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Was macht Papa eigentlich im Kreißsaal?

11. November 2018, 08:00

Väter haben ihren Platz im Kreißsaal erobert. Trotzdem ist ihre Rolle wenig definiert. Das soll sich durch Väter-Abende vor der Geburt verändern

Eine hochschwangere junge Frau will partout nicht, dass ihr Mann bei der anstehenden Geburt dabei ist. Ihre Mutter reagiert mit Entrüstung und Unverständnis. Der Vater habe bei der Geburt dabei zu sein, meint die Hauptdarstellerin von Folge vier der neuen Amazon-Kultserie The Romanoffs, alles andere sei ein Rückschritt.Seit die Väter in den 1980er-Jahren Einlass in die Kreißsäle bekamen, gehört es zum männlichen Rollenbild, bei der Geburt dabei zu sein. Laut Schätzungen sind heute in manchen EU-Ländern neun von zehn Partnern anwesend.

Schwierig ist ihr Stand dennoch: Der Geburtsmediziner Michel Odent, Schüler des Pioniers der sogenannten sanften Geburt, Frédérick Leboyer, meinte sogar, man müsse die Männer wieder aus den Kreißsälen verbannen. Der Franzose geht sogar so weit, ihnen die Schuld an Kaiserschnitten zu geben – mit ihren ständigen Fragen, ob die Schmerzen noch auszuhalten seien. Mit dieser Rationalität störten sie den Urakt der Geburt.

Neun Monate hat das Baby im Mutterleib verbracht, lebt mit der Mutter in Symbiose. Der Vater kommt im Kreißsaal dazu und erlebt dort das Baby zum ersten Mal.

Ganz anders sieht man die Präsenz der Väter im Kreißsaal am ersten Europäischen Stillkongress in Wien: "Die Rolle der Väter bei der Geburt ist zwar nicht genau definiert, sogar unter Geburtshelfern ist umstritten, ob ihre Anwesenheit positiv oder negativ ist", sagt Harald Abele, der das Perinatal- und Mutter-Kind-Zentrum am Universitätsklinikum Tübingen leitet. Der in einem nach WHO und Unicef zertifizierten babyfreundlichen Geburtszentrum arbeitende Gynäkologe ist aber überzeugt, dass Männer – auch beim Bonding mit den Babys und beim Stillprozess – eine größere Rolle spielen als gedacht. Vor allem nach Kaiserschnitten, aber auch nach Spontangeburten seien die Brust der Mutter und der intime Haut-zu-Haut-Kontakt des Kindes zu beiden Eltern wichtig für die Bindung.

Tragende Rolle

Viele Frauen profitieren von der Präsenz der Partner und nehmen Hilfe meist dankbar an. Die Väter können so für sie da sein. "Sie sollen allerdings aus tiefster Seele dabei sein, es wirklich wollen, und nicht, weil man als Mann heute halt dabei zu sein hat", sagt auch Barbara Maier, Vorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Wilhelminenspitals in Wien, die die Situation im Kreißsaal oft als "Spiegelbild der Paarbeziehung" erlebt. Ein Mann, der kein Blut sehen kann, sei fehl am Platz. "Manche Frauen wollen die Männer auch nicht dabeihaben, weil sie sehr exponiert sind und dabei nicht beobachtet werden wollen", weiß die Medizinerin.

Auch scheinbar Banales kann helfen

Der natürlichste aller menschlichen Vorgänge ist herausfordernd und nicht nur schön. Schauspielerin Keira Knightly drückte das kürzlich unverblümt in einem Essay aus, der teils wütende Reaktionen auslöste: "Ich erinnere mich an die Scheiße, das Erbrochene, das Blut, die Stiche. Ich erinnere mich an mein Schlachtfeld." Am besten helfen Männer einfach durch ihre Anwesenheit und mit kleinen Dingen: Schweiß abtupfen, massieren, Wasserflasche bereithalten, sagen Experten. "Viele schaffen es, Unzulänglichkeiten der Situation zu kompensieren, aber sie müssen informiert sein", so Abele. Das kann auch etwas so Banales wie der kürzeste Weg zum Kreißsaal sein. Es heißt, Ruhe zu bewahren und präsent zu sein.

