Foto: Foto: APA/dpa/Assanimoghaddam

Oberrabbiner: "Schächtverbot wäre der Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinde"

Interview |
26. Juli 2018, 09:00

Pinchas Goldschmidt, Präsident eines Verbands von mehr als 700 Rabbinern, über eine scheinheilige Debatte, rechte Parteien ohne Werte und darüber, was ein Schächtverbot bedeuten würde

Mit der Ankündigung des niederösterreichischen Landesrats Gottfried Waldhäusl (FPÖ), zu prüfen, wie die Landesbehörden den Bedarf an koscherem und Halal-Fleisch strenger kontrollieren können, ist in Österreich eine Debatte ums Schächten losgebrochen. Die Israelitische Kultusgemeinde reagierte wie auch die Islamische Glaubensgemeinschaft empört. Dass künftig Fleischkäufer registriert werden könnten, sorgt besonders für Irritation.

STANDARD: In Niederösterreich will der freiheitliche Landesrat Gottfried Waldhäusl eine Form der Registrierung der Käufer koscheren Fleischs. Die Israelitische Kultusgemeinde reagiert empört und spricht von einem "negativen Arierparagrafen". Zu Recht?

Goldschmidt: Dass Listen geschrieben werden, auf denen dann Käufer koscheren Fleischs stehen sollen, ruft ziemlich üble Erinnerungen an die düsteren Kapitel des letzten Jahrhunderts wach. All diese Versuche, die Religionsausübung von Juden in Europa und auch jetzt in Österreich einzuschränken, sind höchst alarmierend.

"Diese plötzliche Empörung über das Schächten hat nichts mit Tierschutz, sondern viel mehr mit einer Antimigrationsstimmung zu tun", sagt Obberrabbiner Goldschmidt.
foto: reuters/bader

STANDARD: Gibt es derartige Vorhaben in anderen Ländern oder ist das gänzlich neu?

Goldschmidt: Auch in Polen tauchte diese Idee auf. Sie wurde kürzlich aber wieder verworfen.

STANDARD: In der Schweiz, Ihrer Heimat, ist das Schächten seit mehr als hundert Jahren verboten.

Goldschmidt: Der Grund dafür war, Migration zu verhindern. Die Schweizer wollten damals nicht, dass religiöse Jüdinnen und Juden aus Russland einwandern. Es ist ein antisemitisches Gesetz. Im Alltag bedeutet es, dass koscheres Fleisch in der Schweiz zwei- bis dreimal so teuer wie anderswo ist, weil es importiert werden muss.

STANDARD: Warum ist Schächten so wichtig im Judentum?

Goldschmidt: Wir leben in einer postmodernen Zeit, wo jeder individuell seine eigenen Regeln festlegt. Für das Judentum als eine der ältesten Religionen dieser Welt waren über tausende von Jahren alle diese Regeln wie Beschneidung und das koschere Essen bedeutend. Das gilt heute noch: Es ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt des jüdischen Volkes und Ausdruck der Religionsausübung – so wie im Christentum zu Feiertagen ein Weihnachtsbraten oder Osterlamm auf den Tisch kommt.

STANDARD: Viele Menschen stehen dem Schächten skeptisch gegenüber. Haben die Vertreter des Judentums es verabsäumt, die Menschen aufzuklären?

Goldschmidt: Das ist sicherlich ein Punkt – und der betrifft auch die Beschneidung. Aber es hat auch mit dem Aufstieg des Populismus und der extremen Rechten zu tun, den wir in ganz Europa sehen. All die Werte, die im Nachkriegseuropa wieder etabliert wurden, also Demokratie, der Schutz der Minderheiten, die gesetzlich garantierte Religionsfreiheit, all das steht Anfang des 21. Jahrhunderts auf einmal wieder unter einem Fragezeichen.

STANDARD: Und das erklären Sie mit dem Aufstieg der Populisten?

Goldschmidt: Ja, genau. Diese plötzliche Empörung über das Schächten hat nichts mit Tierschutz, sondern viel mehr mit einer Antimigrationsstimmung zu tun.

STANDARD: Sind es tatsächlich immer nur rechte Parteien, die gegen das Schächten vorgehen?

Goldschmidt: Einerseits versuchen die Rechten immer zu zeigen, dass sie keine Antisemiten sind, dass sie versuchen, proisraelisch zu sein. Auf der anderen Seite gibt es gerade von dieser Richtung Versuche, die Religionsfreiheit einzuschränken. Da zeigen sie dann ihr wahres Gesicht.

STANDARD: Und das ist?

Goldschmidt: Dass ihnen die Grundwerte eines pluralistischen Europa mit der religiösen Vielfalt und Freiheit nichts wert sind.

STANDARD: Es sind auch Tierschützer, die kritisieren, dass die Tiere unnötig leiden. Liegen die falsch?

Goldschmidt: Wissenschaftlich ist nicht bestätigt, dass Schächten mehr Leid verursacht als konventionelle Schlachtungen. Es gibt sogar Experten, die genau das Umgekehrte sagen. Beim koscheren Schächten gelten auch sehr genaue Gesetze. Und wenn wir schon beim Tierschutz sind: In den besten Restaurants werden Hummer lebendig in kochendes Wasser geworfen. Oder schauen Sie sich die Jagd an. Das alles ist kein Problem, nur das Schächten soll ein Tierschutzproblem sein? Von wie viel Prozent der Tiere sprechen wir denn überhaupt? Das ist ja ein verschwindend kleiner Anteil. Der hohe Prozentsatz an Tieren, die nach einer Gasbetäubung in Schlachthöfen noch leiden, bevor sie zu Schnitzeln und Wurst verarbeitet werden, ist doch viel größer. Diese Debatte ist vor allem eines: scheinheilig!

