Foto: Reuters / Daniel Becerril

Die Wölfe nähern sich Wien

21. November 2018, 08:26

In Zukunft könnten die Wildtiere auch durch Wien streifen. Experten fordern eine sachliche Debatte über ein Miteinander

Österreich ist das letzte Alpenland, das vom Wolf wiederentdeckt wird. Das "Management" dieser europarechtlich streng geschützten Wildtiere müsste also nicht bei null anfangen. Beispiele, wie Mensch, Wolf und sogar Schaf nebeneinander existieren können, gibt es etwa in der Schweiz. Doch seit spätestens 2016 – mit der Bildung des ersten Rudels im Waldviertel – gehen die Emotionen hoch. WWF-Experten aus Österreich und der Schweiz und MA-49-Forstdirektor Andreas Januskovecz diskutierten darüber, dass der Wolf auch den Großraum Wien für sich entdecken könnte – und über fehlende politische Maßnahmen.

Der WWF schätzt, dass es in Österreich 20 bis 25 Wölfe gibt. Bislang gab es keine Sichtungen in der Bundeshauptstadt. Den Wienerwald hat der Wolf aber schon erreicht. Direkt in der Stadt wird er auch künftig keinen Lebensraum finden. Aber der Wienerwald oder der Nationalpark Donau-Auen bieten genügend Ruhezonen. Als am wahrscheinlichsten gelten laut WWF Sichtungen in Randsiedlungen im Wienerwald.

Anpassungsfähig und scheu

Die Tiere sind sehr anpassungsfähig und können auch in der Nähe großer Städte leben, wie das etwa in Rom oder Berlin der Fall ist. 17.000 Wölfe gibt es wieder in Europa. Meist bleiben sie unbemerkt, da sie Menschen meiden. Auch seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland – nach zwei Jahrzehnten gibt es nun etwa 60 Rudel mit circa 500 Wölfen – und in die Schweiz, wo es im Moment drei bis vier Rudel mit insgesamt 50 Wölfen gibt, wurde bislang keine einzige Attacke auf Menschen registriert.

"Meine Mitarbeiter haben noch nie einen Wolf gesehen", räumt MA-49-Forstdirektor Januskovecz ein. Die MA 49 betreut Gebiete in Wien, Niederösterreich und der Steiermark mit insgesamt etwa 41.500 Hektar Wald inklusive Almen und Felsen und 2500 Hektar landwirtschaftliche Nutzflächen. Januskovecz, selbst Jäger, drängt darauf, "faktenbasiert zu reden". Denn gerade Risse von Nutztieren, die Schlagzeilen machen, würden sich oft als Jagd durch Hunde entpuppen. Das genetische Gutachten, das den "Übeltäter" überführt, dauert aber Wochen. Es bleibt nur die erste Schlagzeile in Erinnerung.

Hunde statt Gummigeschoße

Bei dem Thema gebe es aber auch nichts zu schönen, betont Januskovecz. Wolfspopulationen werden in Zukunft wohl wachsen. Österreich hat eine gute Nahrungsgrundlage, da die Dichte an Wildtieren hoch ist – 758.000 Stück wurden laut Statistik Austria im Jagdjahr 2017/2018 erlegt. Experten gehen davon aus, dass bis zu 40 Rudel Platz und Nahrung finden könnten.

Doch neben der ökologischen Komponente gebe es die soziale zu berücksichtigen. Maßnahmen wie in Niederösterreich und Oberösterreich stoßen bei der Expertenrunde jedoch auf Ablehnung: Seit diesem Sommer gibt es Bescheide der Bezirkshauptmannschaft Gmünd für sechs Jagdgebiete und der oberösterreichischen Landesregierung für die Marktgemeinde Liebenau für "Vergrämungen". Sie erlauben Schreckschüsse, Lärm und gezielte Schüsse mit Gummigeschoßen. Der WWF hat bereits Beschwerde bei den zuständigen Landesverwaltungsgerichten eingebracht.

Vergrämung sei wirkungslos, sagt WWF-Experte Christian Pichler: "Eine ungeschützte Schafherde ist wie ein Buffet, das nicht geschlossen ist. Einen kann man vertreiben, aber es kommt bestimmt der nächste." Wirkungsvoll sei gut durchdachter Herdenschutz. Wie dieser funktionieren kann, zeigt die Schweizer WWF-Mitarbeiterin Silvia Nielispach. Schon ein 90 Zentimeter hoher Elektrozaun zeige gute Ergebnisse. 50 Meter kosten rund 100 Euro.

Ein Einheitsmodell für Herdenschutz gebe es aber nicht, sagt sie: "Er funktioniert wie ein großes Gefüge mit vielen kleinen Rädchen." Dazu gehört in der Schweiz eine Herdenschutzhundezucht. Die staatlich ausgebildeten Hunde werden auf Höfe verteilt.

Auch Senner könnten eine sinnvolle Maßnahme sein, sind aber in Österreich unüblich geworden. Dadurch könnten Schafe auch vor anderen Gefahren gerettet werden. In der vergangenen Saison gab es in Österreich 280.000 Schafe. Laut WWF verendeten 10.000 Tiere an Blitzschlag, Krankheit und Unfällen. 21 Schafe wurden im Vorjahr vom Wolf gerissen. (Julia Schilly, 21.11.2018)