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Fische aus arktischen Seen stark mit Quecksilber belastet

10. Jänner 2019, 10:20

Bei einem Fünftel der Seesaiblings-Populationen aus Seen in Kanada und Grönland werden Werte überschritten, ab denen die Fortpflanzung der Fische beeinträchtigt wird

Fische aus arktischen Seen sind stark mit Quecksilber belastet. Wie ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Environmental Toxicology and Chemistry" berichtet, werden bei einem Fünftel der untersuchten Seesaiblings-Populationen aus Seen in Kanada und Grönland jene Quecksilber-Werte überschritten, ab denen negative Effekte etwa auf die Fortpflanzung der Tiere auftreten.

Die Wissenschafter um Benjamin Barst vom Water and Environmental Research Center der University of Alaska (USA) haben einerseits bereits existierende Studien zusammengefasst, andererseits eigene Messergebnisse der beteiligten Wissenschafter herangezogen. So untersucht etwa Günter Köck vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Rahmen des österreichisch-kanadischen Forschungsprojekts "High-Arctic" seit mehr als 20 Jahren die Anreicherung von Schwermetallen und die Einflüsse von Klimaveränderungen auf Seesaiblinge in der kanadischen Arktis.

Niedrige Werte bei Saiblingen aus Österreich

Für die Studie lagen Daten von 1.569 Seesaiblingen aus 83 Seen vor, vorwiegend aus Permafrostgebieten Kanadas und Grönlands, aber auch aus Norwegen, Frankreich und aus zwei Gebirgsseen in Österreich. Bei 21 Prozent der untersuchten Populationen wurde im Mittel jene Quecksilber-Konzentration (0,33 Mikrogramm pro Gramm Muskelfleisch) überschritten, ab der toxische Effekte bei den Fischen auftreten können. Je älter und größer die Fische waren, umso größer war auch die Quecksilberbelastung.

Bei den Saiblingen aus den beiden österreichischen Hochgebirgsseen – dem Schwarzsee ob Sölden und dem Rotfelssee (beide Tirol) – waren die Werte sehr niedrig. "Allerdings waren die Quecksilber-Konzentrationen von Fischen aus den beiden Seen sowohl 2007 als auch 2011 höher als noch 1994", erklärte Köck. Dies seien aber viel zu wenige Daten, um seriös von einem echten Anstieg zu sprechen. Dazu würde es weitere Untersuchungen brauchen, sagte der Forscher.

Schwermetalle wie Quecksilber gelangen aus Industriegebieten über die Atmosphäre in die Seen. Das metallische Quecksilber wird vor allem von Bakterien in den Gewässern und umliegenden Feuchtgebieten in das hochgiftige Methylquecksilber umgewandelt. Diese Form des Schwermetalls gelangt sehr leicht in die Zellen von Lebewesen und reichert sich in der Nahrungskette an.

Tauender Permafrost

In vielen arktischen Seen hat in den vergangenen Jahren die Quecksilber-Belastung abgenommen. Es gebe aber auch Gewässer, in denen die Werte gleich bleiben oder sogar ansteigen, sagte Köck. Abhängig sei das vom Umland der Seen, etwa ob sie in felsigem Terrain liegen oder in Feuchtgebieten. Denn durch die Klimaerwärmung tauen die Permafrostböden zunehmend auf. Dadurch gelangt mehr gelöster organischer Kohlenstoff in die Seen. Dies verbessert die Lebensbedingungen der Bakterien und erhöht damit die Verfügbarkeit des Metalls für Fische.

Die hohe Quecksilber-Belastung stellt nicht nur ein Problem für die Fische dar, deren Reproduktion beeinträchtigt, Genexpression verändert oder oxidativer Stress erhöht sein kann. Die Wissenschafter verwiesen in der Arbeit auch darauf, dass der Verzehr derart belasteter Fische aus gesundheitlicher Sicht bedenklich sei.

Nach Ansicht der Wissenschafter könnte die Effekt-Konzentration hinsichtlich Quecksilber für die Seesaiblinge unterschätzt werden. Denn in Laborstudien würden meist Amerikanische Dickkopfelritzen (Pimephales promelas) verwendet, die leicht zu halten sind. "Viele Untersuchungen zeigen aber, dass diese Fischart gegenüber Schadstoffen erheblich weniger empfindlich ist als etwa Regenbogenforellen", sagte Köck. Er hält es daher für "recht wahrscheinlich", dass die Effekt-Konzentration für Salmoniden wie die Seesaiblinge tatsächlich niedriger ist und damit erheblich mehr Populationen gefährdet wären. (APA, red, 10.1.2019)