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Politische Theorie: Ist die Postmoderne schuld am Postfaktischen?

19. Oktober 2018, 07:00

Die linke Theorie stellte die Wirklichkeit infrage, wie Sprache, Wissenschaft und Gesellschaft sie erzeugen. Sind Foucault, Derrida und Co deshalb schuld an der Misere, in der sich die Gesellschaft befindet?

Ist die Postmoderne an allem schuld? Auch wenn man das glauben möchte – diese Frage kommt derzeit nicht von rechts. Es sind linke oder zumindest liberale Theoretiker, die fragen: Hat die Postmoderne auf direktem Weg ins Zeitalter des Postfaktischen geführt – und haben wir es alle die längste Zeit nur nicht gemerkt?

Angeklagt sind die Säulenheiligen linker Theorie: Jacques Derrida, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Judith Butler oder die postkoloniale Denkerin Gayatri Spivak. Sie alle entwickelten Theorien, die eine Selbstermächtigung und Befreiung des Menschen von Institutionen, Ideologien und Autoritäten zum Ziel haben. Ähnlich wie zu Zeiten der Aufklärung suchen sie nach dem "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Nur die Gegenstände ihrer Kritik sind andere, diffusere: Nicht mehr Staat und Kirche werden infrage gestellt, sondern Sprache, Wissenschaft, Gesellschaft und wie sie unsere Wirklichkeit erzeugen. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist nämlich nur eine Konstruktion, und mithilfe des Postkonstruktivismus können wir eben das erkennen.

Auch wenn man hier meint, sie für sich gepachtet zu haben: Der Weg zur Wahrheit führt nicht über das Weiße Haus.
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Unliebsame Fakten

Der Vorwurf, den Albrecht Koschorke, Literaturwissenschaftsprofessor in Konstanz, im Beitrag Die akademische Linke hat sich selbst dekonstruiert in der NZZ formulierte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen: "Wenn alles irgendwie gleich ist, dann ist auch alles erlaubt." Wenn es "die" Wahrheit, "die" Realität nicht gibt, dann kann es viele davon geben. Dann kann jeder seine eigene haben. Auch Donald Trump.

Ist also am Ende etwas in die Welt gebracht worden, das nur, wie Koschorke meint, "auf dem Boden einer liberalen Ordnung" gedeihen kann – und das sich, sobald sich der gesellschaftliche Wind dreht, gegen seine Erfinder wendet? Der Gedanke ist nicht ganz neu. Schon 2004 wies der französische Soziologe Bruno Latour in seinem Aufsatz Why Has Critique Run Out of Steam? (auf Deutsch: Elend der Kritik) darauf hingewiesen, dass mit der Berufung auf postmoderne sozialkonstruktivistische Theorie eben auch unliebsame Fakten angezweifelt werden können. Latour meint damit Leugner des Klimawandels. Es könnte aber genauso um Antisemitismus und rechte Umtriebe gehen. Im postfaktischen Zeitalter heißen derlei Tatsachen: Fake-News der "Systempresse".

Der französische Philosoph Mathieu Potte-Bonneville (li.), der Soziologe Bruno Latour und der Architekt Rem Koolhaas diskutieren neue Denkmodelle in der "Nacht der Ideen".
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Glaubte wirklich jemand ans Ende der Geschichte?

Es gibt nun Menschen, die haben ihre Zweifel an dieser Kritik. So weist der Rechtswissenschafter Andreas Fischer-Lescano darauf hin, dass linke und postmoderne Theorie "an Europas Fakultäten eine Randnotiz" sei, der man nicht plötzlich universalen Einfluss zugestehen könne. Und darauf, dass wohl eher das Versagen der politischen Institutionen selbst die eigene Glaubwürdigkeit geschreddert habe.

Vor allem aber muss man sich doch die Frage stellen: Hat wirklich jemand geglaubt, die Postmoderne wäre das Ende der Geschichte? Ist die Diskussion, die gerade geführt wird, nicht ein Geschenk für Philosophie, Soziologie, die gesamten Geisteswissenschaften? Sind die Begriffe und Gewissheiten wirklich alle unhaltbar geworden? Das ließe sich diskutieren, denn wie Fischer-Lescano treffend anmerkt, hat Derrida etwa die Idee der Menschenrechte nie relativiert. Doch selbst wenn dies der Fall wäre, dann könnte man sie nun, unter dem Vorzeichen der Postmoderne, neu verhandeln und festmachen. Das wäre nicht nur Wissenschaft, das wäre Politik und am Ende eine zutiefst menschliche Notwendigkeit. Wie wollen wir zusammen leben, was bedeutet für uns Wahrheit, was Gerechtigkeit?

Mehr Sportsgeist

Postmodern heißt eben auch das: Eine Gesellschaft muss ihre Gewissheiten immer wieder neu aushandeln. Sie muss aushalten, dass sich nichts für alle Zeiten festschreiben lässt. Und sie muss die Geschichten dazu immer wieder neu erzählen. Das ist etwas, was derzeit weder die Wissenschaft noch die (linke) Politik besonders gut kann. Der Wissenschaftsbetrieb verliert sich – natürlich mit den besten Absichten – in Diskussionen wie eben dieser und scheint bisweilen aus dem Blick zu verlieren, dass abseits aller Theorie auch noch eine Bezugsgröße existiert: die Welt da draußen nämlich, die man mangels einer besseren Bezeichnung immer noch als Realität bezeichnen muss.

In der Politik sieht es nicht viel besser aus. Was wir aber brauchen, stellte Ilan Zvi Baron, Professor für Internationale politische Theorie in Durham, unlängst auf der Berliner Konferenz "Concerning Matters and Truths. Postmodernism’s Shift and the Left-Right-Divide" fest: ein Narrativ. Was genau er damit meint, erklärte er am Beispiel der in den Vereinigten Staaten schwer umkämpften Konföderierten-Denkmäler. Statt Unliebsames einfach zu entfernen, so Baron, müsse man eben Neues errichten. Soll heißen: Politik und Wissenschaft müssen den Menschen wieder davon erzählen, wie ein gerechtes, gutes Leben für alle aussehen kann. Aber auch, warum das ein Wert an sich ist – selbst, wenn er immer wieder neu ausverhandelt werden muss.

Jeder kann seine eigene Wahrheit haben – auch Donald Trump.
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Konstruieren statt über Konstruktivismus zu streiten

Ganz nebenbei müsste die Linke auch wieder ein wenig mehr Sportsgeist entwickeln. Auf besagter Konferenz stellte zum Abschluss – und von heftigem Applaus bedacht – eine Nachwuchsakademikerin die polemisch gemeinte Frage, wie man denn in prekären Arbeitsverhältnissen, bedrängt von Konkurrenzdruck und Exzellenzzwang, solidarische, engagierte Gruppen bilden könne. Die eigentliche Frage ist aber: Wie kann man unter solchen Umständen nicht solidarisch und engagiert sein?

Denn es ist schon paradox: Ausgerechnet postmodern geschulte Menschen machen am Ende dann doch wieder Institutionen dafür verantwortlich, dass man leider nichts verändern könne. Vielleicht wäre hier ein Anfang zu machen: Statt zu beklagen, in welch desolatem Zustand sich Gesellschaft, Politik und Wissenschaft befinden, könnten wir doch endlich wieder gute Geschichten darüber erzählen, wie diese aussehen sollen.

Statt über Konstruktivismus zu streiten – konstruieren wir doch selbst etwas. (Andrea Heinz, 19.10.2018)