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Anna Wintour gibt die Macht ab, Beyoncé übernimmt

18. August 2018, 15:00

Die Chefin der US-"Vogue" behält nach 30 Jahren weiter ihren Posten. Doch klug, wie sie ist, weiß sie, dass nicht alles wie immer bleiben kann

Spätestens seit dem Blockbuster Der Teufel trägt Prada ist Anna Wintour auch jenen ein Begriff, die Prada nicht von Burda unterscheiden können und wollen. Der Film, der auf dem Buch einer ehemaligen Mitarbeiterin Wintours basiert, machte die Modejournalistin zur Kultfigur. Unnahbar, knallhart, herrschsüchtig, eisig, lacht nie – so wurde sie im Film gezeigt, und so wird über sie gerne gelästert.

Doch auch die größten Neider zweifeln nicht an der Macht der Modejournalistin. Seit 1988 ist die 68-Jährige Chefredakteurin der US-amerikanischen Vogue und hat mit ihrem Geschmack und Blick die Modezeitschrift und die gesamte Modewelt geprägt wie keine andere vor ihr.

Trump unerwünscht

Wintour hat es in den letzten 30 Jahren geschafft, die Macht, die ihr ihre Position verleiht, ins Unermessliche auszubauen. Sie bestimmt über Karrieren von Designern, nimmt Einfluss auf die entstehenden Kollektionen, macht Politik. Die jährliche Gala des Metropolitan Museum of Art hat Wintour zum wichtigsten Society-Event New Yorks gemacht. 2017 hat sie öffentlichkeitswirksam den US-Präsidenten Donald Trump vor laufender Kamera von der Gala ausgeladen.

Doch die Macht schwindet. Die Medienkrise des letzten Jahrzehnts hat auch die Magazine des Vogue-Verlags Condé Nast hart getroffen. Zuletzt wurde die Erscheinungsweise von GQ, Glamour, Allure und Architectural Digest von zwölf auf elf Hefte pro Jahr runtergefahren. Die Printversion der Teen Vogue wurde eingestellt. Allein das Flaggschiff, die Vogue, blieb bisher unangetastet. Die aktuelle Auflage liegt bei 1,2 Millionen verkauften Exemplaren. Doch auch die Hochglanz-Modebibel Vogue bleibt von den Veränderungen des Marktes nicht ganz unberührt.

Seit 1988 ist Anna Wintour die Chefredakteurin der US-amerikanischen "Vogue".
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Die September-Ausgabe ist traditionell die dickste und die auflagenstärkste, sie gilt als Konjunkturbarometer. Die bisherige Rekordausgabe erschien allerdings vor über zehn Jahren. Im September 2007 machten Wintour und ihr Team ein 840 Seiten starkes Heft, ganze 727 Seiten Anzeigen waren darunter, die Vogue wog 2,5 Kilogramm. Dagegen wirkt die diesjährige September-Ausgabe mit ihren 648 Seiten recht verschlankt.

Während der Produktion der Rekordausgabe vom September 2007 ließ sich Wintour acht Monate lang von einem Filmteam begleiten. Die Doku The September Issue ist das Porträt einer Frau, die alles im Griff hat. Er zeigt aber auch eine Frau, die weiß, dass sich ihre Welt verändert.

Coole Partys, ohne Anna

In den ersten Sekunden von The September Issue lädt Anna Wintour all jene ein, die sich von der Modewelt ausgeschlossen fühlen, weil sie "nicht Teil der coolen Clique sind".

Wirkte die Einladung von 2007 noch fast schüchtern, beschreibt Wintour in einem Gespräch von 2015 die Modewelt als "viel demokratischer" als einst. "Es ist nun eine Party, zu der jeder eingeladen ist! Ist das nicht aufregend?!"

Doch gerade diese "Demokratisierung" untergräbt die Macht der einflussreichsten Frau im Modejournalismus. Mit den Modebloggern und den Influencern findet die coole Party derzeit woanders statt. Niemand muss wochenlang warten und teure Hochglanzmagazine kaufen, um zu Wissen, was angesagt ist. Die erste Stufe der Karriereleiter kann auch ein Instagram-Account sein und ist nicht zwingend ein Volontariat. Die kluge und mächtige Anne Wintour weiß das.

