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Neurologe: "Weniger Zucker reduziert Entzündungen"

Interview |
12. Jänner 2019, 12:00

Markus Bock ist überzeugt, dass viele MS-Patienten von einer kohlenhydratarmen, fettreichen Ernährung profitieren würden

STANDARD: Sie beschäftigen sich vor allem mit der ketogenen Ernährung bei MS. Auf welche Lebensmittel wird dabei verzichtet, was kommt auf den Teller?

Bock: Wenig Zucker und Kohlenhydrate, dafür viel Fett aus Fischen, Fleisch, Nüssen, Öle und Butter. Das Verhältnis Omega 3 zu Omega 6 ist sehr wichtig und sollte bei 1:2 liegen. In der klassischen Mischkost haben wir ein Verhältnis von 1:20. Zum Kochen wird deshalb auf Butter, Kokosöl oder Olivenöl zurückgegriffen, in der kalten Küche sollte Leinsamen-, Hanf- und Rapsöl verwendet werden. Sonnenblumen-, Weizenkeimöl und andere Omega-3-arme Öle sind zu meiden.

STANDARD: Was erforschen Sie konkret?

Bock: In einer kleinen Studie wurde beispielsweise geprüft, ob sich der Zellstoffwechsel im Gehirn durch Mischkost, ketogene Ernährung und Fasten ändert. In einer Untersuchung an der Charité Berlin mit 60 MS-Patienten konnten wir beobachten, wie sich diese Ernährungsweisen auf die Krankheitssymptome auswirken. Je ein Drittel der Probanden ernährte sich ketogen, ein Drittel fastete, die Kontrollgruppe stellte die Ernährung nicht um.

STANDARD: Ist Fasten für MS-Patienten nicht zu belastend?

Bock: Fasten kann körperlich sehr anstrengend sein. Eine Alternative ist die ketogene Ernährung. Die Konzepte sind einander ähnlich, da in beiden Fällen Fett abgebaut wird. Der Körper greift entweder auf die inneren Fettreserven zurück, oder das durch die Nahrung zugeführte Fett wird über den Energiestoffwechsel verarbeitet.

STANDARD: Was ist das Ergebnis der Studie?

Bock: Wir haben während eines halben Jahres die Lebensqualität der 60 Patienten erhoben. Auf der mentalen Ebene zeigten sich vor allem in der Fastengruppe deutliche Verbesserungen. In der ketogenen Gruppe waren die positiven Effekte stärker auf der körperlichen Ebene festzustellen. Beim Fasten trat der Effekt rascher ein, in der ketogenen Gruppe haben sich die positiven Effekte über die Zeit aufgebaut.

STANDARD: Ist Fasten also effektiver als fettreiche Ernährung?

Bock: Das kann man so nicht sagen. Die ketogene Ernährung hatte zwar etwas weniger Effekte auf die Kognition, dafür verbesserte sich das Gleichgewichtsgefühl, und die Gehfähigkeit nahm zu. Gleichzeitig berichteten die Patienten, dass die Erschöpfungszustände, die sogenannte Fatigue, abgenommen hatten. Ein großes Problem ist, dass sich MS-Patienten häufig nach körperlichen Belastungen nur langsam regenerieren. Das besserte sich durch die Ernährungsumstellung deutlich.

STANDARD: MS-Patienten leiden häufig unter Schmerzen. Hat Ernährung auch darauf Einfluss?

Bock: Eine Schmerzreduktion konnte ebenfalls erreicht werden. Besonders das Fasten wirkte sich hier positiv aus. Das könnte daran liegen, dass das endogene, also das körpereigene, Opioid- und Cannabinoidsystem angekurbelt wird.

STANDARD: In der Kontrollgruppe änderte sich nichts?

Bock: Auch in der Gruppe, die sich von Mischkost ernährt hatte, gab es positive Effekte, die allerdings auf die Studiensituation zurückzuführen waren. Die Patienten mussten ein Ernährungsprotokoll führen. Allein dadurch aßen sie schon bewusster. Dieser Zuwendungseffekt war aber deutlich geringer als jener, den wir durch das Fasten oder die ketogene Ernährungsform messen konnten.

STANDARD: Wie lange dauert es, bis das Fasten oder die ketogene Ernährung wirkt?

