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Blick in die Vergangenheit zeigt: US-Zinsen kündigen eine Rezession an

6. Dezember 2018, 06:00

Die Rezessionsangst steigt. Kurzlaufende US-Anleihen werfen mehr ab als langlaufende. Seit dem Zweiten Weltkrieg folgte jedes Mal eine Rezession

Die US-Konjunktur scheint im Herbst 2018 prächtig zu laufen. Zumindest auf den ersten Blick. Das Wachstum betrug im dritten Quartal 3,5 Prozent auf Jahressicht, und die Arbeitslosigkeit verharrte im Oktober auf 3,7 Prozent – dem tiefsten Stand seit beinahe fünf Jahrzehnten. Dennoch liegen an der Wall Street die Nerven blank. Die Aktienkurse sind an den US-Börsen allein am Dienstag um mehr als drei Prozent abgesackt- schließlich war zuvor eingetreten, was ein Börsianer als "Vorbote des Unheils" bezeichnete: Die Zinskurve in den USA hat sich invertiert – kurzlaufende US-Staatsanleihen warfen also mehr Rendite ab als längerfristige Schuldpapiere.

Die Nerven an der Wall Street liegen derzeit wegen der Zinsentwicklung blank.
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Was abseits des Börsenparketts wohl bloß für Schulterzucken sorgt, gilt unter Investoren als verlässlicher Indikator eines näherrückenden wirtschaftlichen Abschwungs – oder sogar einer Rezession. "Viele Investoren beginnen, an der US-Konjunktur zu zweifeln", erklärt Zinsexperte Christoph Rieger von der Commerzbank. Daher meiden sie risikoreichere Veranlagungen und gehen in sichere, langläufige US-Schuldpapiere. Das hebt das Kursniveau zehnjähriger Staatsanleihen und senkt gleichzeitig deren Rendite, die in den vergangenen Wochen von ihrem Siebenjahreshoch bei 3,3 Prozent auf zuletzt rund 2,9 Prozent gesunken ist. "Anleger, die jetzt langlaufende US-Anleihen kaufen, fragen sich offenbar, ob das zu weit geht, und sehen die Gefahr, dass die US-Konjunktur zu stark gebremst wird", erläutert Rieger in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

Trump und sein Unmut

Diese Befürchtung teilt offenbar auch US-Präsident Donald Trump, der seinen Unmut über die Zinspolitik der US-Notenbank Fed zuletzt wiederholt freien Lauf ließ. Tatsächlich erhöhen die Währungshüter bereits seit Ende 2015 kontinuierlich den US-Leitzins, der seitdem von der Nulllinie auf die Spanne von zwei bis 2,25 Prozent angehoben wurde. Und obwohl Fed-Chef Jerôme Powell zuletzt eine flachere Zinsentwicklung angedeutet hatte, gilt an den Finanzmärkten als ausgemacht, dass er den Leitzins noch im Dezember auf 2,25 bis 2,5 Prozent erhöhen wird.

"Auslöser von Rezessionen waren in der Vergangenheit immer die Notenbanken, die zu schnell auf die Zinsbremse gestiegen sind", betonte der deutsche ING-Ökonom Carsten Brzeski bereits im Spätsommer. Das heißt: Zu schnelle und starke Zinserhöhungen schnüren der Konjunktur die Luft ab. Und sie haben einen weiteren Effekt: Sie drücken auch die Renditen kurzlaufender Anleihen nach oben. Bis diese im Extremfall mehr abwerfen als länger laufende Schuldpapiere, was Anfang dieser Woche eingetreten ist.

Sowohl zwei- als auch dreijährige Papiere übertrafen bereits die Verzinsung fünfjähriger Schuldscheine. Unter Investoren wird die Zinsdifferenz zwischen zwei- und zehnjährigen Staatsanleihen mehr beachtet, die mit etwas über 0,1 Prozent ebenfalls auf den tiefsten Stand seit 2007 gefallen ist. Für die Experten von Raiffeisen Research ist es jedenfalls "zu früh für Panik", zumal dieser Indikator eine lange Vorlaufzeit von rund 24 Monaten aufweise. Tatsächlich wurde die US-Zinskurve im vergangenen Zyklus 2006 invers – und damit zwei Jahre vor der Finanzkrise. Wobei nicht jeder Abschwung derart stark ausfallen muss. Dass es aber zu solch einem kommt, gilt als wahrscheinlich. Auch in Europa verschlechtert sich die Konjunkturstimmung.

BIP-Prognose gesenkt

So haben die deutschen Wirtschaftsweisen ihre BIP-Prognose für Deutschland – Europas Konjunkturlokomotive – gesenkt. Das BIP werde heuer nur um 1,6 Prozent wachsen (prognostiziert waren 2,3 Prozent) und 2019 nur um 1,5 Prozent (Erwartung: 1,8 Prozent). Auch der Ifo-Index – er gilt als das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer – ist zuletzt den dritten Monat in Folge gesunken. Das zeigt, dass sich die Stimmung in den Unternehmen verschlechtert hat. Das heimische Wifo-Institut sieht Österreichs Wirtschaft "in der Reifephase einer Hochkonjunktur" und ortet eine Abkühlung der Industriekonjunktur. Weltweit sieht die OECD den Höhepunkt des Wirtschaftswachstums überschritten.

Der Zollstreit mit den USA, der Brexit und die mit der Verschuldung Italiens wieder aufflammende Eurokrise gelten als Risiken für die Konjunktur. (Alexander Hahn, Bettina Pfluger, 6.12.2018)