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Gute Geschäfte mit außerirdischem Gestein

30. November 2018, 18:03

Der internationale Handel mit Meteoriten boomt. Doch das verleitet offenbar zu unlauteren Methoden

Die Probe von Luna 16 ist die einzige in Privatbesitz und erzielte 855.000 Dollar.
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Was ist der Wert eines Meteoriten, abgesehen von seiner wissenschaftlichen Relevanz? Und wie berechnet sich der materielle Wert?

Meteorite stammen von anderen Himmelskörpern – die meisten aus dem Asteroidengürtel. Bei einigen kann der Nachweis erbracht werden, von welchem Mutterkörper sie abstammen. Dazu gehören die Mond- und die Marsmeteorite ebenso wie die als HED-Gruppe zusammengefassten Howardite, Eukrite und Diogenite, die vom Asteroiden (4) Vesta kommen dürften. Das Material von Meteoriten ist also – verallgemeinert und auf unser Sonnensystem bezogen – alles andere als selten.

Doch hier auf der Erde verfügen wir nur über eine höchst begrenzte Menge an extraterrestrischem Material.

Abgesehen von dem Mondgestein, das bei den US-amerikanischen Apollo-Missionen von Astronauten (insgesamt 380,95 Kilogramm) und den sowjetischen Luna-Missionen von Robotern (insgesamt 301 Gramm) gesammelt wurde, ist das gesamte vorhandene außerirdische Material von selbst auf die Erde gekommen. Doch obwohl täglich rund hundert Tonnen unseren Planeten erreichen, schafft es nur ein verschwindend kleiner Teil als Meteorit auf die Erdoberfläche. Entsprechend begehrt sind die Steine bei Forschern ebenso wie bei Sammlern.

Verschollene Geschenke

Für Letztere sind die Apollo- und Luna-Proben legal nicht erwerbbar: US-Amerikaner und Russen haben die Hand auf ihren Beständen. Einzelne Stücke wurden von den USA als "Goodwill Moon Rocks" an 135 Nationen verschenkt.

Viele davon gelten als verschollen. Nina Koroljowa, die Witwe des Raumfahrtpioniers Sergej Pawlowitsch Koroljow, erhielt von der Sowjetunion eine Probe als Anerkennung der Leistungen ihres Mannes. Diese wurde von Luna 16 am 24. September 1970 zur Erde gebracht, es war das erste Mal, das automatisiert Proben vom Mond geschürft wurden.

Das einzigartige Stück kam am Donnerstag im Auktionshaus Sotheby's unter den Hammer. Die drei Krümel wiegen zusammen 200 Milligramm und wurden schon einmal versteigert. 1993 erzielten sie 442.500 Dollar, diesmal erfolgte der Zuschlag bei 855.000 Dollar – ein Kilopreis von mehr als vier Milliarden Dollar.

Etikettenschwindel

Ein weitaus günstigeres Preisverhältnis gibt es bei Mondmeteoriten. Für insgesamt 5,5 Kilogramm des Meteoriten NWA 11789 zahlten Käufer bei einer Auktion im Oktober "nur" 612.500 Dollar (rund 534.000 Euro). Die Teile wurden vom Auktionshaus als "größtes bekanntes komplettes Mondpuzzle" vermarktet und sollen nun in einer Pagode in Vietnam ausgestellt werden. Experten merkten diesbezüglich an, dass es sich bei weitem nicht um das größte derartige Objekt handle, auch sei es nicht komplett. darüber hinaus handelt es sich bei NWA 11789 um eine feldspatische Brekzie, die häufigste Klassifizierung bei Meteoriten vom Mond.

NWA 11789 soll künftig in einer vietnamesischen Pagode zu bewundern sein.
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In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Gesamtmasse der bekannten Meteorite vervielfacht. Früher wurden die Steine nur gefunden, wenn ihr Fall beobachtet wurde oder sie per Zufall entdeckt wurden. In unseren Breiten halten die fragilen Stücke den Umwelteinflüssen nicht lange stand. Doch unter bestimmten klimatischen Bedingungen wie im ewigen Eis der Antarktis oder in Wüsten können sie Jahrtausende überdauern. Hier werden sie in so großer Zahl gesammelt, dass sie nur eine Nummer bekommen – im Gegensatz zu den sonst üblichen Namen der Fundorte.

Herkunft beeinflusst den Marktwert

Meteorite aus der Wüste machen den größten Teil der im Handel befindlichen Stücke aus. Die Abkürzung NWA steht für Northwest Africa und bezeichnet Funde aus der Sahara, ohne nähere Einschränkung des Fundortes – mittlerweile hält die Zählung bei NWA 12361, und auch andere Wüsten liefern professionellen Meteoritenjägern reiche Ernte. Weitaus begehrter sind jedoch europäische Funde – dies verleitet manche zu Manipulationen.

Im Jahr 2014 gab ein Händler bekannt, in einem Schotterfeld in den französischen Alpen in der Höhe von 2900 Metern einen Meteoriten gefunden zu haben. Nach einer Prüfung erhielt der knapp über 200 Gramm schwere Stein den Namen Mercantour und wurde damit zu einem französischen Meteoriten geadelt. Dies steigerte den Marktwert beträchtlich, und der Stein wurde in kleinen Stücken an Sammler verkauft. Bei einer Nachsuche zwei Jahre später barg der Finder des Mercantour weiteres Material aus derselben Moräne.