Bock: Das Fasten kann binnen weniger Tage zu einer mentalen Verbesserung führen. Während einer Fastenwoche werden täglich maximal zwischen 200 und 300 Kilokalorien – in Form einer Brühe oder Bouillon plus ein bis zwei Teelöffel Leinöl – aufgenommen. Der Effekt hält bis zu drei Monate an. Wer sich ketogen ernährt, hat nach zwei bis drei Wochen erste Effekte auf Fatigue und Konzentrationsfähigkeit. Nach etwa drei bis sechs Monaten verbessert sich auch die Gehfähigkeit.

STANDARD: Wie erklären Sie sich diese Wirkung?

Bock: Die Ursachen dafür sind noch nicht ganz geklärt. Ein wesentlicher Reiz für den Körper dürfte der Zustand des Redoxsystems sein, das durch die ketogene Ernährung oder das Fasten beeinflusst wird. Das heißt, die Genexpressionsrate von entzündungsfördernden Enzymen reduziert sich, der oxidative Stress für die Zellen nimmt ab. Auch die Blutfette verbesserten sich, das LDL-Cholesterin blieb stabil, das HDL-Cholesterin stieg an.

STANDARD: Welchen Effekt hat kohlenhydratreiche Ernährung?

Bock: Sie führt dazu, dass permanent das Insulinsystem angeworfen wird. Über den Darm werden selbst komplexe Kohlenhydrate, also auch jene des Vollkornbrots, in Einfachzucker aufgespalten. Das wirkt sich direkt auf den Blutzuckerspiegel aus, die Insulinproduktion wird angekurbelt, das Insulin drängt den Blutzucker in die Zellen. Beim Abbau von Kohlenhydraten zu Glukose bilden sich sogenannte freie Radikale, welche die Zellen belasten. Ein ständig hoher Insulinspiegel fördert Entzündungsreaktionen, ein wiederholt hoher Blutzuckerspiegel lässt Nervenzellen absterben.

STANDARD: Herz und Hirn brauchen doch Glukose als Energiespender?

Bock: Lange wurde angenommen, dass das Gehirn von der Glukose abhängig ist. Energie kann aber auch aus den Ketonkörpern, die aus Fettsäuren stammen, gebildet werden. Durch die ketogene Ernährung kommt der Körper automatisch in die Fettverbrennung. Das führt zu einem energieeffizienten Zustand.

STANDARD: Kommt der Körper gänzlich ohne Zucker aus?

Bock: Dem Gehirn steht neben der Glukose, die in der Leber bei Bedarf produziert wird, der Zusatztreibstoff Ketonkörper zur Verfügung. Diese sind völlig harmlos und ein idealer Ersatztreibstoff, der den Insulinspiegel flach hält.

STANDARD: Kann es durch Ernährungsumstellung zu Wechselwirkungen mit MS-Medikamenten kommen?

Bock: Alle Probanden waren mindestens sechs Monate in Therapie oder ohne Therapie stabil. Das heißt, die Patienten waren relativ heterogen. Es gab Studienteilnehmer, die altbewährte Medikamente einnahmen, andere wurden mit den modernsten Therapeutika behandelt. In keinem Fall wirkte sich die ketogene Ernährung negativ auf die Wirkung der Arzneimittel aus. Ich habe sogar eher die Beobachtung gemacht, dass die Patienten mit dieser Form der Ernährung die Behandlung besser vertragen.

STANDARD: Experten betonen, dass es keine Ernährungsform gibt, die MS-Patienten zu empfehlen ist.

Bock: Die ketogene Ernährung wirkt bei vielen Patienten, ist aber keine Allheillösung. Die Ernährungsform muss auch zu dem Patienten passen. Eine Ernährungsumstellung bringt nichts, wenn jemand die ketogene Ernährung überhaupt nicht mag.

STANDARD: Für welche Patienten ist eine Ernährungsumstellung also überlegenswert?

Bock: In der Studie hatten wir ausschließlich Patienten, die an einer schubförmig verlaufenden MS erkrankt sind. In meiner Praxis behandle ich aber auch Menschen, die von einer primär oder sekundär progredienten Form betroffen sind. Auch hier profitiert ein hoher Anteil von einer ketogenen Ernährung, aber leider nicht alle. (Günther Brandstetter, 12.1.2019)

Markus Bock forscht an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Seit 2017 leitet er eine Praxis für medizinische Ernährungsberatung und Stoffwechselerkrankungen. Er unterrichtet Biopsychologie und Psychopharmakologie an der IB-Hochschule und am Institut für Biochemie der Charité.

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