Foto: Dorotheum

Kunstmarkt: Vom Erbe europäischer Kolonialherren

16. Dezember 2018, 10:00

Nicht nur Privatsammler, sondern alle Akteure des Kunstmarktes werden sich mit kolonialen Raubzügen beschäftigen müssen

Gemessen am Publikumsansturm, den sonst Versteigerungen moderner oder zeitgenössischer Kunst auslösen, hielt sich die Menge im Auktionssaal am Dienstag vergangener Woche im Dorotheum in Grenzen. 130 Objekte der Gattung außereuropäische Kunst und Stammeskunst, auch unter Tribal Art geläufig, suchten einen neuen Besitzer. Das Interesse hierzulande scheint ein überschaubares zu sein.

Ein paar Schaulustige kommen und gehen. Jene, die knapp 90 Minuten Sitzfleisch beweisen, sind wohl vom Fach. Zwischendrin einige wenige potenzielle Käufer, erkennbar an den mit Eselsohren oder bunten Klebezetteln gespickten Katalogen, die sie meist auf dem Schoß balancieren, um zeitgerecht ihre "Waffe" in Form eines Bietertäfelchens zu zücken.

Ihre stärkste Konkurrenz war an diesem Tag nicht einmal anwesend. Sie lauerte, in der Überzahl wohlgemerkt, an den Telefonleitungen: internationale Klienten, die sich ihr Objekt der Begierde aus dem Angebot fischten. Etwa eine sogenannte Songye Nkisi Figur, die für 247.000 Euro abwandert, der höchste Zuschlag der Sitzung. Laut Katalogangaben datiert diese Figur, für die "Holz, Leder, Horn, Messing, Kupferlegierung, Kalebassen und magische Substanzen" verarbeitet wurden, aus dem 19. Jahrhundert.

Rückgabe von Kulturgütern

Ihr Besitz sei einst Schamanen vorbehalten gewesen, kein schnöder Erdenbürger hätte sie auch nur berühren dürfen. Ihre Herkunft? Für Ahnungslose bleiben die Angaben kryptisch, ein gewisser Joseph Christiaens, ein in der Fachwelt angesehener Sammler, habe sie 1969 "in situ" erworben. Den Hinweis liefert "Songye", ein afrikanisches Volk aus dem Kongo, der einst vom belgischen König Leopold II. als Privatkolonie vereinnahmt und in weiterer Folge in barbarischer Weise ausgeplündert wurde.

Die Gräuel kosteten allein bis 1908 an die zehn Millionen Kongolesen das Leben, die Zahl der Opfer von Verstümmelung und Vergewaltigung noch gar nicht inkludiert.

Auch nachdem Leopold aufgrund internationaler Empörung zur Übergabe als "normale" Kolonie an den belgischen Staat gezwungen worden war, setzte sich die Ausbeutung fort. Erst Anfang 1959 zog sich Belgien unter dem Druck der Weltöffentlichkeit zurück. Es blieb das wohl mit Abstand schlimmste Kapitel in der Geschichte europäischer Kolonialherrschaften, die nun über die Diskussion rund um Rückgaben von Kulturgütern, die zu Hunderttausenden in Europas Museen lagern, verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Endlich, meinen viele. Wo wird das noch enden, monieren andere. Hinter den Kulissen wissenschaftlicher Institutionen hatte man das schon länger kommen sehen. Die Auseinandersetzung und der Umgang mit in der NS-Zeit entzogenen Kulturgütern schärften den Blick, sich der Vergangenheit verantwortungsvoll stellen zu müssen. Es war also weniger die Frage, ob, als vielmehr, wann.

Dann legte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Turbo ein. Anfang dieses Jahres stellte er im überfüllten Auditorium maximum einer afrikanischen Universität in Burkina Faso in Aussicht, innert "der nächsten fünf Jahre die Voraussetzung für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika" zu schaffen. Im März wurden zwei Experten mit einer Entscheidungsgrundlage beauftragt, die seit kurzem unter dem Titel Restitution afrikanischen Kulturerbes vorliegt.

Ein Bericht, der zwar nur Bestände französischer Museen behandelt, sich aber auch als richtungweisend für Resteuropa entpuppen könnte. Die beiden Experten fordern nicht weniger als die Rückgabe aller Objekte, die in kolonialem Umfeld bis 1960 nach Europa gelangten. An wen genau, ist nur eine der derzeit diskutierten Fragen. Denn die gegenwärtigen Grenzen der Nachfolgestaaten seien nun völlig andere, Stammesgebiete wiederum grenzübergreifend, erläutert Erwin Melchardt, selbst Sammler und bis 2017 Experte des Dorotheums.

Gesichert ist, dass sich solche Objekte nicht nur in Museumsbeständen befinden, sondern auch regulär gehandelt wurden. Teils wurden sie über Generationen vererbt und gelangen immer wieder auf den Markt. Im Dorotheum seit 2011, als die erste Spartenauktion mit Stammeskunst aus der Privatsammlung Rudolf Leopolds auf dem Programm stand. Aus dieser Tranche mussten übrigens drei Objekte an den Kongo zurückgegeben werden. Dem Vernehmen nach gastierten sie einst als Leihgabe bei einer Ausstellung in Belgien und kamen dort abhanden. Leopold hatte sie später im Fachhandel erworben. Geschichte.

Sammlung Liaunig

Die Reaktion der Sammlercommunity auf den Expertenbericht? Weitestgehend stoisch. Oder etwas zwiespältig, wie Peter Liaunig bekennt, der heuer die Leitung des Privatmuseums übernahm, das seit 2008 die Kunstsammlung seines Vaters beherbergt. Seit den 1990er-Jahren hatte der Industrielle Herbert Liaunig immer wieder afrikanische Goldobjekte bei der in Zürich angesiedelten und gegründeten Galerie Walu von René und Denise David erworben. Erzeugnisse verschiedener Stämme der ethnischen Gruppe der Akan, die in Westafrika leben, in Gebieten der südlichen Hälfte von Ghana sowie im Südosten der Elfenbeinküste. Als ihm zur Jahrtausendwende die gesamte Privatsammlung der Davids angeboten wurde, seien eine saubere Herkunft und entsprechende Belege die Voraussetzung gewesen, erzählt sein Sohn.

Die Kollektion umfasst mittlerweile rund 600 Schmuck- und Kultobjekte, die den Königsstämmen der Ashanti, Baule oder Fante zuordenbar sind. Sie datieren großteils aus dem 19. und 20. Jahrhundert, einzelne Stücke sind auch weitaus älter. Die Provenienz, merkt Peter Liaunig an, sei jedoch nicht immer identifizierbar.

Etwa bei dem anderen Sammelsegment der Liaunigs, der afrikanischen Glasperlenkunst aus Nigeria, dem Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo. Dafür habe sich bis vor kurzem kaum jemand interessiert, da wisse man gerade einmal die Identität des Verkäufers. Er hoffe jedenfalls inständig, dass sich in der Sammlung Liaunig kein Objekt mit problematischer Herkunft befindet. (Olga Kronsteiner, 16.12.2018)