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Globenmacher: "Ein Globus ist ein Abbild der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt"

30. Dezember 2018, 14:00

Er kennt die Grenzen, die Wüsten, die Küsten, die Berge: In London lässt Peter Bellerby als einer der letzten Globenmacher der Welt altes Handwerk aufleben.

Wäre die Welt eine Scheibe, das Leben von Peter Bellerby wäre wohl in geordneteren Bahnen verlaufen. Es war 2007, er war gerade sechs Monate um die Welt gereist, als ihn die Frage umtrieb, was er seinem Vater zum Geburtstag schenken könnte. Sein Vater – ein Schiffsbauer – wurde 80, und Bellerby hat nicht unrecht, wenn er sagt, dass einem nach vierzig Geburtstagen langsam die Ideen ausgehen. Irgendwann hatte Bellerby das perfekte Geschenk im Sinn: einen Globus. Er fand nur keinen, der seinen Ansprüchen genügte.

"Die Globen waren entweder hässlich oder schlecht verarbeitet, oder das Kartenmaterial war mit Fehlern gespickt", klagt Bellerby. Manchmal kam auch alles zusammen. Peter Bellerby entschied sich, es selbst zu versuchen. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Irgendwann, sagt er heute fast entschuldigend, geriet alles außer Kontrolle. Sein ganzes Geld steckte er in die Entwicklung des perfekten Globus.

Angefangen hat Peter Bellerbys Globenbauerkarriere mit der Suche nach einem Globus für seinen Vater. Er fand keinen, der ihm gefiel, also stieg er selbst ins Geschäft ein.
foto: bellerby globemakers

Er hatte schon häufiger seine Laufbahn gewechselt, arbeitete als Rechtevermarkter beim Fernsehen, dann als Immobilienentwickler, zuletzt betrieb er eine erfolgreiche Bar mit angeschlossener Bowlingbahn. Warum auch nicht? Die Welt ändert sich schließlich auch jeden Tag.

Geschrumpfter See

Früher stützten sich Kartografen auf Erzählungen von Entdeckern, heute auf Zahlen von Satelliten. Vor ein paar Jahren kaufte sich Bellerby einen Datensatz, mit dem er seither arbeitet. Allein die Karte aktuell zu halten, sagt der 53-Jährige, sei eigentlich schon ein Vollzeitjob. Bei einer Reise nach Indien merkte er zufällig, dass Orissa jetzt Odisha heißt; ein Pilot schickte ihm aktuelle Luftaufnahmen vom geschrumpften westlichen Aralsee.

Bellerby entrümpelte die Karte, vieler Ortsnamen entledigte er sich. Gezeigt wird nur, was relevant ist – denn sogar auf dem größten Globus sind England und Österreich vergleichsweise klein. Mit den Ländern ist es ohnehin so eine Sache. Welche kommen rauf und welche nicht?

Insgesamt 22 Mitarbeiter arbeiten an den Globen, die zwischen 1400 und 90.000 Euro kosten.
foto: cydney cosette

Bellerby richtet sich weitgehend nach den Vereinten Nationen – "ich kann mir das ja nicht einfach aussuchen" -, aber er ändert die Karte hie und da. Taiwan ist für ihn ein autarkes Land. Ganze Länder von der Landkarte zu tilgen, auch das wird gewünscht – macht Bellerby aber nicht. Seine Welt hat 193 Länder.

Die meisten Globen, sagt Bellerby, könne man aufgrund ihres Kartenmaterials auf ein bis zwei Jahre genau zurückdatieren. "Ein Globus ist immer auch ein Abbild der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt." Viele Kunden wünschten sich eine Legende mit einer Übersicht der wichtigsten Staatsoberhäupter, aber sonst hätten sie keine überbordenden Wünsche. Manche wollen ihr Segelboot abgebildet haben, mit dem sie den Atlantik bezwangen, andere wollen die Orte markieren, an denen sie gelebt haben.

Geduldsarbeit

Eine schmale Treppe führt in seine kleine Werkstatt im Norden Londons, die aussieht, als würden hier schon seit Generationen Globen gefertigt. Die Fenster reichen vom Boden bis zum Dach, an Wäscheleinen trocknen Teile Skandinaviens, Brasiliens und Tibets, auf Handtüchern ruhen Kugeln, die irgendwann einmal die Welt werden sollen.

