Foto: Reuters/Adnan Abidi

Hindu-Nationalisten auf Ayodhyas Tempel-Barrikaden

6. Dezember 2018, 13:29

Mehr als 2.000 Menschen starben, nachdem ultranationalistische Hindus am 6. Dezember 1992 eine Moschee in Ayodhya zerstört hatten. 26 Jahre später spitzt sich der Konflikt wieder zu

Sogar Engel fürchten sich, den Platz zu betreten, schreibt das Oberste Gericht von Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, in seinem Urteil von 2010. Das Stück Land in Ayodhya, heißt es darin, "ist voller Landminen" – und damit meint der Richter nicht Minen im herkömmlichen Sinn.

Ayodhya steht in Indien für Konflikt, Spannung, Gewalt, Tote. Denn das heilige Stück Land, etwas mehr als einen Quadratkilometer groß, wird von Hindus und Muslimen gleichermaßen beansprucht. Die Hindus wollen genau dort einen Tempel errichten, wo hunderte Jahre lange die Babri-Moschee stand. Erbaut 1528 unter den muslimischen Mogul-Herrschern, die 300 Jahre lang in Indien das Sagen hatten.

Am 6. Dezember 1992, genau vor 26 Jahren, eskalierte der Streit über das Land. Ein aufgebrachter Mob von radikalen Hindus stürmte die Babri-Moschee, begannen das Dach abzunehmen, in kürzester Zeit war das Gebetshaus zerstört. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen im ganzen Land, bei denen über 2.000 Menschen starben – vor allem Muslime. Bis heute ist ein höchstgerichtliches Urteil darüber, wem das Land gehört, ausständig. Und heute, 26 Jahre nach dem nationalen Trauma und wenige Monate vor den landesweiten Wahlen, entdeckt die Politik Ayodhya wieder als Pool zum Stimmenfang.

Hindu-Nationalisten rufen wieder zum Sturm

Obwohl das Land "voller Landminen" sei, müsse man riskieren, den Konflikt zu schlichten, steht in dem Urteil von 2010. Behutsam, vorsichtig. "Nur Narren würden dort hineinstürzen."

"Chalo Ayodhya!", also "Auf nach Ayodhya", steht auf den Plakaten, die dieser Tage auf den Mauern der Städte in und um Ayodhya hängen. Aufgehängt vom Welthindurat (VHP) und der Shiv Sena, zwei Hindu-Organisationen. Auf den Plakaten abgebildet ist der hinduistische Gott Rama. Er soll – so glauben die Hindus – vor 60.000 Jahren in Ayodhya geboren worden sein. Auf dem Plakat hält Rama seinen Bogen in der einen Hand, in der anderen einen spitzen Pfeil, jederzeit bereit, ihn zum Abschuss einzuspannen.

Auch am Jahrestag prangen in Ayodhya Rama-Plakate.
foto: ap/manish swarup

Erst Ende November demonstrierten 200.000 Hindus in Ayodhya, schwangen safrangelbe Fahnen und forderten die Errichtung des Hindu-Tempels.

foto: ap

Mit dem Hashtag "MandirPush", also "Tempelpush", mobilisierten sie ihre Anhänger zu einer der größten Massenkundgebungen seit den blutigen Ausschreitungen von 1992.

foto: ap/manish swarup

15 Prozent Muslime in Indien

In dem Konflikt geht es um religiöse Gefühle und um nationale Identität: Wer oder was ist Indien? 1,3 Milliarden Menschen leben im zweitgrößten Staat der Erde, etwa 15 Prozent von ihnen sind Muslime. Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 bekannten sich die Staatsgründer zu einer säkularen Demokratie. Doch diese Multikultiversion Indiens steht zunehmend auf der Kippe.

Ayodhya ist mit knapp 50.000 Einwohner nach indischen Maßstäben ein kleiner Ort. Doch für Hindus ist die Stadt einer der "Saptapuris", der sieben heiligen Pilgerorte. Der Ort wird zum politischen Kristallisationspunkt der Kontroverse. Indische Gerichte beschäftigen sich seit 60 Jahren mit dem Fall. 1949, kurz nach Indiens Unabhängigkeit, stellten Hindus eine Rama-Statue in die Moschee. Der Staat entschied daraufhin, dass niemand die Statue versetzen dürfe. De facto wurde das Haus nicht mehr als Moschee benutzt, der Konflikt war geboren.

