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Exklusivinterview mit der Merkel-Raute: "Nicht Orbáns Echte Hände"

Interview |
16. Jänner 2019, 07:33

Diese Handhaltung Angela Merkels bei Auftritten ist zum Markenzeichen der Kanzlerin geworden

Der Abschied Angela Merkels aus dem Bundeskanzleramt hat begonnen. Während sich alle für die Kanzlerin interessieren, wollte "Portfolio" wissen: Was müssen die Hände der mächtigsten Frau alles erlebt haben in den 13 Jahren an der Macht? Wir fragten bei der Merkel-Raute um ein Gespräch an. Nur die Hände, keine Kanzlerin, das war die Bedingung. Nach intensiven Verhandlungen kam Anfang Dezember die Zusage. Ein Auszug.

STANDARD: Es sind unzählige Artikel dazu erschienen, was die Merkel-Raute darstellt und warum es sie gibt. Lüften Sie das Geheimnis!

Merkel-Raute: Es war Zufall. Ich meine, irgendwo müssen die Arme der Kanzlerin ja sein. Sie nur runterhängen zu lassen, sieht komisch aus. Ein hexagonales Prisma zu bilden hatte einen Reiz, erschien aber zu umständlich. Also kam irgendwann ich ins Spiel, die Raute. Es hat für uns beide gut gepasst, also haben die Kanzlerin und ich entschieden: Ich bleibe. Und mit der Zeit war das Ganze auch unterhaltsam.

STANDARD: Unterhaltsam?

Merkel-Raute: Und wie. Körpersprachenexperten, PR-Berater und Journalisten haben wie am Fließband dumme Thesen dazu entwickelt, welchen Zweck ich habe: Mal symbolisiere ich Stabilität in instabilen Zeiten, oder ich stehe für Symmetrie und Ruhe in einer asymmetrischen und unruhigen Welt. Ganze Magazingeschichten sind entstanden. Was die Konkurrenz erst aufgeführt hat, um hinter mein Geheimnis zu kommen und ein Gegenmittel zu finden. Martin Schulz hat seine Hände extra in ein mehrwöchiges Trainingslager geschickt, vergebens natürlich.

STANDARD: Welcher Politiker ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Merkel-Raute: Keiner. Sehen Sie, die bleiben unter sich und wir unter uns. Mir sind also nur Hände in Erinnerung geblieben, viele spannende Gespräche unter überdimensionierten Konferenztischen.

STANDARD: Spannend. Fangen wir mit Österreich an: Wir haben ja da einen jungen, aufstrebenden Kanzler ...

Merkel-Raute: Da muss ich Sie gleich bremsen. Die Hände von ihrem neuen Kanzler da, fand ich eigentlich extrem langweilig. Haben ständig damit geprahlt, was sie nicht alles geschlossen haben.

STANDARD: Die Balkanroute?

Merkel-Raute: Ach was. Haustüren, Hoteltüren, Klotüren. Ich meine: Wen interessiert das? Aber andere Gespräche waren sehr spannend. Sehen Sie, ich habe mich zum Beispiel blendend mit all den Südländern verstanden. Wir mussten uns ja ganze Nächte um die Ohren schlagen, weil mal wieder über irgendein Milliardenhilfspaket gestritten wurde. Während oben die langen Reden geschwungen wurden, haben wir unten vortrefflich philosophiert. Das war die gelebte europäische Annäherung.

STANDARD: Es werden ja nicht alle so einfach gewesen sein. Was ist mit Trump? Sein fester, brutaler Händedruck ist berüchtigt.

Merkel-Raute: Ich kann das nicht direkt bezeugen, mich haben seine Hände eher gemieden. Aber mein französischer Kollege, der die Bekanntschaft gemacht hat, erzählte mir im Vertrauen, dass das etwas ganz anderes ist: ein Hilferuf. Was, wie im TV, aussieht, als würden Trumps Hände ihr Gegenüber zerquetschen wollen, ist der verzweifelte Versuch, nicht mehr loszulassen, damit irgendwer sich erbarmt und sie mitnimmt. Würden Sie die ganze Zeit über mit dem Rüpel verbringen wollen? Im Übrigen waren die wenigen Kontakte, die ich mit seinen Händen hatte, nicht unangenehm. Einfach gestrickt, eher am Golfen denn an Politik interessiert. Und süchtig nach Fernbedienungen. Wenn die Finger nicht alle paar Stunden irgendwo herumzappen konnten, begann das große Zittern.

STANDARD: Verblüffend. Gab es noch andere solche Geschichten?

Merkel-Raute: Es gab auch schreckliche Gerüchte.

STANDARD: Schreckliche Gerüchte?

Merkel-Raute: Nun, angeblich sind es nicht die echten Hände von Viktor Orbán, die er mit sich herumträgt. Verstehen Sie? Sie wurden ausgewechselt. Sie haben, so wird erzählt, ein-, zweimal kritisch gestikuliert, als er gerade wieder etwas zur illiberalen Demokratie geschwafelt hat. Das war dann zu viel. Sie wurden durch russische Attrappen ersetzt. Ich weiß nicht, ob das stimmt, nur Gerüchte. Die Dinger fühlen sich aber merkwürdig an.

STANDARD: Wie wichtig war Ihnen Bürgerkontakt? Wird Ihnen das fehlen?

Merkel-Raute: Ja und nein. Auf den Wahlkämpfen lernt man Spannendes kennen. Zugleich, fragen Sie nicht, wie angenehm es ist, fünftausend verschwitzte Hände nach einem CSU-Parteitag mit Freibier und Freiwurst zu drücken.

STANDARD: Was haben Sie jetzt vor? Wenn die Kanzlerin ins Privatleben zurückkehrt, werden Sie nicht mehr gebraucht.

Merkel-Raute: Mal sehen. Es ist dann ein ganz neues Leben. Autotüren habe ich seit vielen Jahren nicht mehr selbst aufgemacht. Wenn mir langweilig wird, gebe ich Seminare. (Interviewer András Szigetvaris Hände, Portfolio 2018)