Radikal führen in Zeiten des Wandels

23. August 2018, 15:50

Organisationen müssen agiler, schneller und flexibler werden. Sie brauchen lebendige Führungskräfte, die mutig neue Wege gehen

Hohe Geschwindigkeit, steigende Komplexität und Ambiguitäten fordern Führungskräfte heute enorm. Oft an der Spitze einer pyramidalen Organisation, sollen sie planen und entscheiden, was in volatilen Zeiten schwierig ist. Viele Führungskräfte leisten trotz der enormen Spannungsfelder großartige Arbeit, kommen aber systemimmanent immer wieder an die eigenen Grenzen.

Andere Führungskräfte wiederum verlieren sich aus Überforderung in Geschäftigkeit, schreiben lieber Mails, als Konfliktgespräche zu führen. Seilschaften und politische Spiele sichern die eigene Position ab, faule Kompromisse rauben Zeit und Energie. Karriere machen dann oft nur die Jasager und Wichtigtuer – kein Wunder, wenn die Ergebnisse der Gallup-Umfrage (70 Prozent der MitarbeiterInnen in Deutschland würden Dienst nach Vorschrift machen und seien nicht engagiert) über die letzten 16 Jahre nahezu unverändert bleiben.

Diese Strategien funktionieren noch immer, weil es vielen Unternehmen gerade sehr gut geht. Dies kann sich aber rasch ändern, wie wir in den letzten Monaten im Silicon Valley erleben durften. Digitalisierung wirken disruptiv auf Branchen wie Logistik, Handel, Produktion, Finanzdienstleistung oder Mobilität. Agile, flexible und hochinnovative Start-ups überholen etablierte Unternehmen mit Leidenschaft und Engagement. In den Laboren und Forschungszentren wird mit unfassbar viel Risikokapital fieberhaft an noch geheimen Entwicklungen gearbeitet, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft in zehn bis 15 Jahren radikal verändern werden. Viele Jobs werden wegfallen, ebenso ändern sich die Anforderungen an MitarbeiterInnen bzw. Führungskräfte dramatisch.

Was wichtig bleibt

Executives müssen heute ihre Organisationen agiler und schneller machen, flexibler werden und teilweise völlig neue Geschäftsmodelle entwickeln. Management-Tools und externe Berater reichen dafür nicht aus, vor allem nicht, um das Wichtigste zu tun: MitarbeiterInnen dafür zu begeistern, hungrig und verrückt die eigenen kreativen Potenziale zu entfalten.

In Zukunft werden Routinearbeiten, automatisierte Prozesse bis hin zu intelligenten Abläufen wie Autofahren oder medizinische Diagnoseerstellungen von Algorithmen erledigt werden. Was aber auch in Zukunft nicht ersetzt werden kann, sind Fähigkeiten wie das menschliche Bewusstsein, Selbstführung und Kreativität. Diese entwickeln sich nicht nach Projektplan oder Excel-Tabelle, sondern nur in einer authentischen und reifen Persönlichkeit. Nicht mit Masken oder Scheinaktivitäten, sondern in lebendiger und echter Beziehung zu den MitarbeiterInnen, nicht mit Sozialromantik und Schönfärberei, sondern mit Offenheit und Risikobereitschaft, nicht mit Angst und Geschäftigkeit, sondern mit der Bereitschaft zu scheitern. Erst dann, wirklich erst dann kann so etwas wie ein Spirit in einem Unternehmen entstehen, der den entscheidenden Unterschied ausmacht.

Als 2008 die Finanzkrise ausgebrochen ist, hat eine Debatte über Moral, Ethik und Sinn stattgefunden. Man hat begonnen, die Wirtschaft nicht nur durch die Brille von Kennzahlen oder Analysen zu sehen, sondern zwischenmenschlichen Werte und Ganzheitlichkeit Raum zu geben. Viele haben damals euphorisch an ein grundlegend anderes Wirtschaftsystem geglaubt, Social Entrepreneurship oder Gemeinwohlökonomie sind entstanden.

