Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 1st Class Arthurgwain L. Marquez/Released

Korruptionsskandal in US-Marine wird zum Fass ohne Boden

13. September 2018, 13:00

Jahrelange Ermittlungen im "Fat Leonard"-Skandal führen zu immer mehr Anklagen. Die US-Marine selbst zeigt indes Milde

Riesige Flotte – viel Korruption: Die 7. US-Flotte versinkt im Korruptionsskandal von "Fat Leonard". Auch nach fünf Jahren wird noch immer ermittelt.
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In nur wenigen Anklageschriften kommen so oft die Wörter "Alkohol" und "Prostituierte" vor wie in jener gegen David W. Haas. Gegen den 50-jährigen ehemaligen Captain der US-Marine wurde vor einem Bundesgericht unter anderem Anklage wegen Bestechung und Betrugs erhoben. Fast zeitgleich wurden zwei hochrangige Unteroffiziere wegen ähnlicher Delikte angeklagt. Die Angeklagten sind nur kleine Fische in einem der größten Skandale in der Geschichte der US-Marine.

Mit den drei neuen Beschuldigten ist die Zahl der Angeklagten in Zusammenhang mit dem sogenannten "Fat Leonard"-Skandal auf 32 gestiegen. 20 davon haben sich bereits schuldig bekannt.

Abendessen, Partys und Prostituierte

"Fat Leonard" ist der wenig schmeichelhafte Spitzname für Leonard Glenn Francis. Der gewichtige Malaysier bestach über Jahre hinweg die Spitzen der US-Marine mit teuren Abendessen, Geschenken, Partys, Alkohol und Prostituierten, um so das Wohlwollen seiner Vertragspartner zu gewinnen. So konnte er mit seiner Firma Glenn Defence den US-Seestreitkräften überteuerte Rechnungen für Marinedienstleistungen stellen, die er angeboten hatte.

Leonard Francis bei einer Anhörung im Jahr 2013. Die jahrelangen Ermittlungen haben inzwischen zu 32 Anklagen geführt.
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In einem Fall stellte Glenn Defence zum Beispiel das Abpumpen von rund 380.000 Liter Abwasser aus einem US-Zerstörer in Rechnung. Der Zerstörer hatte aber nur einen Abwassertank für rund 45.000 Liter. In anderen Fällen stellte er gar Rechnungen ohne sichtbare Dienstleistung. Sein eng geflochtenes Kontaktnetzwerk in der US-Marine nickte das ab oder versuchte es zu vertuschten. Angehörige der Marine, die auf die Ungereimtheiten hinwiesen, wurden oftmals von ihren Vorgesetzten zurückgepfiffen.

250-Millionen-Dollar-Verträge

Aufgeflogen ist der Skandal nach jahrelangen Ermittlungen und der Festnahme Francis' im Jahr 2013. Kurz danach wurde auch der nun angeklagte Haas suspendiert. Er war bis 2012 Direktor der Marineoperationen der 7. US-Flotte in Asien – dem Operationsgebiet von Glenn Defence. Die Firma hatte zum damaligen Zeitpunkt Verträge mit der US-Marine in der Höhe von rund 250 Millionen Dollar.

Wie Francis an diese lukrativen Verträge gekommen ist, verrät die Anklageschrift gegen Haas. Demnach wurde Haas zum Beispiel im November 2011 von Francis in Tokio zum Essen ausgeführt. Für Francis lautete die Devise "Klotzen, nicht kleckern", weswegen das Mahl im noblen Ritz-Carlton-Hotel verspeist wurde. Die Nachspeise kam in Form von Prostituierten. Kostenpunkt: 20.000 Dollar.

20.000 Dollar für ein Abendessen – Prostituierte inklusive.

Sechs Monate später schmiss Francis eine zweitägige Party für Haas und andere Marineangehörige "sowie Unterhaltung in mehreren Hostessen-Clubs, wo die Dienste von Prostituierten zur Verfügung gestellt wurden", wie die Anklage trocken ausführt. Der zweitägige, 75.000 Dollar teure Ausflug war nur eine von zahlreichen Partys, die Haas und seine Kameraden genossen.

Die Einladungen von Leonard Glenn Francis verschlangen Unsummen. Das Geld holte er sich über Umwege zurück.

Im Gegenzug dafür gab's von den Bestochenen teilweise geheime Informationen für Francis, wo und wann sich welches US-Marineschiff in Asien gerade aufhält oder wie viel Konkurrenten für Verträge boten.

32 Anklagen

Welche Dimensionen der Fall inzwischen angenommen hat, zeigt nicht nur die Tatsache, dass Francis seit 2015 mit den Behörden kooperiert und noch immer nicht verurteilt wurde. Neben den 32 Anklagen vor Bundesgerichten hat das US-Justizministerium inzwischen ein Dossier mit den Namen von 550 Personen, die in Kontakt mit Francis standen, an die US-Marine übermittelt. Die US-Militärbehörden sollen so überprüfen, ob sie gegen Militärgesetze verstoßen haben.

Die sonst vergleichsweise harten US-Militärgerichte zeigen aber ausgerechnet beim größten Korruptionsskandal erstaunliche Milde. Anfang September wurde ein ebenfalls in den Korruptionsfall verwickelter Offizier zu nur 165 Tagen Haft verurteilt, nachdem er in nur zwei von fünf Anklagepunkte vom Richter für schuldig befunden worden war. Gedroht hätten ihm 17 Jahre Haft.

60 Admiräle

Ein Grund für die militärische Zurückhaltung könnte sein, dass sich unter den 550 Namen auch 60 Admiräle befinden. In der US-Marine versehen derzeit rund 300 Admiräle Dienst. (Stefan Binder, 13.9.2018)