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Wie man in Gebäuden leichter Energie sparen kann

16. Jänner 2019, 10:30

Forscher wollen mit sozialwissenschaftlichen Modellen mehr Leben in die Energietechnik von Gebäuden bringen

Wien – Auf dem Weg zur Energiewende spielen Gebäude eine wichtige Rolle. Laut dem aktuellen Monitoringbericht des Nachhaltigkeitsministeriums sind sie immerhin für 16,1 Prozent der Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Städte sind dabei ein plausibler Ansatzpunkt, schätzt doch der Weltklimarat, dass sie bis zu 76 Prozent der gesamten Energie verbrauchen. Die Stadt Wien hat als eines ihrer Klimaziele formuliert, bis 2050 eine Reduktion der CO2-Emissionen um 80 Prozent zu erreichen (ausgehend vom Jahr 1990). Vor diesem Hintergrund fördert Wien über die MA 23 das Projekt "Kompetenzteam für lebenswerte Plusenergiequartiere (KoLPEQ)". Durchgeführt wird es an der Fachhochschule Technikum Wien, die Fördersumme beträgt rund eine halbe Million Euro für drei Jahre.

Projektziel ist der Aufbau von Kompetenzen rund um Quartiere, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Der Begriff des Quartiers ist in der Forschung nicht einheitlich definiert. Es umfasst jedenfalls mehr als ein Gebäude und weniger als eine ganze Stadt. "Wir betrachten ein Quartier als einen Stadtbereich, in dem parallel unterschiedliche Nutzungen stattfinden. Also Wohnungen, Büros, Industrie und Gewerbe", erklärt Projektleiter Simon Schneider von der FH Technikum.

Kein Verständnis für Technik

Das Projekt ist von der Grundidee getragen, dass allein Technologien zur effizienten Gebäudenutzung und zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu wenig sind, um die Energiewende zu schaffen. "Unser Ansatz ist es, nicht nur Energiesysteme in Gebäuden zu beforschen, sondern auch die Lebensqualität der Menschen, die darin wohnen und arbeiten", sagt Schneider. "Wenn man die Nutzer der Gebäude nicht frühzeitig miteinbezieht, bleiben die Ergebnisse der Projekte hinter den Erwartungen zurück: Das vorgenommene Energieeinsparpotenzial wird nicht eingelöst, und die Technik wird nicht genutzt."

Dieses Phänomen kennt man aus der Entwicklung von Passivhäusern im Privathausbereich: Bewohner haben oft kein Verständnis für die im Hintergrund agierende Technik und nutzen das Passivhaus wie ein klassisches Gebäude. Da wird dann beispielsweise zu kurz oder zu lang stoßgelüftet oder die integrierte Komfortlüftung ausgeschaltet. Wichtig sei deshalb, die künftigen Nutzer von Quartieren auf Augenhöhe in Bauprojekte einzubinden.

Damit ist nicht gemeint, ihnen die Technik zu erklären, sondern Verständnis für die Anforderungen an Energiesysteme im Zeitalter der Klimakrise zu wecken. Ein denkbares Szenario lautet beispielsweise, dass ein Energieversorger die Wärmepumpe eines Kunden "fernsteuern" und damit sowohl energetisch wie auch ökonomisch effizienter betreiben möchte. Ist etwa Strom am Spotmarkt gerade günstig, kann es wirtschaftlich sinnvoll sein, die Wärmepumpe auch dann einzuschalten, wenn der Nutzer gerade keinen Heizbedarf hat. Die Wärme lässt sich in einem Heizwasser-Pufferspeicher zwischenspeichern und zu einem späteren Zeitpunkt abrufen.

Partizipative Methoden

Der Gebäudenutzer merkt im Idealfall nichts von solchen Maßnahmen, der individuelle Wohnkomfort bleibt unverändert. Dennoch bedeutet eine derartige Fernsteuerung durch Energieversorger eine Einschränkung der Verfügungsgewalt über die eigene Infrastruktur. "Wir wollen partizipative Ansätze finden, um die Kooperationsbereitschaft bei den Gebäudenutzern für solche Modelle zu erhöhen", so Schneider. "Das große Einsparpotenzial in der Energietechnik liegt ja in der Automatisierung. Aber dagegen gibt es seitens der Bewohner oft viel Skepsis."

Sein Projektteam wird deshalb neben einem Energietechniker auch einen Sozialwissenschafter an Bord holen. Klassische qualitative Methoden wie Befragungen, Interviews oder Workshops mit Gebäudenutzern werden so das quantitative Handwerkszeug der Techniker ergänzen. "Dabei spielt man in Kleingruppen bestimmte Themen und Fragestellungen durch und versucht, qualitative Erkenntnisse zu gewinnen", meint Schneider. "Wir wollen so die Bedürfnisse der Nutzer besser verstehen, damit man diese künftig bereits in der Planung berücksichtigen kann."

Ein Hauptziel des Projekts ist es, die gewonnenen Erkenntnisse direkt in die Lehre einfließen zu lassen. Dazu sind auch interdisziplinäre Lehrveranstaltungen mit Architekten, Städteplanern und Soziologen geplant. "Denn", so Schneider, "Studierende, die bei uns zu künftigen Energietechnikern und Planern ausgebildet werden, benötigen genau dieses sozialwissenschaftliche Know-how, um mit Unternehmen, Stakeholdern und Nutzern kommunizieren zu können." (Raimund Lang, 16.1.2019)