Foto: Anthony Shillito

Vermeintlich älteste Tierspuren an Land waren ein Irrtum

7. Jänner 2019, 06:00

Geologen untersuchten Relikte eines über 450 Millionen Jahre alten Totentanzes – der wurde jedoch unter Wasser getanzt

Typische Fußspuren eines Tausendfüßers – diese hier aus England sind fast eine halbe Milliarde Jahre alt.
foto: anthony shillito

Cambridge – Im späten Silur, vor etwa 430 bis 420 Millionen Jahren, wurde in der Geschichte des Lebens ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen: Die ersten Tiere wechselten aus den flachen Meeren an Land. Wirbeltiere waren an dieser Pionierphase noch nicht beteiligt, die frühesten krabbelnden Schritte an Land vollzogen Tiere aus der Verwandtschaft von Spinnen und Tausendfüßern.

Ihre Fußspuren haben diese ersten Landbewohner in Sedimentschichten auf verschiedenen Kontinenten hinterlassen, alle sind in etwa gleich alt. Nur ein Ort tanzte bisher aus der Reihe: Die Fundstätte Borrowdale liegt im Lake District in England und rührt mit einem Alter von etwa 455 Millionen Jahren noch aus dem Zeitalter vor dem Silur, dem Ordovizium.

Hier hat ein Diplopodichnus-Tausendfüßer seine allerletzten Runden gedreht.
foto: anthony shillito

Die Geologen Anthony P. Shillito und Neil Davies von der Universität Cambridge haben sich diese Spuren – hinterlassen von einer großen Zahl von Tausendfüßern – nun aber genauer angesehen und kommen zu einem anderen Schluss. Die vulkanische Asche, in die die Spuren eingebettet sind, hat sich laut den Analysen der Forscher in Meerwasser abgelagert – nicht wie früher gedacht im Süßwasser eines ordovizischen Sees oder gar auf Sand, der unter freiem Himmel lag.

Die Tausendfüßer von Borrowdale waren also keine Pioniere des Landlebens, sondern lebten noch wie ihre Ahnen im küstennahen Meer. Und wurden dort, wie Shillito sagt, zu Opfern eines "prähistorischen Pompeji": Nach einem Vulkanausbruch sanken Massen von Aschepartikeln ins Wasser, die so fein waren, dass sie unter das Exoskelett der Tiere drangen und dort Atemwege und Verdauungsorgane verklebten.

An den Fußspuren selbst könne man ablesen, wie die Tiere verendet sind. Die meisten davon drehen sich eng im Kreis, stellten Shillito und Davies fest. Das sei typisch für den "Totentanz", den sterbende Tausendfüßer auch heute noch zeigen.

Das Fazit der im Fachmagazin "Geology" veröffentlichten Studie: Bei der Eroberung des Festlands hat es wohl doch keine größeren Ausreißer gegeben, so die Forscher. Dieser epochale Schritt der Evolution dürfte sich weltweit zur gleichen Zeit vollzogen haben. (jdo, 6. 1. 2019)