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Gerichtsklage gegen Atomversuche auf Mururoa

10. Oktober 2018, 18:02

Die französischen Tests haben ein Nachspiel vor dem Internationalen Strafgerichtshof

Oscar Temaru, der frühere Vorsteher des französischen Überseegebietes Polynesien, gab die Klage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag im Rahmen eines UN-Symposiums zur Entkolonialisierung bekannt. Das Begehren wird von lokalen Umweltverbänden getragen und lautet auf "Verbrechen gegen die Menschheit". Dieser Tatbestand ist der einzige, der nicht verjährt.

Frankreichs Atomversuche gingen 1996 zu Ende. Die Konsequenzen der Verstrahlung blieben aber bis heute aktuell, erklärte Temaru. "Wir schulden unseren Vorstoß allen Personen, die an den Folgen des nuklearen Kolonialismus gestorben sind", meinte der langjährige Kämpfer für die Unabhängigkeit Polynesiens.

Wenig Chancen für Klage

Völkerrechtsexperten räumen der Klage wenig Chancen ein. Ohne es ausdrücklich zu sagen, hoffen die Umweltverbände hingegen auf Entschädigungszahlungen. Die französische Nationalversammlung hatte den Opfern der Atomversuche 2010 einen ersten Schadenersatz zugesprochen; Temaru bezeichnet seine Höhe allerdings als "lächerlich gering".

Frankreich bereitet sich damit später als etwa die USA oder Großbritannien auf eine materielle Wiedergutmachung der meist irreparablen gesundheitlichen Schäden vor. Die Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Sie geht zweifellos in die Tausende, allein der größte Opferverein Aven zählt über 3000 Mitglieder.

Keine Infos für Anrainer

Als die französischen Atomversuche 1960 in der Sahara und ab 1966 auf den Südseeatollen Mururoa und Fangataufa begannen, waren die Techniker und Militärs und Anwohner den Explosionen vorerst offen ausgesetzt. Die Bevölkerung Französisch-Polynesiens (heute 270.000 Menschen auf 121 Inseln) erhielt nicht einmal ein Informationsblatt.

Strahlensichere Schutzanzüge trugen nur die Politiker wie Charles de Gaulle, der "Hurra für Frankreich" ausrief, als er auf den roten Knopf gedrückt hatte und den Atompilz bestaunte. Die insgesamt 193 Kernexplosionen, von denen die ersten 40 in der Luft stattfanden, waren zuerst als "Secret Défense" (Militärgeheimnis) deklariert. Später nannte die Regierung sie "sauber und gefahrlos". Erst mit der Zeit wurde den Bewohnern empfohlen, keine Kokosnüsse zu essen und nicht mehr in den Lagunen zu baden.

Mehr Vorsicht ab Mitte der 70er

Vorsichtiger wurden die Behörden 1974, als der radioaktive Niederschlag die mehr als tausend Kilometer entfernte Hauptinsel Tahiti erreicht hatte. Als die Krebsraten und Leukämiefälle unter den Betroffenen stark zunahmen, wurden die Explosionen unter Tag gelegt. Kleinere Tsunamis auf Nachbarinseln waren die Folge.

Nach jahrelangen Protesten verkündete Frankreichs Präsident François Mitterrand 1992 ein Testmoratorium. Sein Nachfolger Jacques Chirac beendete die Atomversuche nach einer letzten, international geächteten Testserie schließlich im Jahr 1996. Heute nimmt Frankreich weiterhin Atomtests vor – allerdings nur noch in einem Versuchslabor in Bordeaux. (Stefan Brändle aus Paris, 10.10.2018)