Foto: iStockphoto / Insularis

Das Ende der Strände

14. Juli 2018, 14:00

Urlaub am Meer könnte in Zukunft härter werden – weil der weiche Sand knapp wird. Er gilt als die zweitwichtigste Ressource der Welt. Konflikte spitzen sich weltweit zu

Sauftouristen, die zum Ballermann kommen, sind für Jaume Servera nicht das Problem. Sie werden aber zu einem, wenn sie so wie alle anderen Urlauber Mallorcas bekanntesten Strand wieder verlassen. Der Geograf von der Universität der Balearen hat ausgerechnet: Jeder Sonnenbadende nimmt aus Versehen 30 Gramm Sand vom Strand mit, in den Badeschlapfen, im Bikini oder im Liegetuch. Machen das täglich 30.000 Menschen, die zur Hochsaison auf der sechs Kilometer langen Playa de Palma inklusive Ballermann liegen, verliert der Strand in nur einer Saison 82 Tonnen Sand.

Eine kleinliche Kalkulation? Mag sein, aber zusammen mit anderen Faktoren gibt es für mallorquinische wie die meisten Strände dieser Welt einen Befund: Sie schrumpfen. Auf dem Inselparadies Hawaii durch Erosion, in Vietnam oder Indien durch illegalen Sandabbau, vielerorts durch Klimawandel und steigende Meeresspiegel. Die UN-Umweltbehörde Unep hält in einem Bericht aus dem Jahr 2014 fest, dass weltweit drei von vier Stränden bedroht sind.

Vergleicht man Satellitenaufnahmen aus den Jahren 2002 und 2016 vom Ballermann (Playa de Palma) auf Mallorca, ist zu sehen: Der Strand schrumpft. Jahreszeitliche Schwankungen oder der Tidenhub können bei dieser Gegenüberstellung allerdings nicht berücksichtigt werden.

Auf Mallorca lässt sich der Sandschwund vor allem so erklären: Wo einst Dünen waren, stehen heute Hotels. Dem Küstenstreifen fehlt deshalb der Sandnachschub aus dem Landesinneren. "Die Dynamik in der gesamten Bucht ist gestört", sagt Aina Obrador. Die 47-Jährige lebt mit ihrer Familie nördlich vom Ballermann an der Uferpromenade des einstigen Fischerviertels El Molinar. Von hier aus beobachtet sie seit Jahren, wie die Natur den immer wieder aufgeschütteten Sand in der Bucht hin- und hertreibt. Besonders nach Winterstürmen verändert sich die Küstenlandschaft. "Früher hatten wir vor der Tür flache Felsen, bis in die 1980er-Jahre wurde hier gefischt", erinnert sie sich, "heute ist der Grund sandig, die Fische sind weg."

Ein verlorener Kampf

An der Uferpromenade vor Aina Obradors Haustür haben sich kleine Sandbuchten gebildet. Darüber freuen sich zwar ihre Kinder, aber ihr macht das Sorge: "Was sich hier sammelt, fehlt an den großen Badestränden." Deshalb muss immer mehr Sand vom Meeresgrund geschaufelt werden. Ein Kampf, den der Mensch verloren hat, glaubt sie: "Das Meer wird sich den Sand wieder zurückholen."

An einem Sandkorn sind die Naturgewalten abzulesen, mit dem es in Berührung kam. Sie berichten von Wasser, Wind, Hitze und Kälte. So wie sich die Welt im Sandkorn widerspiegelt, so lässt sich die Dynamik des Klimawandels daran ablesen: Strände werden vom steigenden Meeresspiegel verschluckt oder von Taifunen weggeblasen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist seit 1992 unter anderem durch Nasa-Satellitendaten millimetergenau dokumentiert. Demnach sind die Weltmeere seither durchschnittlich um 7,6 Zentimeter gestiegen. Für das Jahr 2100 schwanken die Prognosen im US-Klimareport zwischen 50 Zentimetern und zwei Metern. Doch nicht nur das Meer schafft den Sand fort.

