Christian Brachwitz

Lars von Triers "Dogville" in Linz: Vergewaltigen im Garten des Herrn

6. Dezember 2018, 17:20

Famos durch die Brille von Müller und Brecht betrachtet: "Dogville" in den Kammerspielen des Linzer Landestheaters

Als gelehrigster Bertolt-Brecht-Schüler machte vor 15 Jahren ausgerechnet der dänische Filmemacher und notorische Schlechtmensch Lars von Trier von sich reden. In seinem Werk Dogville (2003) wurde die menschliche Niedertracht zum Gegenstand eines faszinierenden Lehrstücks gemacht. Statt einer Siedlung zeigte er die Umrisse der Gebäude, statt eines "Stückes" dessen Skizze. Erzählt wird von der Vollkommenheit der Schöpfung und deren eher fragwürdigen Seiten. Ein schönes Stadtmädchen verschlägt es, unklarer Gründe wegen, in ein Dorf von US-Hinterwäldlern. Gegen Gewährung des Bleiberechts macht sich Grace bei ihren Mitmenschen unentbehrlich. Sie, die "Fremde", beschämt die anderen durch die Bereitwilligkeit, mit der sie ihnen zu Willen ist.

In den Linzer Kammerspielen hilft jetzt ein Brecht-Schüler in zweiter Potenz, Ex-Heiner-Müller-Assistent Stephan Suschke, der sperrigen Parabel auf die Sprünge. Die Bühne zitiert das Elend der Großen Depression (Ausstattung: Momme Röhrbein). Hinter einer Galerie mit rostiger Brüstung prangt die Werbung einer großen Mineralölfirma. So abgelegen kann kein Nest in den Rocky Mountains liegen, um nicht doch vom Profitstreben zugrunde gerichtet zu werden.

Volksnah ohne volkstümlich

Gespielt wird wunderbar knapp und pointiert. Vom großen B. B. alias Brecht hat sich Suschke abgespickt, wie man Schauspieler "volksnah" zeigt, ohne "-tümlich" zu werden. Grace (Anna Rieser), die im Glitzerkleid des "Jazz-Age" in die Provinz schlittert und bald die Pumps ablegt, um in schwere Schuhe zu schlüpfen, verkörpert den nüchternen Ernst eines Brecht-Fräuleins: mehr Johanna der Schlachthöfe als Seeräuber-Jenny. Die Provinzler beäugen sie scheel. Doch Grace bringt als Produktivkraft das bisschen öffentliche Leben (Obsternten, Unkrautjäten, Glasputzen) überhaupt erst in Schwung. Eine herrliche Studie über Pragmatik als Grundlage jedes Arbeitsethos.

Doch wir sprechen schließlich nicht über Brecht, sondern den großen Zyniker von Trier. Dörfler wie der dumpfe Obstbauer Chuck (Christian Taubenheim) waren einem schon ans Herz gewachsen, da machen sich die Männer prompt über Grace her. In der Agentin sexueller Dienstleistungen reift der Keim der Rache. Deren Exekution inszeniert Suschke wie das Finale eines epischen Oratoriums, als Appendix zur Maßnahme (Brecht) oder zu Mauser (Heiner Müller). Eine prächtige Aufführung zur Zeit, die die Bereitschaft zu Integration und Nächstenliebe mit den Fakten von Schwäche und Niedertracht neu verrechnet. (Ronald Pohl, 7.12.2018)