STANDARD: Glauben Sie, dass die Tiere, die für den koscheren Verzehr vorgesehen sind, sogar gesünder sind?

Goldschmidt: Koscher heißt nicht nur, ein Tier in einer gewissen und schonenden Weise zu töten. Nach dem Schächten wird das Tier genau untersucht. Finden sich dann etwa Löcher in der Lunge, was oft vorkommt, dann ist es nicht koscher, weil Veränderungen in der Lunge ein Hinweis darauf sind, dass das Tier nicht gesund war. Und im Judentum gelten nur Tiere, die unversehrt sind, als koscher. Deshalb müssen Tiere für koscheres Fleisch gut und nachhaltig gehalten werden. Nach dem jüdischen Gesetz ist es auch verboten, dass ein Tier sieht, wie ein anderes geschächtet wird. Daher kommt für uns Massentierhaltung schon gar nicht infrage.

Tiere für koscheres Fleisch werden "gut und nachhaltig gehalten", sagt Oberrabbiner Goldschmidt und fragt: "Wie ist es im Gegenzug bei der hiesigen Massentierhaltung?"
foto: foto: apa/dpa/assanimoghaddam

STANDARD: Haben Sie das Gefühl, dass in dieser Debatte die Muslime gemeint sind, und die jüdische Gemeinschaft trifft man mit?

Goldschmidt: Wir Juden sind der Kollateralschaden. Juden leben seit ewigen Zeiten in Europa, und nur letztens scheint das wieder zum Problem geworden zu sein. Es gibt mehrere Gründe dafür, aber der Hauptgrund ist: Es ist die Angst vor dem Fremden, es geht gegen Flüchtlinge und Migranten, und die Maßnahmen treffen dann auch uns.

STANDARD: Kanzleramtsminister Gernot Blümel von der ÖVP hat klargestellt, dass es keine Registrierung von Käufern koscheren Fleischs geben wird ...

Goldschmidt: ... und diese Klarstellung war gut. Wir wissen auch, dass das österreichische Parlament das Israelitengesetz akzeptiert hat und die Religionsfreiheit für die Gemeinde garantiert ist. Aber ich möchte den Wählern der Freiheitlichen Partei schon eines sagen: Diese Partei steht gegen Religionsfreiheit für Minderheiten. Ein Schächtverbot und Listen für Käufer koscheren Fleischs, das ist antisemitisch.

STANDARD: Vizekanzler, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat auf Facebook geschrieben, dass "Schächten generell ohne vorherige Betäubung verboten sein sollte", später wurde das relativiert: Schächten aus religiösen Gründen sei "zu akzeptieren" ...

Goldschmidt: Noch mal: Hier wird eine Scheindebatte auf Kosten religiöser Minderheiten geführt, mit fataler Wirkung. Sinn des rituellen jüdischen Schächtens ist es, dem Tier beim Tötungsvorgang möglichst keinen Schmerz zuzufügen. Aber wie ist es im Gegenzug bei der hiesigen Massentierhaltung und industriellen Fleischverarbeitung? Wird hier dem Tier etwa weniger Leid zugefügt? Ich denke nicht.

STANDARD: Was würde ein Schächtverbot bedeuten?

Goldschmidt: Ich möchte auch daran erinnern, dass eines der ersten antisemitischen Gesetze, die in Nazi-Deutschland 1933 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers eingeführt wurden, das Schächtverbot war. Damit wollte man die Juden zum Auswandern zwingen. Wien etwa hat eine sehr religiöse Gemeinde. Mindestens 60 Prozent davon leben koscher. Ein Schächtverbot wäre der Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinde in Wien.

STANDARD: Glauben Sie, dass als nächstes Thema die Beschneidung hochkocht?

Goldschmidt: Diese Fragen werden immer wieder auftauchen. Es gibt ja auch ein neues Themen: das der religiösen Bekleidung in der Öffentlichkeit, Man spricht von der Bekleidung der muslimischen Gemeinde und von der Kippa bei uns. Aber keiner spricht beispielsweise von den Kreuzen, die an den Halsketten vieler hängen. Das eine ist akzeptiert, das andere nicht. Am Ende ist es eine Frage der Religionsfreiheit. Die Mehrheitsbevölkerung gesteht sich das Recht zu, was sie der Minderheit verwehren will.

STANDARD: Bei der Beschneidung geht es doch um die Unversehrtheit des Kindes. Zählt diese nicht?

Goldschmidt: In den USA werden mehr als 50 Prozent aller Buben beschnitten.

STANDARD: Wohl von Ärzten.

Goldschmidt: Das stimmt schon. Die Beschneidung darf selbstverständlich nur von Spezialisten durchgeführt werden. Wir versuchen in Zusammenarbeit mit unseren muslimischen Kollegen, zu schauen, dass sie auch Spezialisten ausbilden. In Italien oder Norwegen muss laut Gesetz ein Arzt dabei sein. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Aber ein Beschneidungsverbot wäre gegen uns gerichtet. Auch das würde das Ende der jüdischen Gemeinde bedeuten. (Peter Mayr, 26.7.2018)

Pinchas Goldschmidt (55), geboren in Zürich, ist seit 1993 Oberrabbiner von Moskau. Seit 2011 ist er auch Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER). Die CER wurde im Jahr 1956 gegründet, ihr gehören eigenen Angaben zufolge rund 700 Rabbiner von Dublin bis Chabarowsk an.

Zum Weiterlesen:

Jüdischer FPÖ-Abgeordneter Lasar gegen Registrierung von Kunden

Strache relativiert: Schächten aus religiösen Gründen "zu akzeptieren"

Waldhäusl will weiter Registrierung: Schächten sei "Tierquälerei"

Regierung lehnt Registrieren von Käufern koscheren Fleisches ab