Und während der Condé-Nast-Chef Bob Sauerberg, nach erneuten Gerüchten über ihre Absetzung, Wintour per Twitter ihren Posten "auf unbegrenzte Zeit" sichert, gibt sie still und leise einen Teil der Macht ab. An jemanden, der den Lesern näher ist als sie selbst. Im Fall der heurigen September-Issue ist es der Weltstar Beyoncé.

Beyoncé übernimmt

Das Making of-Video zum Covershooting der "Vogue" hat Tyler Mitchell produziert.
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Beyoncé, zweifellos derzeit eine der einflussreichsten Frauen weltweit, ist nicht der erste Popstar auf dem Cover der Vogue, sie ist auch nicht die erste schwarze Frau auf der Titelseite der Modebibel. Und trotzdem hat die diesjährige September-Ausgabe der US-amerikanischen Vogue vor und nach der der Veröffentlichung für ungewöhnlich viel Furore gesorgt.

Das Außergewöhnliche an der September-Issue versteckt sich diesmal "behind the scenes". Der Popikone Beyoncé wurde, laut Vogue, eine "noch nie dagewesene kreative Kontrolle" über das September-Heft eingeräumt. Die September-Issue ist die wichtigste Ausgabe des Jahres. Es ist das mit Spannung erwartete, wegweisende Trendheft. Und in eben dieser Ausgabe ziert Beyoncé nicht nur das Cover, sie spricht auch direkt zum Leser. Außerdem, und damit schreibt die Vogue nun tatsächlich Geschichte, hat Beyoncé mitentschieden, dass der Fotograf Tyler Mitchell das Covershooting fotografieren sollte.

Mit Tyler Mitchell war zum ersten Mal in der 126-jährigen Geschichte der Vogue ein schwarzer Fotograf für das Coverfoto verantwortlich. Unklar ist, ob Beyoncé allein, oder die Redaktion ihn engagiert hat. Klar ist allerdings, dass allen Beteiligten bewusst ist, dass sie mit seinem Engagement ein wichtiges politisches Statement setzen.

Die diesjährige September-Ausgabe der "Vogue" schreibt Geschichte

Im Inneren des Heftes gibt Beyoncé der Vogue kein Interview, sie spricht lieber selbst. Im Text "In Her Own Words: Her Life, Her Body, Her Heritage" heißt es unter anderem: "Solange es kein Mosaik aus Perspektiven gibt, die von verschiedenen Ethnien hinter der Linse kommen, werden wir weiterhin einen engen Blick darauf haben, wie die Welt tatsächlich aussieht. Deshalb wollte ich mit diesem brillanten 23-jährigen Fotografen Tyler Mitchell arbeiten."

"Alle verlieren"

Der Fotograf Tyler Mitchell, ein Kind der Youtube-Generation, ist Social-Media-versiert, politisch engagiert und begann als Filmer von Skatevideos. Er hat wenig gemeinsam mit jenen Menschen, die bisher oft als langersehnte Krönung der Karrieren das Privileg hatten, der Vogue ihre Stempel aufzusetzen. Und Mitchel weiß auch, wieso das so ist: "Wenn Menschen in machtvollen Positionen weiterhin nur Leute einstellen, die wie sie aussehen, wie sie klingen, aus denselben Gegenden kommen, in denen sie aufgewachsen sind, werden sie nie ein besseres Verständnis für andere Erfahrungen haben. Sie werden (...) die gleiche Kunst kuratieren, dieselben Schauspieler immer und immer wieder besetzen, und wir werden alle verlieren", appelliert der junge Fotograf in einem Interview.

Beyoncé, eine, die im Pop-Business alles erreicht hat, ist spätestens seit 2016 und ihrem Musikvideo Formation auch eine, die öffentlich zum Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung aufruft. Sie kennt die Macht ihrer Stimme und weiß sie einzusetzen. Diesmal benutzt sie sie, um die Türen für eine neue Generation zu öffnen. (Olivera Stajić, 18.8.2018)