Foto: Robbie Shone

Steinzeitliche Höhlenmalereien stellen Forscher vor Rätsel

11. Jänner 2019, 08:00

Die Malereien in der russischen Schulgan-Tasch-Höhle werfen Fragen auf. Innsbrucker Geologen brachten ein wenig Licht ins Dunkel

Als Alexander Ryumin 1959 vermeldete, was er in einer Höhle tief unter den Gipfeln des südlichen Uralgebirges gefunden hatte, glaubte man ihm nicht: Paläolithische Höhlenmalereien wollte er gesehen haben, hier, fast 4000 Kilometer östlich von jenen Orten der "frankokantabrischen Höhlenkunst" im heutigen Frankreich und Spanien, wo so gut wie alle bekannten Fundstellen lagen. Es erschien unmöglich.

Doch die Archäologen aus Moskau, die den Fund in der Schulgan-Tasch-Höhle in Baschkortostan, heute eine Teilrepublik Russlands, begutachteten, bestätigten Ryumins Entdeckung: Es fanden sich nicht nur steinzeitliche Tierzeichnungen, sondern auch Dreiecke, Trapeze und andere Formen. Ab den 1960ern wurde dieser "östliche Ausreißer" der Höhlenkunst, der gerade noch dem europäischen Kontinent zurechenbar ist, systematisch erforscht.

Die rund 18.000 Jahre alten Malereien in der Schulgan-Tasch-Höhle in der russischen Teilrepublik Baschkortostan gelten als östlicher "Ausreißer" altsteinzeitlicher Höhlenkunst.
foto: robbie shone

Malerei vor 18.000 Jahren

An die 60 Jahre nach ihrem Fund arbeitete im Jahr 2017 Yuri Dublyansky mit seinen Kollegen vom Institut für Geologie der Universität Innsbruck in der Schulgan-Tasch-Höhle, die auf Russisch auch Kapowa-Höhle genannt wird. Der Ort ist heute eine touristische Attraktion, die viele Russen besuchen. Kopien der Malereien sind am Höhleneingang aufgestellt. Die Regierung Baschkortostans bemüht sich um eine Anerkennung der Höhle als Unesco-Weltnaturerbe und fördert auch deren Erforschung. Dublyansky nahm eine Vielzahl von Proben von Felswänden in drei der Kammern der Höhle, die zum Teil mehr als 200 Meter vom Eingang entfernt liegen. Das Ziel: Die mysteriösen Malereien sollen auf eine neue Art datiert werden. Eine Studie dieser Untersuchungen ist zuletzt im Fachjournal "Scientific Reports" erschienen.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden der Höhle bereits einige Geheimnisse entlockt. Der Archäologe Otto Bader von der Russischen Akademie der Wissenschaften untersuchte die Malereien in den 1960er- und 1970er-Jahren. Eine erste Einschätzung brachte ihn auf ein Alter von rund 18.000 Jahren. In den Kulturschichten am Höhlenboden fanden sich Feuerspäne und Ockerfarben. Datierungen mit der Radiokarbonmethode folgten Mitte der 1970er-Jahre und legten die Funde auf ein Alter von 16.000 bis 20.000 Jahre fest. Das bestätigte nicht nur Baders Urteil, sondern passte auch zu den dargestellten Tiermotiven der Wollmammuts, Wollnashörner und Bisons, die auf die frostige Umgebung der damaligen Eiszeit verwiesen.

Ocker gibt Aufschluss

Dublyansky, der vor seiner Ankunft in Innsbruck im Jahr 2006 zwei Jahrzehnte lang an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk tätig war, hatte Kontakte zu den Forschern der Schulgan-Tasch-Höhle. Gefragt war dort eine Untersuchung mit der sogenannten Uran-Thorium-Methode, ein vergleichsweise aufwendiges und in Russland nicht verfügbares neues Werkzeug der Paläoklimatologen, wie auch Dublyansky einer ist.

Anstelle des Klimas eines vergangenen Erdzeitalters sollte im Fall der Schulgan-Tasch-Höhle aber das Alter der Malereien untersucht werden. Zwar konnte glücklicherweise bereits Ocker, das zum Anfertigen der Kunstwerke verwendet wurde, in den datierten Kulturschichten gefunden und damit auf das Alter der Malereien geschlossen werden.

