Foto: APA / AFP / Saudi Royal Palace

Causa Khashoggi: Saudi Arabiens "MbS" kann keine Störenfriede brauchen

Analyse mit Video |
11. Oktober 2018, 06:00

Der Fall ist nicht nur der eines kritischen Journalisten, sondern auch Teil des Dramas rund um den Umbruch in Saudi-Arabien.

Jamal Khashoggi bleibt verschwunden: Auch die Spekulation des Kommentators der saudi-arabischen Tageszeitung "Okaz", dass der kritische Publizist "bereut" haben und aus Istanbul heimlich nach Saudi-Arabien zurückgekehrt sein könnte, um sich den Behörden zu stellen, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Aber auch dafür, dass er tot ist, gibt es noch keine Beweise.

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Khashoggis türkische Lebensgefährtin Hatice Cengiz, der von der Khashoggi-Familie in Saudi-Arabien inzwischen ausgerichtet wurde, man wolle nichts mit ihr zu tun haben, hat in einem Gastkommentar in der "Washington Post" US-Präsident Donald Trump um Hilfe gebeten. Nicht nur die USA wissen nicht so recht, wie mit den – unbewiesenen – Vorwürfen, dass Khashoggi im saudischen Konsulat vorsätzlich ermordet wurde, umzugehen ist. Auch die Türkei hat ja bisher trotz starken medialen Drucks keine diplomatischen Maßnahmen verhängt, außer den saudischen Botschafter ins Außenministerium in Ankara zu zitieren.

Komplizierte Gemengelage

Der Fall Khashoggi wird meist relativ einfach dargestellt: das Schicksal eines dissidenten Journalisten, der von einem repressiven System zum Schweigen gebracht wurde. Die Gemengelage ist aber um vieles komplizierter. Khashoggi war kein Dissident im klassischen Sinn. Er hat nie das saudische Königshaus infrage gestellt, sondern ihm zeitweise sogar gedient. Er lotete als Publizist die Grenzen des Systems aus und eckte an, war aber nie in Gefahr.

Das änderte sich mit dem Aufstieg von Kronprinz Mohammed bin Salman: Das Kuriosum dabei ist, dass MbS, wie er allgemein genannt wird, zum Teil Reformen anging, die Khashoggi gefordert hatte. Aber der Reformweg in Saudi-Arabien ist eben nicht verbunden mit einer Öffnung des Systems, sondern im Gegenteil: Abweichler, Störenfriede, welcher Richtung auch immer, werden gnadenlos verfolgt.

Erster Enkel auf dem Thron

Khashoggi ist Opfer der Umbruchszeit in Saudi-Arabien. Mohammed bin Salman wird, wenn seine Pläne aufgehen, der erste Enkel von Staatsgründer Abdulaziz Al Saud (gestorben 1953) auf dem saudischen Königsthron sein. Bisher waren das Abdulaziz' Söhne, wie ja auch König Salman, MbS' Vater, einer ist. Saudi-Arabien war bisher ein – wenngleich es immer wieder interne Krisen im Königshaus gab – relativ konsensuell geführter Familienbetrieb: Unter MbS wird er zur Ein-Mann-Diktatur. Seinem Vater Salman wird zwar noch immer durchaus persönliche Macht zugesprochen, die Richtungsgebung überlässt er jedoch dem 33-Jährigen.

MbS steht für eine viel proaktivere, aggressivere Politik – innen und nach außen, wie man zuletzt an den Strafmaßnahmen gegen Kanada gesehen hat, aus dem Kritik an der Verhaftung von Frauenrechtsaktivistinnen gekommen war. Um sich durchzusetzen, wird der Kronprinz aber auch "liefern" müssen: die Umsetzung vor allem der wirtschaftlichen Reformagenda, die das Königreich auf ganz neue Beine stellen soll.

Verzögerter Börsengang

Da lief es in der letzten Zeit nicht allzu gut. Vor allem die Verzögerung des Börsengangs des staatlichen Ölriesen Aramco stellte ein Scheitern von MbS in den Raum. Dazu kommt die in jeder Beziehung kostspielige Außenpolitik, vor allem das Kriegsengagement im Jemen.

Und in den Kulissen warten jene Teile der riesigen Familie, die sich übergangen fühlen: Sie haben nicht vergessen, dass, um Mohammed bin Salman die direkte Thronfolge zu ermöglichen, zuerst der noch von König Abdullah (gestorben 2015) ernannte Halbbruder von König Salman, Muqrin, und 2017 auch der nach Muqrins Abgang nachgerückte Kronprinz Mohammed bin Nayef weichen mussten. Von ihm heißt es, dass er unter Hausarrest steht. Auch etliche andere mächtige Prinzen wurden entfernt.

Falsche Seite der Familie

Khashoggi war nicht nur durch seine publizistische Tätigkeit, die er nach Washington verlegt hatte – umso peinlicher nun sein Verschwinden für die US-Regierung -, lästig. Er stand auch gewissermaßen auf der falschen Seite in der Familie. Zum Beispiel hatte der Milliardär Al-Waleed bin Talal mit Khashoggi bei Medienprojekten zusammengearbeitet. Er gehört zu den im November 2017 im Ritz-Carlton in Riad von MbS eingesperrten Prinzen, die sich freikaufen mussten.

Außer Muqrin, der nie als "starker" Prinz eingestuft wurde, gibt es einen direkten Bruder König Salmans, der noch für dessen Nachfolge infrage käme. Dieser Prinz Ahmed war vor kurzem in London mit Jemen-Antikriegs-Demonstranten konfrontiert, die Slogans gegen die Sauds riefen, und er sagte ihnen Folgendes: "Was hat die Familie damit zu tun? Gewisse Personen sind dafür verantwortlich, der König und der Kronprinz." Später folgte eine Erklärung des Prinzen, er habe einfach nur deren Sicherheitszuständigkeit gemeint. Ob MbS ihm das glaubt, sei dahingestellt.

Die Hüter der heiligen Stätten

Dass der Fall Khashoggi in der Türkei spielt, gibt ihm aber auch noch eine andere Dimension. Die türkischen Medien sehen durch die mutmaßliche Tat die "Ehre" der Türkei befleckt – und erinnern daran, dass Trump jüngst die Ehre des "Hüters der heiligen Stätten des Islam" (in Mekka und Medina) beleidigte – und dieser das zuließ. Der US-Präsident hatte König Salman ausgerichtet, dass die Sauds sich ohne US-Unterstützung nicht halten könnten.

Die Funktion des Hüters der heiligen Stätten lag zwar, bevor sie die Familie Saud übernahm, bei den Haschemiten (heute das Königshaus in Jordanien). Die waren aber bis in den Ersten Weltkrieg hinein Vasallen der Osmanen. Es ist, als sei der alte Streit über die Führerschaft in der islamischen Welt plötzlich wiederbelebt. Wahhabiten gegen Osmanen, monarchistische Salafisten gegen republikanische Muslimbruderschaft, darum zählt ja auch die muslimbrüderfreundliche Politik Katars in Riad als schwerer Verrat. (Gudrun Harrer, 11.10.2018)