Mercantour ist ein sogenannter Gewöhnlicher Chondrit, ein alles andere als seltener Steinmeteorit. In seiner Zusammensetzung ähnelt er NWA 869, einem der im Handel verbreitetsten Meteorite, von dem mehr als zwei Tonnen gefunden wurden und der entsprechend günstig ist. Es handelt sich bei beiden um eine Brekzie, also ein Gemenge aus verschiedenen Gesteinen. Die petrologische Klasse Mercantours ist L4-6, jene von NWA 869 L3-6. Auch der Finder von Mercantour bietet in seinem Webshop Stücke von NWA 869 an.

Eine spätere Untersuchung ergab, dass Mercantour längere Zeit in einer Wüstenumgebung gelegen haben muss. Auch bei der auf der Webseite des Händlers nachlesbaren detaillierten Schilderung der Fundumstände tauchten Ungereimtheiten auf. Kürzlich wurde Mercantour daher von der Meteoritical Society degradiert und heißt nun Nova 054, eine Bezeichnung für Meteorite mit unklarer Herkunft. Dies ein seltener Vorgang, aber leider kein Einzelfall.

Gleichzeitig mit Mercantour wurde auch der Name Castenaso diskreditiert und wird von der Meteoritical Society jetzt unter Nova 055 geführt. Castenaso war im Jahr 2003 in der Emilia-Romagna gefunden worden. Doch Messungen von Spurenelementen zeigen, dass Castenaso in einer heißen Wüstenumgebung gelegen haben muss. Zusätzlich fanden sich in Rissen im Gestein Quarzkörner, die für die Wüste typisch sind.

Ein Russe in Bayern

Im Jahr 1998 wurde dem Rieskrater-Museum in Nördlingen der Fund eines über 1,2 Kilogramm schweren Eisenmeteoriten gemeldet. Nach einer Untersuchung eines kleines Fragmentes bekam der Stein den Namen Inningen, wo er auf einer Straße entdeckt worden war. Bald stellte sich eine große chemische Ähnlichkeit zu dem russischen Meteoriten Sikhote-Alin heraus. Dieser ist mit 23 Tonnen Gesamtmasse einer der am häufigsten gehandelten Eisenmeteorite und kostet wenige Euro pro Gramm. Bei einer weiteren Untersuchung des Inningen-Meteoriten wurde klar, dass dieser Teil einer viel größeren Masse gewesen sein musste – diese war aber sicherlich nicht in Bayern gefallen. 2011 wurde ihm von der Meteoritical Society der Status als deutscher Meteorit aberkannt.

Doppeljackpot

Im Jahr 2016 berichtete ein Sondengeher, er habe im Wald bei Nordhorn in Niedersachsen gleich zwei Meteorite gefunden. Bewaldetes Terrain ist denkbar ungeeignet für die Meteoritensuche, doch bei den angeblichen Funden handelte es sich noch dazu um einen Eisen- und einen H5-Steinmeteoriten. Natürlich kann es zu den absurdesten Zufällen kommen, aber zwei voneinander unabhängige Fälle am selben Ort, die von ein und derselben Person unter unmöglichen Umständen gefunden werden? Zweimal einen Sechser im Lotto zu tippen ist wahrscheinlicher. Der Eisenmeteorit ist mittlerweile als argentinischer Campo del Cielo entlarvt, der andere ist daher wohl auch nicht in Deutschland vom Himmel gefallen.

Auch bei anderen Funden der vergangenen Jahre meldeten Wissenschafter Zweifel an. Der italienische Hocheppan wurde 2016 auf einem Berg gefunden, nachdem er längere Zeit in einer Wüste gelegen haben muss. Der nur drei Gramm schwere Abbans-Dessous lag im Jahr 2015 den Schilderungen seines Finders zufolge auf einer Straße in Frankreich, ähnelt jedoch stark den Exemplaren des Meteoritenschauers von Chelyabinsk, der 2013 in Russland für rund 1500 Verletzte sorgte. Und die 1994 in Uruguay gefundene achtzig Kilogramm schwere Masse Baygorria dürfte in Wirklichkeit zu Campo del Cielo gehören. Diese drei werden von der Meteoritic Society jedoch weiterhin als offizielle Namen geführt.

Tradition der Täuschung

Täuschungsmanöver mit falschen Fundangaben sind aber kein Phänomen unserer Zeit. Schon 1811 versuchte ein Münchner Mineralienhändler einen Meteoriten zu verkaufen, der seinen Angaben zufolge im Jahr 1809 in der Oberpfalz vom Himmel gestürzt sein soll, was ein Hirte beobachtet habe. Tatsächlich dürfte der Stein jedoch zu dem Meteoritenschauer gehören, der am 26. April 1803 in L'Aigle in der Normandie niederging und von dem Zweitausend bis dreitausend Exemplare geborgen wurden. L'Aigle spielt in der Geschichte der Meteoritenforschung eine wichtige Rolle. Die Idee, dass Steine aus dem Weltraum auf die Erde stürzen könnten, wurde bis kurz zuvor als Hirngespinst abgetan. Keine zehn Jahre zuvor hatte Ernst Florens Friedrich Chladni eine maßgebliche Abhandlung über die vom Himmel gefallenen Steine verfasst – L'Aigle untermauerte Chladnis Theorien.

Auch wenn hinter den wenigsten Funden eine betrügerische Absicht stehen mag: sowohl Sammler als auch die mit der Klassifikation von Meteoriten befassten Forscher sollten Vorsicht walten lassen. Allzu phantastische Geschichten von glücklichen Findern stellen sich schließlich nur zu leicht als genau das heraus, nach dem sie klingen: einer blühenden Phantasie. (Michael Vosatka, 30.11.2018)