Hindu-Partei BJP heizt Konflikt an

Doch erst mit dem Erstarken der hindunationalistischen BJP (Bharatiya-Janata-Partei) Ende der 1980er wurde Ayodhya zum Massenthema. Die BJP konnte in Uttar Pradesh erstmals eine Regierung bilden – die Forderung nach einem Tempel in Ayodhya war ein Kern ihres Wahlkampfs.

Die Gewaltausbrüche von 1992 bestürzten viele im Land. Indiens damaliger Präsident Shankar Shamar nahm die Zügel im Bundesstaat in die Hand und entließ die Regierung. Das Areal wurde vom Bund gekauft, seither bewachen Soldaten die Eingänge zu dem Areal. Am Jahrestag schieben 2.000 Sicherheitskräfte Wache in der Stadt.

In Ayodhya herrschen erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Wie schon bei der Massendemo vor zwei Wochen haben viele Muslime die Stadt verlassen.
foto: afp/sanjay kanojia

Das Gericht von Allahabad vermied es 18 Jahre lang, ein Urteil zu fällen. Erst 2010 rangen sich die Richter zu dem langerwarteten Spruch durch: Das Land sollte in drei Teile geteilt werden. Ein Teil gehöre den Muslimen, zwei Teile Hindu-Vereinigungen.

Beide Seiten gingen aber in Berufung. Seither ist ist Indiens Oberster Gerichtshof in Delhi, der Supreme Court, an der Reihe, über die explosive Materie zu urteilen. Im Oktober hätte wieder eine Anhörung stattfinden sollen – doch sie wurde auf Jänner verschoben.

Taj Mahal soll "Ram Mahal" heißen

Die BJP, die seit 2014 den indischen Regierungschef Narendra Modi stellt, setzt heute wieder verstärkt auf das Thema. In Uttar Pradesh regiert der BJP-Politiker und Hindu-Mönch Yogi Adityanath. Dieser fordert nicht nur lautstark den Tempel, sondern plant, eine riesige Rama-Statue in der Stadt zu errichten.

Zusätzlich setzt er auf die "Sanskritisierung" von Städtenamen in seinem Bundesstaat – um klarzustellen, wer in Indien das Sagen hat: Ali Nagar wurde zu Arya Nagar, Islampur zu Ishwarpur. Eine der größten Städte des Bundesstaats mit über einer Million Einwohnern, Allahabad, heißt nun Prayagraj, und der Distrikt Faizabad wurde zu Ayodhya. Wenn er könnte, so Adhityaya im vergangenen Jahr, würde er den Taj Mahal, der für eine Mogul-Königin errichtet wurde, in Ram Mahal umbenennen.

Ein neuer Pilgerzug namens Ramayana, also wie das berühmte Epos um den Gott Rama, fährt von Faizabad 16 Tage lang verschiedene Hindu-Pilgerstätten ab.
foto: afp/sanjay kanojia

Wenige Monate vor der Wahl in ganz Indien im Mai 2019, warnen Kritiker, heize die BJP nun wieder einen Konflikt an, der ihr schon oft zu Stimmen verholfen hat. Uttar Pradesh ist immerhin ein Schlüsselstaat bei den Wahlen. Aus dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat werden die meisten Abgeordneten ins Parlament in Delhi geschickt. Kritiker hoffen auf ein Supreme-Court-Urteil, das Ruhe in die aufgeheizte Stimmung bringen könnte.

"Zur Hölle mit dem Supreme Court", skandierten hingegen radikale Hindus in Ayodhya. Sie wollen "ihren" Tempel, um jeden Preis. "Viele Leute glauben, das Problem mit dem Tempel sei abgeebbt", sagte Krishna Gopal von der RSS (Rashtriya Svayamsevak Sangh), der radikalen Mutterpartei der BJP, vor zwei Wochen. "Aber wir müssen sie warnen: Von jetzt an werden wir nicht mehr stillsitzen, bis wir den Tempel von Lord Rama sehen."

Die nächste Massendemo, organisiert von der RSS, ist für den 9. Dezember in Delhi geplant. (Anna Sawerthal, 6.12.2018)