Foto: APA/EXPA/Johann Groder

Kuhn soll weiter in Erl als Dirigent arbeiten

1. August 2018, 18:43

Nachdem dem Intendanten der Festspiele in Erl sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorgeworfen worden waren, stellte dieser seine Funktion ruhend. Dirigieren soll er weiterhin

Frage: Hat Gustav Kuhn alle seine Funktionen zurückgelegt?

Antwort: Nein. Gustav Kuhn stellt seine Funktion als künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur Klärung der Vorwürfe ruhend. Allerdings bleibt er Erl "als Dirigent erhalten. Und seine Auftritte sind in der Planung berücksichtigt", heißt es seitens der Festspiele.

Frage: Wie wird es bei den Festspielen Erl künstlerisch weitergehen?

Antwort: Andreas Leisner wird – als Kuhns langjähriger Stellvertreter – die Funktion des künstlerischen Leiters übernehmen. Er, der "mit allen künstlerischen und administrativen Abläufen vertraut ist, wird alle Aufgaben die künstlerische Leitung betreffen ab sofort und problemlos übernehmen", so die Festspiele. "Die Planungen für die kommenden Saisonen sind weitgehend skizziert und werden umgesetzt. Dass dabei auch inhaltlich neue Akzente gesetzt werden können, ist bei einer solchen Personalveränderung nicht ausgeschlossen." Auch wenn Kuhn zurückkehrt, läuft sein Vertrag bis 2020. Die Festspiele hätten auch ohne die aktuelle Causa heuer planmäßig einen Nachfolger für die Zeit nach Kuhn präsentieren wollen.

Frage: Ist es möglich, dass Kuhn auch als Intendant zurückkehrt?

Antwort: Ja. Aber unter welcher Voraussetzung – dabei gehen die Meinungen auseinander. Nach Ansicht von Kuhns Anwalt Michael Krüger genüge es, wenn die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen einstellt. Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner hingegen will ein Wiederengagement Kuhns auch von der Entscheidung der Gleichbehandlungskommission des Bundes abhängig machen, vor die der Fall nun gebracht wird. Wobei Haselsteiner zugleich bedauert, dass sich Kuhn hier einer "Beweislastumkehr" stellen müsse.

Frage: Wie sieht das die Gleichbehandlungskommission?

Antwort: Das Gremium, das von Vertretern der Sozialpartner gebildet wird, sagt dazu: "Das Gleichbehandlungsgesetz sieht vor, dass die betroffene Person den glaubhaften Anschein einer Diskriminierung darlegen muss. Gelingt dies, verlagert sich die Beweislast auf den/die Antragsgegner/in. Diese/r muss dann den Beweis erbringen, dass keine Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes vorgelegen hat."

Frage: In welchen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Antwort: Die Staatsanwaltschaft Innsbruck befragt aktuell jene mutmaßlich Betroffenen, die sich in einem offenen Brief zu Wort gemeldet haben, sowie eine sechste Frau, die ebenfalls von einem Übergriff berichtet. Die Vorwürfe seien für eine strafrechtliche Verfolgung teils verjährt. Wenn sich Hinweise auf weitere Betroffene ergeben, werde man auch diese befragen, heißt es seitens der Staatsanwaltschaft Innsbruck. Kuhn könne erst befragt werden, "wenn klar ist, wer konkret welche Vorwürfe äußert". Wann die Ermittlungen abgeschlossen sind, lässt sich noch nicht abschätzen.

Frage: Welche Prozesse und Klagen sind offen, welche beigelegt?

Antwort: Ihren Ausgang nahm die Causa schon im Frühjahr, als der Tiroler Blogger Markus Wilhelm auf seinem Blog dietiwag.org anonyme Vorwürfe gegen Kuhn und die Festspiele äußerte. Sowohl Kuhn als auch die Festspiele klagten daraufhin gegen Wilhelm. An diesen ergingen zunächst einstweilige Verfügungen, weswegen er bestimmte Vorwürfe zurücknehmen musste. Kuhn wiederum nahm zwei Klagen gegen Wilhelm zurück, nachdem es vor Gericht zu Zeugenaussagen gekommen war. Sieben Verfahren gegen Wilhelm sind derzeit offen, der Ausgang ist ungewiss.*

Frage: Ist mit weiteren Vorwürfen zu rechnen?

Antwort: Möglicherweise ja. Erst am Dienstag hat sich neben den fünf Unterzeichnerinnen des Briefes eine sechste Künstlerin zu Wort gemeldet: Die österreichische Sopranistin Manuela Dumfart, von 2011 bis 2015 in Erl beschäftigt, berichtet von einem Vorfall, der sich im Februar 2015 auf Kuhns Anwesen in der Toskana zugetragen haben soll. Der Intendant habe ihr während eines Gesprächs zwischen die Beine und unter den Pullover gegriffen, außerdem habe er versucht, sie zu küssen. Dumfart soll das bereits als Zeugin in einem medienrechtlichen Prozess zwischen Kuhn und dem Blogger Markus Wilhelm ausgesagt haben.

Für Gustav Kuhn gilt die Unschuldsvermutung.

(Stefan Weiss, Ljubiša Tošic, 2.8.2018)

* Hier war ursprünglich von acht Verfahren die Rede. Wie Markus Wilhelm auf seinem Blog berichtet, dürften es nunmehr nur noch sieben sein.

Zum Thema

Gustav Kuhn stellt Funktion ruhend

Kommentar: Namentlich schlägt anonym

Causa Kuhn: Künstlerin spricht von "massivem Übergriff" im Jahr 1999

Festspiele Erl: Künstlerinnen klagen sexuelle Übergriffe an