Kontraproduktiv sind Panik oder Druck auf die Gebärenden: "Ein werdender Vater hat sogar einmal bemerkt, dass es bei seiner Ex schneller ging", erzählt Maier, die Blicke auf die Uhr ganz und gar nicht schätzt. Wird Vätern die Situation zu viel, können und sollen sie auch zwischendurch hinausgehen. Denn: "Eine Geburt, gerade wenn eine Intervention notwendig ist, kann auch für Männer traumatisch sein", weiß die Medizinerin. Das könne sich auch später negativ auf die sexuelle Beziehung auswirken.

Information vor der Geburt

Laut Studien empfinden Männer ihre Frauen auch während der Stillzeit als weniger attraktiv. Das Um und Auf ist, dass sich die Väter schon vor der Geburt mit dem Thema auseinandersetzen, etwa mit Geburtsvorbereitungskursen, sind sich die Experten einig. Ein relativ junger Trend sind sogenannte Väterabende: Gynäkologe Abele ist einer der ersten Ärzte, die so eine Veranstaltung vor wenigen Jahren in ihrer Klinik eingeführt haben. Bei kaltem (wohlgemerkt alkoholfreiem) Bier fragen die Männer frei von der Leber weg, was sie bewegt. Die werdenden Mütter sind währenddessen bei einer Stillinformation. "Es kommen ganz andere Fragen, wenn die Männer unter sich sind", weiß der Arzt aus Erfahrung. Er erlebt immer wieder, dass Männer sonst dazu tendieren, Fragen für ihre Partnerinnen zu stellen.

Ganz ohne Frauen

Was, wenn mir schlecht wird? Wie ist meine Rolle bei einem Notkaiserschnitt? Wie verhalte ich mich beim ersten Anlegen? Wo kann ich parken, wenn meine Frau schon starke Wehen hat? Themen wie diese haben bei diesen Abenden Platz, deren Leitung männliche Ärzte und Pfleger übernehmen. Die Kurse helfen, Männer bei einem Notkaiserschnitt nicht ratlos und panisch zurückzulassen, denn ist der Notknopf gedrückt, bleibt keine Zeit für Erklärungen. "Wir bereiten die Väter auch auf das Durchtrennen der Nabelschnur vor. Sie freuen sich dann meistens darauf", so Abele.

Virale Liste

Dass werdende Väter und ihre Erlebnisse ein Thema sind, dem oft zu wenig Beachtung geschenkt wird, zeigte die Liste eines frischgebackenen Vaters, die Ende vergangenes Jahres viral wurde: Fast 300.000-mal wurde der Post eines Mannes angesehen, der eine Liste mit dem Betreff "Those things I wish someone had told me" veröffentlichte. Zwei seiner Punkte: "Du bist nicht bereit" und "Der menschliche Körper kann abscheulich schön sein".

Ein Vater lernt sein Kind kennen. Auch die nackte Brust des Vaters, der innige Haut-zu-Haut-Kontakt, ist immens wichtig für die Bindung.

Unterstützung in der Stillzeit

Auch nach der Geburt können Väter ihre Frauen unterstützen, indem sie den Säugling halten und tragen, etwa mit einem Tragetuch. "Väter haben zwar keine Milch und die Mutter-Kind-Einheit nach der Geburt, die manche Frauen sehr genießen, ist für sie nicht immer einfach zu erleben, weil sie sich oft nicht eingebunden fühlen", so Maier.

Dass Männer mit Babytrage allerdings noch immer bemerkenswert sind, hat vor kurzem die Debatte um James-Bond-Darsteller Daniel Craig gezeigt: Auf Twitter gingen die Wogen hoch, weil der britische Moderator Piers Morgan ihn als entmannten Bond bezeichnet hatte und ihm vorwarf: "Oh 007, nicht du auch noch?!" Craig war auf Fotos mit Babytrage zu sehen gewesen.

Wie wichtig Väter in der Stillzeit sind, betont Anita Schoberlechner vom Verband der Still- und LaktationsberaterInnen IBCLC Österreichs: "Sie können mit dem Baby kuscheln, es baden, massieren, spazieren gehen, vorsingen. All das fördert die Bindung zwischen Vater und Kind. Und die Mütter erleben eine enorme Unterstützung. Eine Investition in die gemeinsame Zukunft." (Marietta Adenberger, 11.11.2018)