Der weltweite Bauboom generiert enormen Bedarf an Sand. Geschätzte 15 Milliarden Tonnen werden jährlich werden gefördert, 98 Prozent davon finden in Beton Verwendung.
foto: reuters / yves herman

Sand ist das Skelett der modernen Welt. Und laut UN-Umweltbehörde wegen des globalen Baubooms nach Wasser sogar schon der meistverbrauchte Rohstoff der Erde – die Uno schätzt den jährlichen Bedarf auf 15 Milliarden Tonnen. "Die meisten Gebäude bestehen aus Beton, der wiederum hauptsächlich aus Sand besteht. Dasselbe gilt für Asphalt, Glas wird durch Schmelzen von Sand hergestellt, und die Halbleiter in unserer Elektronik werden aus Quarzsand gemacht", zählt Biodiversitätsforscherin Aurora Torres vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Halle dem STANDARD auf. Und wo ist der Rohstoff wie Sand am Meer verfügbar? An unseren Küsten. Wer ihn von dort holt, verursacht allerdings Erosion, die dann anderorts wieder mit Aufschüttung bekämpft werden muss.

Verlustausgleich auf Sylt

Um die Erosion und Verluste durch Stürme auf der deutschen Insel Sylt auszugleichen, spritzen Baufirmen seit den 1970er-Jahren Sand an die Strände. Vorspülung nennt sich das Verfahren, bei dem jährlich bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter Sand wie mit einem Staubsauger vom Meeresboden geholt werden. Im Jahr 2018 werden dafür fünf Millionen Euro veranschlagt. Ein Klacks im Vergleich zu den Dimensionen von Florida, wo sich das Meer noch mehr Sand von den Stränden zurückholt.

Jährlich bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter frischen Sand benötigt die deutsche Insel Sylt nach Winterstürmen. Er wird wie mit einem Staubsauger vom Meeresboden geholt.
foto: istockphoto / iurii buriak

Von den fast 1300 Kilometern Strand im Sunshine State müssen mehr als 550 künstlich durch Vorspülung am Leben gehalten werden. Die amerikanische Regierung gab in 45 Jahren mehr als 3,7 Milliarden Dollar dafür aus. Oder anders: In den USA kostet das Aufschütten eines Meters Strand zwischen 65 und 390 Dollar pro Jahr. Das haben Lobbyisten der US-Strandgemeinden ausgerechnet.

Die Vorspülung erledigen in den USA Stranddesigner, ein eigener Berufsstand, dem man solche Summen gerne zu zahlen bereit ist. Wird doch in derselben Berechnung der Lobbyisten angeführt, dass ein Meter Sandstrand bis zu 300.000 Dollar Immobilienwert generiere. Doch ist die Rechnung bei fortschreitender Erosion nicht womöglich auf Sand gebaut?

South Beach in Miami / Florida wäre ohne Aufschüttung nicht existent. 550 von 1.300 Kilometer Strand müssen in Florida künstlich am Leben gehalten werden.
foto: istockphoto / ugo lora

Den Faktor Erosion hat Anfang 2018 ein niederländisches Forscherteam der Unis Delft und Twente genauer untersucht. Dafür hat es 1,9 Millionen Satellitenbilder aus 35 Jahren verglichen, um nach schwindenden Stränden zu fahnden. Es kam zu einem überraschenden Ergebnis: 48 Prozent der Strände weltweit blieben in etwa gleich groß, nur 24 Prozent wurden kleiner, und 28 Prozent wuchsen sogar.

Werden die Prognosen zum Strandsterben also das gleiche Schicksal ereilen wie einst die Vorhersagen zum nie eingetretenen Waldsterben durch sauren Regen? Eher nicht. Denn selbst der Studienleiter Arjen Luijendik relativiert seine eigene Untersuchung. Sie erfasse lediglich den Faktor der natürlichen Erosion, dem andere Faktoren entgegenstünden. Für den größten Teil der Strandzuwächse in seiner Studie sei der Mensch verantwortlich – und der Mensch trage auch die größte Verantwortung für das Verschwinden von Stränden.

Ein niederländisches Forscherteam rund um Arjen Luijendijk hat 1,9 Mio. Satellitenbilder aus 35 Jahren analysiert,um weltweit schrumpfende Strände zu identifizieren. Die Küsten mit roten Strichen erodieren, grüne Striche bedeuten Landzuwächse, die in vielen Fällen dem Eingreifen von Menschen geschuldet sind.