"Es besteht aber immer die Chance, dass die Malereien aus mehreren Zeitabschnitten stammen. In den westeuropäischen Höhlen entdeckte man etwa, dass manche der Malereien viel älter als angenommen waren", erklärt Dublyansky. "Wir wollten das auch für die Schulgan-Tasch-Höhle überprüfen."

Der Innsbrucker Geologe Yuri Dublyansky und seine Kollegen unternahmen im Rahmen ihrer Forschung eine Expedition zur Neudatierung der Höhlenmalereien in der Schulgan-Tasch-Höhle.
foto: robbie shone

Goldstandard für Altersbestimmung

Die Uran-Thorium-Methode ist für Dublyansky der aktuelle Goldstandard der Datierung. In der Erforschung früher Klimaphasen blicken die Forscher damit hunderttausende Jahre zurück, indem sie das Alter von durch fließendes Wasser entstandene Kalzitablagerungen – man spricht von Speläothemen oder Sinterbildungen – untersuchen. Die Methode eignet sich somit oftmals auch für Höhlenmalereien.

"Wenn die Malerei auf diesem Sinter angefertigt wurde, können wir eine Probe nehmen, deren Alter jedenfalls höher als jenes der Farbpigmente darauf ist", sagt Dublyansky. In jenen Fällen, in denen die Kalkablagerungen die Pigmente überlagern, ist klar, dass die Malereien älter sind.

Die Untersuchungsmethode beruht auf dem Umstand, dass in den Ablagerungen kleinste Mengen Uran vorhanden sind, dessen Isotope unter anderem zum Element Thorium zerfallen. Der Ausgangsstoff ist wasserlöslich, dieses Endprodukt nicht. Aus dem Verhältnis der Elemente in der Probe sowie den Zerfallsraten kann also auf die Entstehungszeit des Gesteins geschlossen werden.

Eiskaltes Atelier

Den komplexen Datierungsprozess erledigen die Innsbrucker in Zusammenarbeit mit der Universität Minnesota, wo ein spezialisiertes Labor vorhanden ist. Künftig will man auch in der Tiroler Landeshauptstadt Infrastruktur anschaffen, um zumindest die chemische Probenvorbereitung erledigen zu können. Dublyansky: "Das wird für uns die Dauer der Datierung dramatisch beschleunigen."

Für die Malereien in der Schulgan-Tasch-Höhle brachte die Uran-Thorium-Methode nun das Ergebnis, dass die Ablagerungen unter den Malereien 36.000 Jahre und jene darüber 14.500 Jahre alt sind. Eine genauere Datierung ist nicht möglich, weil offenbar in dieser Zeit kein Wasser in der Höhle geflossen ist. Warum das? "Eine wichtige Erkenntnis unserer Arbeit ist, dass in dieser Periode hier offenbar Permafrost vorherrschte", sagt der Geologe. In dieser relativ weit südlich gelegenen Höhle hatte es also zum Zeitpunkt der Malereien Temperaturen unter null Grad – viel kälter als in den frankokantabrischen Pendants. Der Fund seltener kryogener Höhlenkalzite, die sich unter derartigen Bedingungen bilden, belegt diese Theorie.

Das 225 Quadratkilometer große Naturreservat Schulgan-Tasch beherbergt ein beeindruckendes Höhlensystem.
foto: robbie shone

Widrige Bedingungen

Bereits archäologische Analysen der Kulturschichten zeigten, dass in den Höhlen niemand wohnte. Offenbar kam man nur zum Malen hierher. Die Erkenntnisse von Dublyansky und Kollegen bestätigten diesen Befund nicht nur. Es wurde auch klar, wie unwirtlich das "Atelier" der frühen Künstler war, die bei Minusgraden hunderte Meter teils kletternd in die Höhle vordrangen.

Wer so viel Mühsal auf sich nimmt, hat einen Grund dafür. Dieser könnte im rituellen oder spirituellen Bereich liegen. Dazu kommt die Tatsache, dass ähnliche Malereien an den entgegengesetzten Enden des Kontinents zu finden sind. Sind die Malereien also gar Zeugnisse einer Art Protoreligion? Manche Antworten verbleiben im Dunkel der Höhle. (Alois Pumhösel,11.1.2019)