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Skandalöse Reaktionen auf Skandale bringen Facebook in Bedrängnis

Analyse |
16. November 2018, 11:16

Enthüllungen über das Vorgehen des sozialen Netzwerks bei Krisen sorgen für ein Beben in der IT-Branche

Rund vierzig Insider sprachen mit der "New York Times", um fragwürdige Vorgänge bei Facebook zu enthüllen – allein diese Tatsache muss die Führungsspitze des sozialen Netzwerks beunruhigen. Doch was durch die anonymen Quellen der Zeitung nach außen drang, ist noch weitaus brisanter als die Bereitschaft der eigenen Mitarbeiter, mit Journalisten zu plaudern. Facebook soll in den vergangenen Jahren über interne Erkenntnisse geschwiegen, Revanchismus und Nepotismus betrieben und die Konkurrenz absichtlich heruntergemacht haben.

Kurzum: Facebook passt sich an das Verhalten anderer multinationaler Konzerne an, die im US-Politbetrieb mitmischen. Das soziale Netzwerk erinnert an einen Ölgiganten oder ein Wallstreet-Unternehmen. Vom utopischen Silicon-Valley-Versprechen, die Welt zu verbessern, bleibt unter dem Strich gar nichts übrig.

Was wusste die Führungsspitze?

Deshalb wackeln nun auch die Sitze von Firmenchef Mark Zuckerberg und dessen Vize Sheryl Sandberg. Entweder die beiden hatten ihr Unternehmen nicht unter Kontrolle – oder sie täuschen die Öffentlichkeit. So berichtet die "New York Times" etwa, dass Facebook das PR-Unternehmen Definers Public Affairs damit beauftragt hat, Facebook-Kritiker mit dem milliardenschweren Philanthropen George Soros zu verbinden, einem Feindbild von Antisemiten und Rechtspopulisten. Außerdem sollten gezielt Artikel platziert werden, die Google und Apple kritisieren, um die öffentliche Aufmerksamkeit abzulenken.

Sandberg und Zuckerberg gaben nun an, davon nichts gewusst zu haben. Gleichzeitig wies Facebook selbst darauf hin, dass die Kooperation mit Definers kein Geheimnis gewesen sei, da ja regelmäßig Presseaussendungen über das PR-Unternehmen verschickt wurden. Facebook sagt also, dass einerseits Journalisten über die Beziehung zwischen Facebook und Definers Bescheid wissen mussten, dieselbe Tatsache andererseits Facebooks Führungsspitze jedoch nicht bekannt war.

Täuschung der Öffentlichkeit

Eine andere Enthüllung: Facebooks Sicherheitsabteilung warnte schon im Frühjahr 2016 davor, dass russische Trolle dubiose Aktionen vorbereiteten und Meinungsmanipulation betrieben. Nach der US-Präsidentschaftswahl, also Ende 2016, sagte CEO Zuckerberg angesichts heftiger Kritik, die Idee, dass Fake-News die US-Präsidentschaftswahl beeinflusst haben könnten, sei "verrückt". Entweder Zuckerberg war über die Erkenntnisse seiner eigenen Sicherheitsexperten nicht informiert gewesen – oder er täuschte die Öffentlichkeit.

Politik beeinflussen

Der Konzern gab auch immer mehr Geld dafür aus, die US-Politik zu beeinflussen. Facebook-Mitarbeiter spendeten am meisten für den demokratischen Senator Chuck Schumer, dessen Tochter selbst bei Facebook arbeitet. Schumer war es laut "New York Times" dann auch, der die Untersuchung des Datenskandals rund um Cambridge Analytica gebremst haben soll. Auch mit Republikanern wollte man es sich nicht verscherzen. Zuckerberg entschied sich etwa 2015 dagegen, einen hasserfüllten Facebook-Beitrag des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu löschen – das endgültige Urteil über Trumps Posting wurde von Zuckerberg delegiert.

Schadensbegrenzung

Die Enthüllungen kommen nach einem Jahr, in dem Facebook ohnehin ständige Schadensbegrenzung betreiben musste. Nach mehreren Meldungen über unzulässig genutzte Userdaten musste sich die Führungsebene weltweit Untersuchungsgremien stellen, auch laufen Ermittlungen. Facebook reagierte darauf mit einer "Datenschutzoffensive" und einer globalen PR-Kampagne. Doch durch die heimlich gesetzten Schritte, um Kritik abzuwehren, dürfte das nun bei vielen Nutzern als Heuchelei gelten – und auch die Konkurrenz wird alles andere als erfreut sein. (Fabian Schmid, 16.11.2018)