Weltweit werden rund 15 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr abgebaut. Die Methoden reichen von Einheimischen, die Sand vom Strand auf Pick-ups schaufeln bis hin zu multinationalen Unternehmen. Aber nicht jeder Sand eignet sich zur Herstellung von Asphalt und Zement: Wüstensand ist zu rund geschliffen und zu fein. Die Bauwirtschaft deckt ihren Bedarf daher mit Sand aus dem Meer, aus Flüssen und von Küsten. Das hat gravierende Folgen für die Umwelt, wie Torres erklärt.

Die Entfernung von Sedimenten und Gewässerböden ist für bodenlebende Arten eine große Bedrohung, Korallen und Seegraswiesen werden geschädigt. Auf gewühlte Sedimente trüben das Wasser, ersticken Fische und blockieren das Sonnenlicht, das die Unterwasservegetation braucht.

Dramatisch sind die Auswirkungen durch den Abbau von Meeressand in Indonesien: Seit 2005 wurden mindestens zwei Dutzend Inseln ausgelöscht. Das Material landet meist in Singapur, wo Land aus dem Meer gewonnen wird. Der Stadtstaat hat in den vergangenen 40 Jahren mehr als 50 Quadratkilometer geschaffen.

Sandkriege in Indien

In Indien haben die hohen Gewinne kombiniert mit illegalem Sandabbau und Umweltschäden zu Bandenkriminalität geführt. Torres spricht in diesem Zusammenhang von einer Sandmafia, die auf illegale Gewinnung spezialisiert ist: "Sie gilt als eine der gewalttätigsten Gruppierungen des organisierten Verbrechens in Indien. Bis heute wurden mehrere Hundert Menschen in regelrechten Sandkriegen getötet."

Sumaira Abdulali kann aus erster Hand von der Situation in Indien berichten. Ihr Kampf begann 2002. Damals verbrachte sie eine Nacht im Ferienhaus ihres Großvaters in Kihim, südlich von Mumbai. Das sanfte Rauschen der Wellen wurde durch Bagger arbeiten und laute Rufe unter brochen. In der Früh waren am Strand tiefe Löcher zu sehen.

Abdulali gründete in Folge die NGO Awaaz, die sich gegen den Raubbau einsetzt. Es handelt sich um ein strukturelles Problem, sagt die Inderin dem STANDARD: "Politiker sind oft die Eigentümer oder unterstützen den illegalen Sandabbau. Regierungs- und Polizeibeamte sind in Gefahr, es gab eine Welle von Angriffen und Morden." Für ihre Arbeit wurde auch Abdulali mit dem Tod bedroht.

Im Jahr 2019 soll die indische Stadt Mumbai drei gigantische, künstliche Strände bekommen. Dafür wird der Strand an anderen Orten abgetragen oder Sand aus Flüssen getaucht.
foto: istockphoto / lovely_images

Verwässerungen von Richtlinien hätten dazu geführt, dass bisher illegaler Sandabbau legalisiert wurde. Die Nutzung für die Aufschüttung von Stränden sei in Indien noch eine neue Idee, die die Regierung nur um Mumbai verwirklichen will. Abdulali: "Es wäre traurig, die Strände im Rest des Staates nur für die Verschönerung Mumbais aufzugeben."

Sandtauchen unter Lebensgefahr

Die Ärmsten in der Gesellschaft bringen sich dafür sogar in Lebensgefahr. Sie tauchen bis zu 15 Meter tief und ohne Ausrüstung in Flüssen nach Sand. Das ist lukrativ, aber gefährlich, da es sich um Gezeitenbäche handelt. "Die Taucher verdienen nur bis zu 15 Euro an einem Tag", sagt Abdulali. Hinzu kommt, dass in den industriereichen Gebieten das Wasser stark verschmutzt ist.

"Mit Sand ist es wie mit Wasser. Wir glauben, dass er reichlich vorhanden ist", zieht die Forscherin Aurora Torres ihre Schlüsse. Kosten beim Abbau verursachen nur die Maschinen, der Transport, die Löhne und die Pacht für das Gelände – zumindest im Fall legaler Gewinnung. Der Sand selbst kostet nichts. Und wenn er knapp wird, holt man ihn sich eben woanders. (Sascha Aumüller, Brigitte Kramer, Julia Schilly, 14.7.2018)