Foto: Landesamt für Denkmalpflege Stuttgart

DNA von Alemannen-Kriegern aus dem frühen Mittelalter entschlüsselt

9. September 2018, 10:19

Genetiker analysierten Überreste alemannischer Krieger, die vor rund 1.400 Jahren im heutigen Baden-Württemberg beigesetzt wurden

Bozen/Jena – Forscher des Südtiroler Forschungszentrums Eurac Research und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (MPI-SHH) in Jena haben die DNA von frühmittelalterlichen Alemannen-Kriegern entschlüsselt. Die Wissenschafter untersuchten Knochenreste, die aus der Zeit zwischen 590 und 630 n. u. Z. stammen und konnten dadurch unter anderem neue Erkenntnisse über Gesellschaftsstrukturen im Frühmittelalter gewinnen.

Einige der Toten aus dem 1962 entdeckten Gräberfeld. Unten links fand befindet sich ein Kamm, der eine Grabbeigabe darstellte.
foto: landesamt für denkmalpflege stuttgart

Familiengeschichten

1962 wurde in Niederstotzingen in Baden-Württemberg ein alemannisches Gräberfeld mit 13 menschlichen Skeletten, Überresten von drei Pferden und ausgezeichnet erhaltenen Grabbeigaben verschiedener Herkunft gefunden. Bisher habe man gewusst, dass es sich um ranghohe Krieger und ihr Gefolge handelt. Die molekular-genetischen Untersuchungen brachten nun neue Details über die Toten und ihre letzte Ruhestätte ans Licht.

Dank der DNA-Analysen konnten die Forscher sowohl die mütterliche als auch die väterliche Verwandtschaft rekonstruieren. Anhand von Zahnproben ließ sich feststellen, dass fünf der Individuen in erster oder zweiter Linie miteinander verwandt waren. Darüber hinaus zeigen die Bestatteten unterschiedliche genetische Herkunftsmuster, die Wurzeln im mediterranen bzw. nordeuropäischen Raum andeuten. "Diese Ergebnisse belegen bemerkenswerte überregionale Kontakte", erklärte Niall O'Sullivan vom MPI-SHH, Erstautor der Studie.

Der prächtig verzierte Kamm nach der Reinigung.
foto: landesmuseum württemberg/p. frankenstein/h. zwietasch

Kulturelle Vielfalt

Die Mehrfachgräber waren zudem mit Grabbeigaben fränkischen, langobardischen und byzantischen Ursprungs ausgestattet. Deren vielfältige Herkunft in Kombination mit den genetischen Daten deute auf eine kulturelle Offenheit hin und belege, wie Mitglieder derselben Familie womöglich unterschiedlichen Kulturen zugewandt waren.

Aufgrund der erheblichen Fortschritte der Molekulargenetik in den vergangenen Jahren sei es möglich, bisher unbeantwortete Fragen neu aufzuwerfen und historische sowie archäologische Erkenntnisse zu ergänzen. "Die Gräberstudie in Niederstotzingen ist ein Paradebeispiel dafür, wie wir Archäologen und Anthropologen mit neuen Methoden unterstützen können, um offene Fragestellungen im regionalen Kontext zu vertiefen", sagte Frank Maixner von Eurac. Die Studie erschien im Fachjournal "Science Advances". (red, APA, 9.9.2018)