Foto: APA/EPA/ARCHIVES

Der geheimnisvolle Blick der Mona Lisa ist offenbar nur ein Mythos

9. Jänner 2019, 06:00

Man spricht zwar vom "Mona-Lisa-Effekt", wenn einem die Augen eines Porträts zu folgen scheinen, doch bei der Namensgeberin trifft das wohl nicht zu

"La Gioconda", auf deutsch wesentlich bekannter als "Mona Lisa", gilt als eines der berühmtesten Gemälde überhaupt. Für das von Leonardo da Vinci kurz nach 1500 geschaffene Werk dürfte wohl Lisa del Giocondo, Gattin eines florentiner Tuch- und Seidenhändlers, Modell gesessen haben, wirklich gesichert ist dies aber nach wie vor nicht. Das Bild ist nicht nur wegen des geheimnisvollen Lächelns der dargestellten Frau so bekannt, sondern auch aufgrund der angeblichen Wirkung, das es auf den Betrachter haben soll: Die Augen der Mona Lisa, so sagt man, würden einem folgen, wenn man an ihr vorüber geht. Die Wissenschaft kennt dies als "Mona-Lisa-Effekt".

Der Effekt lässt sich für einige Kunstwerke durchaus nachweisen, ausgerechnet bei der "Mona Lisa" selbst kommt er aber anscheinend nicht zum trage, wie zwei Forscher der Universität Bielefeld nun in einer Studie nachweisen konnten – und damit eine wissenschaftliche Legende entlarvten.

Der Blickwinkel zählt

"Menschen sind sehr gut in der Lage einzuschätzen, ob sie von anderen angeschaut werden oder nicht. Das hat die Wahrnehmungspsychologie erstmals schon in den 1960er-Jahren nachgewiesen", sagt Gernot Horstmann aus der Forschungsgruppe Neurokognitive Psychologie von der Universität Bielefeld. "Auch bei Fotos und Gemälden können Menschen das Gefühl haben, angesehen zu werden – und zwar dann, wenn die dargestellte Person geradeaus aus dem Bild schaut, das ist ein Blickwinkel von null Grad", meint der Wissenschafter. "Bei einem leicht seitlichen Blick fühlt man sich gerade noch angesehen, zum Beispiel, wenn die portraitierte Person einem gewissermaßen auf das Ohr guckt. Wenn die Blickrichtung um mehr als fünf Grad abweicht, fühlt man sich nicht mehr angeschaut."

Eine Besonderheit des Effekts: "Um den Eindruck zu haben, von einem Bild angesehen zu werden, müssen wir nicht frontal davor stehen", sagt Sebastian Loth aus der Forschungsgruppe Kognitive Systeme und soziale Interaktion. Der Linguist forscht zur Kommunikation von Robotern und Avataren und begegnete in Studien dazu immer wieder dem Begriff "Mona-Lisa-Effekt". "Der Effekt selbst ist ja tatsächlich nachweisbar", sagt Loth. "Doch gerade bei Mona Lisa hatten wir nicht das Gefühl, dass sie uns anschaut."

Mona Lisa im Test

Um ihre Beobachtung zu überprüfen, baten die beiden Wissenschafter 24 Testpersonen, die Mona Lisa auf einem Bildschirm zu betrachten und ihre Blickrichtung zu beurteilen. Die Probanden saßen frontal vor dem Monitor. Anhand der Skala eines Zollstocks, der sich quer vor dem Bildschirm befand, sollten die Testpersonen angeben, wohin der Blick der Mona Lisa gerichtet ist. Um zu testen, ob einzelne Merkmale von Monas Lisas Gesicht die Wahrnehmung der Blickrichtung beeinflussen, präsentierten die Forscher 15 verschiedene Ausschnitte des Portraits – von der Darstellung des gesamten Kopfes bis zu Ausschnitten, die nur Augen und Nase zeigen. Jeder Ausschnitt wurde drei Mal gezeigt, die Reihenfolge war zufällig. Außerdem veränderten die Forscher nach der Hälfte jedes Bilddurchlaufs den Abstand des Zollstocks vom Monitor.

Insgesamt sammelten Horstmann und Loth so mehr als 2.000 Einschätzungen – und fast alle verorten die Blickrichtung nicht geradeaus, sondern rechts aus Sicht des Betrachtenden. Das im Fachjournal "i-Perception" präsentierte Ergebnis: "Die Testpersonen unserer Studie haben den Eindruck, dass der Blick der Mona Lisa aus Sicht des Betrachtenden nach rechts gerichtet ist. Der Blickwinkel liegt bei 15,4 Grad", sagt Horstmann. "Damit steht fest: Der Begriff 'Mona-Lisa-Effekt' ist ein Misnomer – eine Falschbezeichnung. Der Begriff veranschaulicht das starke menschliche Bedürfnis, im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen – also jemandem wichtig zu sein, auch wenn man diese Person überhaupt nicht kennt."

Die Frage der Blickrichtung spielt eine wichtige Rolle in der Gestaltung von virtuellen Figuren für Assistenzsysteme oder Computerspiele. "Wenn ich zum Beispiel in einer virtuellen Umgebung mit einem Avatar kommuniziere, hilft mir der Blick als Teil der Körpersprache ihn besser zu verstehen", sagt Loth. "So kann mir der virtuelle Agent vermitteln, dass er aufmerksam ist, oder er kann mit seinem Blick auf Objekte im Raum hinweisen." (red, 9.1.2019)