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Wie Identitäre im Netz rechtsextreme Hasskampagnen koordinieren

17. Juli 2018, 17:18

Neue Studie "Hass auf Knopfdruck" legt die Mechanismen "rechtsextremer Trollfabriken" offen

Spiegeln hasserfüllte Kommentare unter Medienberichten auf Facebook die Meinung der Bevölkerung wider – oder sind diese das Produkt von gezielten Kampagnen? Dieser Frage ging das Institute for Strategic Dialogue (ISD) gemeinsam mit der Bewegung #IchBinHier nach. Mehr als 1,6 Millionen Postings wurden untersucht, das Ergebnis: Organisierte Hasskampagnen sind im Netz an der Tagesordnung, die Koordination erfolgt vor allem "aus identitären Kreisen". Das zeigt sich allein daran, dass fünf Prozent aller Accounts, die Hassbotschaften unterstützten, für ganze 50 Prozent der Likes verantwortlich sind.

Russische Medien als Multiplikatoren

"Der Diskurs in vielen Kommentarspalten auf Facebook ist kein Abbild der Gesellschaft, sondern wird von Sympathisanten extremistischer und verfassungsfeindlicher Organisationen bestimmt", heißt es in der Studie. Verbreitung finden rechtsextreme Hashtag-Kampagnen wie #120db, das sich als Frauenrechtsbewegung gegen ausländische Männer inszeniert, dann vor allem durch russische staatsnahe Medien wie RTDeutsch oder Sputnik.

In Neonazi-Gruppen eingeschleust

Die Autoren der Studie haben nicht nur Millionen an Hasspostings quantitativ untersucht, sondern auch die Mechanismen der Koordination. Dafür schlichen sie sich in die geheimen Chatgruppen auf Telegram und Discord ein, wo Rechtsextreme und Neonazis ihre Hasskampagnen organisieren. "Die Organisationsstrukturen sind streng hierarchisch mit unterschiedlichen strategischen und regionalen Ebenen", erzählen sie.

Die rechtsextremen Trolle setzen verschiedene Strategien ein:

  • Bei "Sniper-Missionen" werden gezielt bekannte Persönlichkeiten ins Visier genommen und provoziert. Ziel ist es, sie zu einer "Überreaktion" zu bewegen.
  • Bei "Clear and Hold"-Missionen geht es darum, bestimmte Hashtags wie #refugeewelcomes zu kapern und diese mit Hassbotschaften zu schwemmen.
  • In sogenannten Raids werden Facebook-Seiten von gegnerischen Parteien, Aktivisten oder Medien zu einer fixierten Uhrzeit mit Hasskommentaren überflutet.

Nach Wehrmachtseinheiten benannt

In den Chatgruppen kommt es regelmäßig zu Wiederbetätigung und neonazistischer Sprache. Das zeigt sich etwa daran, dass bestimmte Regionalgruppen nach Einheiten der deutschen Wehrmacht benannt sind. Auch die Ränge in der internen Hierarchie orientieren sich an den Nazis. Die Trollfabriken sind durchaus erfolgreich: Vor der deutschen Bundestagswahl konnten etwa sieben Hashtags in den Top 20 auf Twitter platziert werden.

Diffamierung

In den vergangenen Monaten gerieten übrigens die Macher der Studie selbst ins Visier der rechtsextremen Trolle – im Netz war zu lesen, dass natürlich George Soros hinter dem Thinktank stecken soll. Das schreibt etwa die rechtsextreme Identitäre Bewegung. Die Forscher hatten erste Ergebnisse im März publik gemacht, nun folgte die gesamte Studie. (fsc, 17.7.2018)