Gleichzeitig wurden die Banken mit viel Geld gerettet – trotzdem blieb vieles beim Alten. Zwar pfeifen die Millennials auf den Glamour und fordern von Führungskräften radikale Authentizität, doch dauert der Wandel länger, als manche gedacht haben. Denn viele MitarbeiterInnen sollen in Unternehmen noch immer – einer Maschine ähnlich – nur funktionieren, der Kunde soll, ohne ihm wirklich zuhören zu wollen, einfach weiter die Produkte kaufen.

Mutig neue Wege gehen

Um dem Digitalisierungstrend zu begegnen, werden in vielen Organisationen Innovationsprojekte aufgesetzt, Konferenzen besucht oder Design-Thinking-Workshops organisiert. Trotz all dieser Bemühungen scheint sich nicht viel zu ändern. Oft gibt es kein wirkliches Interesse an einer organischen Veränderung oder an einem offenen Diskurs mit Tiefgang, der Konsequenzen haben könnte. So begnügen sich viele mit Alibiaktionen, verstecken sich in der Komfortzone und hoffen, dass alles nicht so schlimm wird. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verharrt gerne in gewohnten Mustern in Angst vor dem Unbekannten.

Was aber Unternehmen und Organisationen gerade jetzt benötigen, sind kreative und lebendige Führungskräfte, die mutig neue Wege gehen und bereit sind, ins Unbekannte aufzubrechen.

Die meisten Führungskräfte scheuen diese Wege, weil es im Unbekannten keine Pläne, Kontrollen oder Sicherheiten gibt. Die Reise ins Unbekannte erfordert Risikobereitschaft, Mut und Vertrauen. Diese können aber nur in einem Umfeld entstehen, wo Widersprüche und Konflikte zwischen den Menschen Raum bekommen, Tun und Handeln kohärent sind, Vertrauen im Miteinander aufgebaut wurde und der Spirit sich in eine gemeinsame Richtung entwickelt.

Organisationen gleichen dann lebendigen Organismen, wo MitarbeiterInnen und Führungskräfte Selbstwirksamkeit, Potenzialentfaltung und Sinnstiftung erfahren können, ohne in Sozialromantik zu verfallen.

Früh scheitern, rasch lernen

Bei aller kritischen Betrachtungen des Silicon Valley: Wir haben bei vielen Start-ups genau diesen Spirit erlebt. Eine Offenheit für das Unbekannte, eine Bereitschaft, früh zu scheitern und rasch zu lernen, eine Fähigkeit, in Möglichkeiten zu denken, eine Disziplin, dranzubleiben, eine Offenheit, auch Verrücktes zuzulassen und sich vom Alten zu verabschieden, und vor allem eine nicht enden wollende Leidenschaft, rasch etwas entwickeln zu wollen.

Die Auftragsbücher vieler Unternehmer in Europa sind voll, händeringend werden Fachkräfte gesucht – viele Unternehmen wiegen sich daher in Sicherheit. Gleichzeitig stellt ein radikaler Strukturwandel Unternehmen und Organisationen auf den Kopf.

Wir brauchen uns aber in Europa vor dem Silicon Valley nicht zu verstecken. Uns stehen einzigartige Ressourcen, bestens ausgebildete MitarbeiterInnen und tolle Universitäten zur Verfügung.

Auf diesen aufbauend sind viele Führungskräfte gerade jetzt gefordert, sich lebendig, radikal, wild und authentisch den aktuellen Entwicklungen nicht nur zu stellen, sondern diese auch aktiv zu gestalten. (Werner Sattlegger, 23.8.2018)

Werner Sattlegger, Founder und Director School of Life, begleitet Führungskräfte im digitalen Wandel und führt Lernreisen ins Silicon Valley durch.