foto: thomas neuhold

Eataly in Bologna: Besuch im Bauch Italiens

Ansichtssache |
9. Jänner 2019, 06:00

Zwischen Messe, Disney und Outlet-Center: Leistungsschau der italienischen Kulinarik

Sie ist "die Gelehrte", "die Rote" und sie ist "die Fette": Bologna, Hauptstadt der Emilia-Romagna, etwa 400.000 Einwohner. Die schmückenden Beinamen beziehen sich auf die hier beheimatete Universität (übrigens deutlich älter als die Sorbonne in Paris); das "Rot" steht für die mehrheitlich politisch progressive Ausrichtung der Bewohner und Bewohnerinnen und schließlich "la grassa" – die Fette: Dieser Beiname verweist auf die lange kulinarische Tradition der Stadt, die vielen als kulinarische Hauptstadt Italiens gilt.

Kulinarisches Disney-Land

Dass in der Emilia-Romagna das kulinarische Herz Italiens schlägt, unterstreicht seit November 2017 die permanente Lebensmittelmesse "Fico Eataly World" am Stadtrand. Rund 100 Millionen Euro haben die Stadt Bologna und der weltweit agierende Nahrungsmittel- und Konsumgüterkonzern Eataly von Oscar Farinetti in das Projekt investiert.

Kleinräumige italienische Gemütlichkeit sucht man in diesem Disney-Land für kulinarisch Interessierte freilich vergeblich. Das 20 Hektar große Gelände erinnert schon im Eingangsbereich mehr an ein Outlet-Center als an einen Kulinarik-Tempel. Laut Eigendefinition ist es auch die größte Anlage dieser Art weltweit.

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Die Bezeichnung "Fico" ist übrigens eine Abkürzung für "Fabbrica Italiana Contadina". Die Dimensionen der Anlage sind jedenfalls gewaltig: 45 Restaurants und Cafes warten auf Gäste, es gibt Äcker, Ställe, zahlreiche Produktionsbetriebe und Seminarräume für die erwarteten sechs Millionen Besucher pro Jahr. Wer schlecht zu Fuß ist, kann sich übrigens ein Fahrrad ausleihen – das ist gratis, ebenso wie der Eintritt. Und der eigens eingerichtete Shuttle-Bus kostet vom Hauptbahnhof Bologna hin und zurück auch gerade einmal sieben Euro.

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Die Kalkulation der Betreiber ist offensichtlich eine andere: Es wird verkostet, dann wird gekauft. Und zum Kosten gibt es so ziemlich alles, was die italienische Kulinarik hergibt, Rohschinken wie oben im Bild ebenso wie Parmesan unten im Bild.

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Wobei die Kojen der großen Produzenten wie der vom "Consorzio del Formaggio Parmigiano Reggiano" mit kühler Eleganz und ziemlicher Größe daherkommen. Die Essigkocher hingegen präsentieren ihre Spezialitäten fast schon in Parfümerie-Ästhetik.

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Was für manche Besucher und die Besucherinnen tatsächlich neu sein dürfte, sind die verschiedenen Produktionsschritte der Lebensmittelerzeugung. In "Fico Eataly" findet sich eine Brauerei, eine Bäckerei, eine Molkerei und andere Produktionsbetriebe mehr. Und überall kann live beobachtet werden, wie gearbeitet wird. Unten im Bild wird gerade eine Mortadella für das Garen im Heißluftofen angestochen.

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Und wer an der Molkerei vorbeischlendert wird sich einen Frischkäse nicht entgehen lassen.

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Allein schon angesichts der Dimensionen der Anlage ist naheliegend, dass sich hier eher die großen der Branche präsentieren. Fallweise freilich findet man auch kleinere Schmankerl wie etwa das für das kleine Sulmona in den Abruzzen so typische Blumen-Konfekt oder die ebenfalls aus den Abruzzen kommenden Arrosticini – kleine Lammspieße, die in der Halle über Holzkohle gegrillt werden.

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Das Konzept lautet, die komplette Lebensmittelkette unter einem Dach zu vereinen – von Ackerbau und Viehzucht über die Verarbeitung und Herstellung bis zur Gastronomie und dem Verkauf. Und so gibt es eben auch jede Menge Gelegenheiten, bei Seminaren die Herstellung von Nahrungsmitteln zu erproben.

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In den Stallungen können dann die Städter Nutztiere besuchen – im Bild eine Maremmana-Kuh mit Kalb.

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Draußen, vor den großen Hallenanlagen wachsen Gemüse, Getreide, Gewürze.

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Und selbstredend haben im Gesamtkonzept auch die Hersteller von Küchengeräten ihre Messestände.

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Wer auf der Suche nach dem "Slow-Food"-Italien nach Bologna kommt, ist in der "Fico Eataly World" aber zweifelsfrei Fehl am Platz. Auch wenn der Konzern Eataly mit "Slow-Food" kooperiert. Die kleinen, feinen Betriebe findet man (noch) fallweise in der Altstadt von Bolgogna. Im Bild unten werden Tortellini für die legendäre Trattoria "Anna Maria" (Via delle belle Arti) gerollt.

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Wobei der Verkauf von Parmesan und Aspic-Wurst direkt über die Gasse selbst in den Marktgassen von Bologna inzwischen eine Seltenheit geworden ist. Auch hier machen sich immer mehr anonyme, internationale Modelabels breit, die zwischen Madrid und Moskau überall die selbe Einheitsware verkaufen.

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Wer aber Gelegenheit hat, sich bei so einem Standl mit Jause einzudecken, wird wohl zugreifen. Und dann geht es ab in Bolognas ältestes Beisl, in die "Osteria del Sole", die angeblich 1465 gegründet wurde. Hierher nimmt man sich die Jause mit, holt sich an der Schank einen Flasche Wein und bleibt ein paar Stunden. (Thomas Neuhold, 9.1.2019)

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