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Filmporträt von Chilly Gonzales: Der Punk mit Hang zur Klassik

23. September 2018, 11:00

Hakenschläge zur künstlerischen Eigenständigkeit: Philipp Jedickes "Shut Up and Play the Piano" ist hochvergnüglich

Vom Rap-Video mit pumpenden Beats, bei dem die Augen des Sängers wie Edelsteine funkeln, über ein zartes Live-Solo am Klavier bis zur opulenten Verstärkung durch das Wiener Radio-Symphonieorchester: Wenn am Anfang von Shut Up and Play the Piano stilistisch meilenweit voneinander entfernte Versionen des Songs Take Me to Broadway zu einer Montage verschmelzen, dann erhält man einen ersten Eindruck der Bandbreite von Chilly Gonzales. Braucht man unbedingt ein Etikett, wie wär's mit eklektischer Punk-Pianist, plus unbedingter Passion für Musik? Man sieht schon: Geht nicht so einfach.

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Philipp Jedickes Porträtfilm des kanadischen Sängers, Komponisten und Entertainers, der mit bürgerlichem Namen Jason Charles Beck heißt, maßt sich nicht an, seinen Gegenstand dingfest machen zu können. Deshalb wird er ihm so gerecht. Bei Gonzales gehört die Strategie der Täuschung und die ironische Unterwanderung des Musiker- bzw. Künstleregos zum Prinzip. Wann immer man meint, ihn auf einen gewissen Stil, eine Rolle einschränken zu können, erfindet er sich neu. Konstant sind nur die bärige Urkraft, der Enthusiasmus, mit dem er dabei ist.

Shut Up and Play the Piano folgt der Laufbahn Gonzales' von seinen Anfängen in den 90ern in Toronto, wo er gemeinsam mit Sängerin Peaches dem Electro-Rap-Quartett The Shit angehörte, bis zu seinen jüngeren Kollaborationen mit Jarvis Cocker und klassischen Orchestern. Persönliches wollte "Gonzo" nicht im Film haben, überließ Jedicke jedoch freie Hand, sein reiches Archiv zu plündern. Als Leitfaden durch den Film, bei dem schließlich doch einiges über künstlerische Motivation und psychologische Prägungen zu erfahren ist – etwa die Konkurrenz mit dem Bruder und Filmmusikproduzenten Christophe -, dient ein Interview mit Autorin Sibylle Berg. Erste, bewusst "langweilige" Frage: "Warst du als Kind ein Außenseiter?" Gonzales' schlagfertige Antwort: "Außenseiter kann genauso konformistisch wie Insider sein."

In Berlin, wo Anfang des neuen Jahrtausends die Wohnzimmer für alle geöffnet wurden, fand Gonzales schließlich die perfekten Voraussetzungen, um sich nach wie vor an der Seite von Peaches als "jewish rapper" und Performer mit Hang zur Übersteigerung eine größere Fangemeinde zu erarbeiten. Ein äußerst komisches Fundstück ist eine Pressekonferenz, bei der er sich zum Präsidenten des Berliner Undergrounds erklärt und die anwesenden Journalisten mit einer Schrei- und Schimpfattacke in Verlegenheit bringt.

Respekt und Respektlosigkeit

Gonzales sagt selbst im Film, dass er damals zu stark in Richtung Konzeptkunst und Punk abdriftete. Die nächste Metamorphose kam als Hakenschlag in die entgegengesetzte Richtung, in Paris nahm er ein verträumtes Soloalbum als Pianist auf. Spätestens an jenem Punkt wird durch die geschickte Verschränkung von Bildmaterial und Kommentaren deutlich, dass Gonzales' Ruhelosigkeit vor allem eine Suche nach künstlerischer Eigenständigkeit ist. Respektlosigkeit und Respekt gegenüber der Musik, gehen bei ihm Hand in Hand, wie er zu Sibylle Berg einmal sagt.

Am Ende, nach der Zusammenarbeit mit Musikern wie Feist, Daft Punk oder eben dem RSO, überwiegt jedoch der Eindruck, dass dem Respekt bei Gonzales die größere Bedeutung zukommt – und die Respektlosigkeit, also mit Bademantel und Schlapfen zu den Auftritten zu erscheinen, auch ein genuines Ausdrucksmittel ist. Gonzales' Freude und Unverfrorenheit sind gut aufgehoben in diesem Film. (Dominik Kamalzadeh, 23.9.2018)

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