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Mattis-Rücktritt: Ende eines zweijährigen Missverständnisses

21. Dezember 2018, 18:10

Mit dem Rücktritt von James Mattis verlässt ein nüchterner Stratege das Weiße Haus. Trump muss dort kaum noch mit Widerspruch rechnen

Es gab Zeiten, da konnte Donald Trump gar nicht laut genug schwärmen von seinem Lieblingsgeneral. James Mattis, genannt Mad Dog, Verrückter Hund, stehe für ein Amerika, mit dem sich bloß niemand anlegen sollte. Manches entpuppte sich schon bald als Irrtum, und mit seinem Rücktritt machte Mattis klar, was für ein tiefer Graben ihn in Wahrheit von Trump trennte.

Statt wie andere vor ihm beim Abschied artig zu danken und sonst nichts zu sagen, schrieb er einen Brief voller Substanz. Der liest sich stellenweise wie eine Generalabrechnung mit dem "America first" eines oft erratisch agierenden Nationalisten, der am Sinn der Nato zweifelt, der Verbündete wie Angela Merkel oder Justin Trudeau auf offener Bühne brüskiert, während er Sympathien für starke Männer wie Wladimir Putin, Xi Jinping oder Kim Jong-un erkennen lässt.

Eine seiner Grundüberzeugungen, schrieb Mattis, sei immer gewesen, dass die Stärke der USA untrennbar verbunden sei mit ihrem "einzigartigen und umfassenden System von Allianzen und Partnerschaften". Zugleich dürften die USA keine Zweideutigkeiten zulassen im Umgang mit Ländern wie China und Russland, die eine Welt nach ihrem autoritären Modell schaffen wollten. Trump, so Mattis, habe das Recht auf einen Verteidigungsminister, dessen Ansichten besser zu seinen eigenen passten. "Daher glaube ich, dass es richtig ist, meinen Posten zu räumen."

Streit um Syrien

Die Zeichen waren immer deutlicher geworden, immer öfter war Mattis zuletzt auf verlorenem Posten gestanden. Erst vor wenigen Tagen ignorierte Trump einen Personalvorschlag seines Verteidigungsministers – was sein gutes Recht ist, gleichwohl aber gegen ungeschriebene Gesetze verstößt. Statt Mattis' Favoriten, den Luftwaffenchef David Goldfein, zum neuen Stabschef der Streitkräfte zu ernennen, entschied er sich für einen Armeegeneral namens Mark Milley. Schließlich waren es die Debatten über Syrien und Afghanistan, über Bleiben oder Abziehen, die das Fass zum Überlaufen brachten. Von einem Rückzug aus dem Nordosten Syriens riet Mattis ebenso energisch ab wie von Trumps Plan, 7000 am Hindukusch stationierte US-Soldaten, die Hälfte des Kontingents, nach Hause zu beordern. In beiden Fällen zog er den Kürzeren.

Wenn man so will, ist es das Ende eines zweijährigen Missverständnisses. Angefangen beim Spitznamen Mad Dog. Mattis war nie der Draufgänger, als den ihn Trump anfangs feierte. Treffender ist ein zweiter Spitzname: Warrior Monk, der Kriegermönch. Ein Leben lang blieb er solo, verheiratet mit der Marineinfanterie, wo er es zum Viersternegeneral brachte. In seiner Privatbibliothek, heißt es, stehen an die 7000 Bücher.

Soldat und Sandkastenstratege

Es konnte auf Dauer nicht gutgehen: Hier der Gelehrte der Strategie – dort ein Präsident, der keine Bücher liest, aber alles besser zu wissen glaubt, zumal er sich für ein Genie hält. Hier ein vorsichtiger Soldat, der weiß, was Kriege bedeuten, weil er selber in dreien gekämpft hatte; 1991 in Kuwait, später in Afghanistan und im Irak. Dort ein Sandkastenstratege, der sich eine Fußerkrankung attestieren ließ, um nicht nach Vietnam zu müssen.

Wenn Mattis im Februar aus dem Amt scheidet, wird eine Illusion gestorben sein. Die Illusion, dass eine Riege erfahrener, nüchterner Generäle Trump beibringen würde, dass Wahlkampf das eine ist und praktische Politik etwas anderes. Herbert Raymond McMaster, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater, wurde im April entlassen. John Kelly, zuletzt Stabschef im Weißen Haus, zieht sich u Weihnachten ins Privatleben zurück. Nun geht auch Mattis. Die "Achse der Erwachsenen", wie Kolumnisten das Trio nannten, ist nur noch eine ferne Erinnerung. (Frank Herrmann aus Washington, 21.12.2018)