verkehrsbedürfnisse nicht ignorieren

Diese Lösung ist zudem voll im Einklang mit dem aktuellen Verkehrskonzept der Stadt Wien, das die Reduktion des MIV auf 20 Prozent Anteil am Modalsplit – darunter versteht man die Verteilung des Transportaufkommens auf die verschiedenen Verkehrsmittel – vorsieht. Durch den Bevölkerungszuwachs in der Donaustadt bedeutet das, dass die Verkehrsleistung – trotz Sinkens des MIV-Anteils von 27 auf 20 Prozent – leicht steigen wird. Die Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr und dessen weiterer Ausbau (S-Bahn, Straßenbahn) sind unverzichtbar, weil dessen Anteil an der Verkehrsleistung überproportional steigen muss!

Wer also jungen Wiener Familien und Wohnungssuchenden generell qualitativ hochwertigen Wohnraum nicht vorenthalten möchte, wird deren Verkehrsbedürfnisse auch nicht ignorieren können. Deshalb ist der Umfahrungsring so bedeutend und die Bezugnahme auf die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts fehlleitend.

Die Alternative wurde im Rahmen der "Super Now" gefunden und ist mittlerweile auch rechtlich genehmigt, jetzt sollte man sie auch bauen! (Rudolf Schicker, 27.6.2018)

Rudolf Schicker war amtsführender Stadtrat für Stadtentwicklung und Verkehr in Wien und SPÖ-Klubobmann im Wiener Gemeinderat. Er koordiniert in Wien einen Teilbereich der EU-Strategie für den Donauraum.

Zum Thema