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Sexualpädagogik – bitte ohne Ideologie!

Kommentar der anderen |
5. Dezember 2018, 15:58

Das Beispiel Teenstar zeigt: Die Vermittlung sexualpädagogischer Inhalte muss evidenzbasiert sein. Aufgabe der Politik ist, Pseudowissen von Schulen fernzuhalten

Über die Aktivitäten des Vereins Teenstar in österreichischen Schulen, vor allem in Salzburg, Ober- und Niederösterreich, berichtete jüngst der "Falter". Als Psychotherapeut und Forscher, der in unterschiedlichen Kontexten mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, überkam mich beim Lesen der Berichte eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Kopfschütteln.

Fassungslosigkeit über die paternalistische und normierende Haltung, die in den Schulungsunterlagen verbreitet wird. So solle etwa Liebe in einer Ehe zwischen Mann und Frau münden, Masturbation könne zu einer übersteigerten Ich-Persönlichkeit führen, und Homosexualität könne man therapieren. Kopfschütteln über die Argumente, mit denen sexuelle und geschlechtliche Entwicklungsthemen Kindern und Jugendlichen nähergebracht werden.

Dabei stellt sich die generelle Frage nach Qualitätssicherung, Transparenz und Wissenschaftlichkeit von sexualpädagogischen Lehr- und Lerninhalten in Österreich.

Schule als öffentlicher Raum muss einen sicheren Raum zur Verfügung stellen. Darauf vertrauen zu Recht Kinder, Jugendliche und vor allem auch Eltern. Das bedeutet, in vertrauensvollen Beziehungen gesichertes Wissen zu vermitteln. Nur dann wollen sich Kinder und Jugendliche anvertrauen. In der Praxis stehen dafür meist Lehrer, Lehrerinnen sowie Schulleitungen mit ihrer Expertise ein. In manchen Fällen passiert das über ausgelagerte Seminare. Das kann durchaus sinnvoll sein, doch gerade dann brauchen Kinder und Jugendliche ein großes Maß an Sicherheit und Vertrauen. Anbieter und Vereine, die diese Sicherheit nicht leisten, haben in Kindergärten und Schulen keinen Platz. Gerade weil es um unsere Kinder und Jugendlichen geht.

Rote Linie

Die Ziele der Sexualpädagogik sind unmissverständlich, und zwar unabhängig von Weltbildern und Geschlechternormen. Diese werden auch vom Bildungsministerium klar festgelegt:

"Zeitgemäße Sexualpädagogik versteht sich heute als eine Form der schulischen Bildung, die altersentsprechend in der frühen Kindheit beginnt und sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Dabei wird Sexualität als ein positives, dem Menschen innewohnendes Potenzial verstanden. Im Rahmen einer umfassenden Sexualpädagogik sollen Kindern und Jugendlichen Informationen und Kompetenzen vermittelt werden, um verantwortungsvoll mit sich und anderen umgehen zu können."

Wenn nun über außerschulische Angebote unwissenschaftliche und unethische Standards vermittelt werden, wie etwa Therapiemöglichkeiten, die eine Veränderung einer gleichgeschlechtlichen Orientierung beabsichtigen, ist eine Gesundheitsgefährdung zu befürchten. Hier wird ganz klar eine rote Linie überschritten, wenn von manchen Gruppierungen immer wieder die Mär von der Behandlung von Homosexualität erzählt oder gar gelehrt wird.

Konversionstherapien

Ein ernst gemeinter Rat in diese Richtung: Lernen Sie Wissenschaft! Die Evidenzlage zu solchen Konversionstherapien ist eindeutig. Potenzielle psychische Folgen sind etwa Angstsymptome, Depressionen oder suizidale Handlungen. Derartige Therapieangebote gelten aus psychotherapeutischer Sicht als unethisch. Etablierte Fachgesellschaften wie die US-amerikanische Akademie für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und die Österreichische Gesellschaft für Public Health positionieren sich zu Recht klar gegen Verfahren, die eine Änderung der sexuellen Orientierung beabsichtigen.

Spätestens an diesem einen Beispiel sollte klar sein, dass Sexualpädagogik keine Frage von Ideologie sein darf, sondern auf wissenschaftlich nachvollziehbaren sowie ethischen und rechtlichen Erkenntnissen basieren muss. Wie kann das erreicht werden? Die verpflichtende Offenlegung externer, sexualpädagogischer Lehrinhalte und -methoden für Schulen und Eltern ist ein grundlegender Schritt, um Transparenz zu steigern. Hier hat Österreich einen erheblichen Nachholbedarf.

Bevor sexualpädagogische Programme umgesetzt werden, braucht es messbare Programmziele und Endpunkte. Konkret ist vorab zu definieren, was mit welchen Inhalten erreicht werden soll. Wir dürfen nicht vergessen: Sexualpädagogik ist auch Gesundheits- und Gewaltprävention, die evidenzinformiert sein muss.

Kein Pseudowissen

Es braucht laufend externe Evaluationen, die das Lehrpersonal, Eltern, vor allem aber Kinder und Jugendliche – unter der Wahrung persönlicher Angaben – einbinden. Evaluationsstandards finden sich in einem erst kürzlich veröffentlichten Unesco-Dokument. Diese können als Basis bei der Erstellung von Checklisten dienen, die zentralen Akteuren im Umfeld Schule zur Einschätzung von Qualität und Zielen zur Verfügung gestellt werden.

Letztlich ist es Aufgabe der Politik, Maßnahmenpakete zu schnüren, die sexualpädagogisches Pseudowissen von der Schule fernhalten. (Roman Winkler, 5.12.2018)

Roman Winkler ist Psychotherapeut und forscht am Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment zu den Themen Kinder- und Jugendgesundheit, psychische Gesundheit und Verteilungsgerechtigkeit.

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