Es herrscht höchste Konzentration und eine fast familiäre Atmosphäre: Viele der 22 Illustratoren, Holzarbeiter und Kartografen arbeiten schon seit Jahren hier. Jon Wright, der mit Bellerby die Produktion leitet, trägt einen Streifen Europas auf. Koloristin Isis Linguanotto schattiert gerade die Ostküste des asiatischen Kontinents. Bellerbys Mitarbeiter sind Mitte 30, Isis hat Mode studiert. Ihr erster Globus sei eine ziemliche Katastrophe gewesen, erzählt sie: "Überall lief die Farbe die Ozeane hinunter."

Jeder neue Mitarbeiter wird ein Jahr lang angelernt, ehe es so richtig an die Arbeit geht. Und auch der Weg von der virtuellen Karte bis zum handfesten Globus erfordert viel Geduld. Die Welt verzeiht keine Fehler, auch keine kleinen. Zunächst wird die Karte ausgedruckt. Auf ihr sind die Länder umrissen und beschriftet, Flüsse sind blau eingefärbt.

Die ausgedruckten Karten werden in Streifen (sogenannte sphärische Zweiecke) zerschnitten.
foto: jade fenster

Dann wird sie in Streifen (sogenannte sphärische Zweiecke) zerschnitten, anschließend werden die Ozeane in mehreren Schichten aufgetragen. Die befeuchteten Streifen werden gestreckt und nacheinander auf die Kugel geklebt (sie reißen leicht), ehe die Übergänge angeglichen und die Grenzen schattiert werden. Am Ende wird der Globus versiegelt. 18 Monate brauchte Bellerby, bis er ausgeklügelt hatte, wie die Karte keine Falten wirft.

Kugelige Welten

Die kleineren Exemplare, kaum größer als eine Bowlingkugel, werden aus Kunstharz geformt, die großen – 1,27 Meter im Durchmesser, "Churchill" genannt – aus Gips. Die Kugel muss nicht nur schön rund sein, sie soll auch elegant zum Stillstand kommen und auf dem Fuß aus Eichen- oder Tulpenholz nicht ins Trudeln geraten. Bellerby und Wright kaschieren die Globen von Hand. 24 Segmente sind es beim kleinsten Globus, 48 beim größten. Die Stoßkanten liegen eng aneinander, denn wo eine mikrometerkleine Lücke klafft, fehlen am Ende 2,4 Millimeter.

Die Warteliste für einen "Churchill" reicht bis 2021. Das ist kaum verwunderlich, brauchen allein zwei Leute zwischen sechs und acht Monaten für die Herstellung. "Aber reich werden wir mit unseren kugeligen Welten keineswegs", sagt Peter Bellerby. "Wir verdienen kaum daran." Das kleinste Modell kostet knapp 1400 Euro. Ein "Churchill" bis zu 90.000. Hunderte Globen (Bellerby zählt nicht mehr genau) verlassen seine Manufaktur im Laufe des Jahres, nach Indien, Brasilien, Deutschland, Österreich.

Peter Bellerby formt unseren Planeten jeden Tag aufs Neue. Geliefert wird in alle Welt.
foto: ana santl

Zu sehen, wie die Kunden behutsam ihre neuen Schätze streicheln, sei ein großer Lohn, sagen die Mitarbeiter. Manche Kunden reißen gar ganze Wände ein, um die Globen in ihre Häuser zu bekommen. Auch Hollywoodstars und namhafte Institutionen bestellen: Bellerbys Werke stehen heute in der Universität Oxford und in den Räumen der Royal Geographical Society, für den Louvre arbeitet er an einem Himmelsglobus, der 2019 fertig sein wird. "Wir haben auch schon Globen für namhafte österreichische Familien hergestellt", sagt Bellerby, "unter anderem unser bisher einziges in deutscher Sprache gefertigtes Exemplar."

Auch Peter Bellerbys Vater bekam seinen Globus noch. Es war der erste überhaupt, Kosten: knapp 250.000 Euro. Nicht zum Geburtstag, sondern erst, als er fertig war, zwei Jahre später als geplant. Zum Achtzigsten gab es stattdessen: Socken. (Florian Siebeck, RONDO, 3.1.2018)

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