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Mountainbiker und die Büchse der Tourismus-Pandora

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11. Jänner 2019, 13:00

Die Tourismusindustrie hat die Mountainbiker als Zielgruppe entdeckt. Doch die langersehnte Akzeptanz ist ein zweischneidiges Schwert. Radler werden zum Feigenblatt

Innsbruck – Im Tiroler Oberland sorgt der geplante Zusammenschluss zweier Skigebiete für heftige Diskussionen. Seit die Pläne zur Verbindung des Kühtais mit dem kleinen Skiresort Hochoetz publik wurden, gehen die Wogen hoch. Denn diese Seilbahnerschließung würde die Feldringer Böden und das Schafjoch, ein beliebtes Naherholungsgebiet, betreffen. Umgehend formierte sich breiter Widerstand gegen das Projekt.

Warum dieses Thema im Tretlager-Blog behandelt wird? Bei einer Präsentation dieses geplanten Zusammenschlusses wurde, so berichten Zeugen, auch ein Bild von Mountainbikern verwendet, um die Sommernutzung der neuen Anlagen zu verdeutlichen. Im Nachhinein haben die Verantwortlichen zwar erklärt, es sei keinerlei Bike-Infrastruktur geplant und das Bild aus Versehen in die Präsentation gerutscht. Doch diese Episode verdeutlicht eine Entwicklung, die immer mehr Mountainbiker mit Skepsis und Sorge beobachten.

Radler als Feigenblatt?

Der liftunterstützte Radsport hat lange um die Anerkennung durch die Tourismusindustrie gekämpft. Doch nun erweist sich diese als eine Art Büchse der Pandora, wenn Radler plötzlich als Argumentationshilfe für neue Seilbahnprojekte herhalten müssen. Das widerspricht für viele dem Grundgedanken des Bikens, der für sie die Suche nach einzigartigem Naturerlebnis darstellt.

Natürlich haben Bikeparks, die auf Liftunterstützung angewiesen sind, ihre Berechtigung. In Gebieten, wo ohnehin bereits intensive Winternutzung durch Skipisten vorliegt, können diese auch eine durchaus logische Sommernutzung bestehender Anlagen bedeuten. Wenn die Trails auf Skipisten entstehen, ist der Naturverbrauch überschaubar.

Retortenpisten statt Naturerlebnis

Doch der Trend geht in eine bedenkliche Richtung. Statt spannender, abwechslungsreicher und naturbelassener Abfahrten entstehen immer mehr Retortenpisten. Analog zum winterlichen Größenwahn wetteifern die Regionen darum, wer mit dem längsten Flowtrail aufwarten kann. Doch diese langweiligen, monoton dahinmäandernden Waldautobahnen bieten für Biker kaum Reiz und Herausforderung.

In dem Schweizer Bikemagazin "Ride" hat Thomas Giger zu diesem Thema einen spannenden Beitrag verfasst, der das Dilemma der Mountainbiker auf den Punkt bringt. Er warnt darin, die Biker als sommerlichen Ersatz für ausbleibende Wintergäste zu sehen: "Das ist Blödsinn. Vielmehr sollten wir Biker aus den Fehlern des Wintersports lernen. Klasse statt Masse ist gefragt!" Radler sollten als Chance für einen nachhaltigen Tourismus verstanden werden, mahnt Giger.

Selbstkritik nötig

Die Diskussion hat viele Facetten. Dabei soll die Selbstkritik nicht fehlen. Denn auch ein wöchentlicher Blog, der mehr Aufmerksamkeit für den Sport geriert, trägt am Ende sein Scherflein zu dieser Entwicklung bei. Und ja, auch ich fahre gerne in Bikeparks. Trotzdem wehre ich mich dagegen, dass Mountainbiker als Argument für neue Seilbahnen genutzt werden. Bleibt die Frage, ob das nicht schizophren ist.

Am Ende stellt der technische Fortschritt alles infrage. Denn die Diskussion über Sinn und Unsinn des liftunterstützten Bikens wird durch den unumkehrbaren Trend zum E-Bike obsolet. In den Trailparks Großbritanniens ist das bereits Realität. Dort machen E-Bikes das althergebrachte Shutteln überflüssig. Zugleich entgehen den Betreibern der Parks dadurch die Einnahmen. Ein ähnlicher Konflikt, wie er hierzulande zwischen Skitourengehern und Liftgesellschaften besteht.

Wie denken Sie über dieses Thema, liebe Leserinnen und Leser? Fahren Sie gerne auf kilometerlangen Flowtrails ins Tal, oder suchen Sie eher die Herausforderung am naturbelassenen Steig? Sind Sie gerne in belebten Bikeparks unterwegs oder lieber allein in der Bergwelt? (Steffen Arora, 11.1.2019)