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Bedrohte Arten: Rote Listen gründen sich oft auf emotionale Entscheidungen

12. Jänner 2019, 16:40

Wissenschafter der Uni Klagenfurt bemängeln in neuem Buch Rote Listen, die oft nicht nur eine wissenschaftliche Basis hätten

Wien/Klagenfurt – Eine drei Millimeter kleine, braunschwarze, nachtaktive Schnecke kann Bauprojekte vom Wörthersee bis Großbritannien verhindern, weil sie auf einer Roten Liste gefährdeter Arten steht. Dass diese aber nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt werden, kritisiert Klagenfurter Forscher in einem aktuellen Buch. Die Entscheidungsfindung im Naturschutz würde zu stark "menscheln", meinen sie.

Rote Listen haben rechtlich den Status wissenschaftlicher Fachgutachten und werden etwa in Verwaltungsverfahren herangezogen, ob irgendwo etwas gebaut werden darf oder nicht. Die Bauchige Windelschnecke (Vertigo moulinsiana) hat etwa an der Ostbucht des Wörthersees eine bedeutende Population, was schon einige Bauprojekte verzögerte und verhinderte. Sie steht nämlich auf einer Roten Liste, die europaweit zu berücksichtigen ist, erklärte Martina Ukowitz vom Institut für Palliative Care und Organisationsethik der Universität Klagenfurt. Auch in Großbritannien gab es wegen ihres Vorkommens lange Diskussionen um den Bau einer Umfahrungsstraße.

Größe und Schönheit bekommen den Vortritt

Ukowitz hat mit Kollegen untersucht, wie solche Listen erstellt werden. Die Wissensbasis, die dahintersteckt, sei nur bedingt robust. "Das wissenschaftlich Erfassbare hinkt der Natur immer hinterher", sagte sie. Experten hätten berichtet, dass man zum Beispiel von rund 650 Käferarten in Kärnten nur drei gut kenne, bei den anderen gäbe es Forschungsbedarf, aber kaum Ressourcen, diesen zu decken. Große Tiere und solche, die schön aussehen, hätten es leichter, auf einer Roten Liste zu landen, als kleine, unscheinbare.

Die Bauchige Windelschnecke verdankt es dem ehemaligen Kärntner Landeszoologen Paul Mildner, der rührig und intensiv nach den Tieren gesucht hat, dass sie überhaupt Beachtung fand, berichtete die Forscherin. Verbreitungskarten spiegeln demnach oft die Verbreitung der Experten und nicht unbedingt die der Arten wider. Botaniker und Zoologen lobbyierten oft enthusiastisch ihre Lieblinge auf die Roten Listen, von denen es eine "bunte Vielfalt" gäbe, zum Beispiel für verschiedene Regionen, Verwaltungseinheiten und Artengruppen. Rote Listen böten daher nur bedingt Sicherheit als Grundlage für Entscheidungsprozesse.

Eskalationsmentalität

Nicht nur das Erstellen der Roten Listen sei von großer Emotionalität geprägt, sondern auch die politischen und verwaltungsgerichtlichen Verhandlungen, die sich auf sie berufen, so die Forscher. "Wenn es darum geht, ein Bauvorhaben zu bewilligen oder ein Naturschutzgebiet auszuweisen, ist es immer ein Ringen um eine angemessene Entscheidung", erklärte Ukowitz. Den Betroffenen gehe oft die eigene Perspektive über alles, jeder sehe sich gerne als Opfer, und es gäbe eine Eskalationsmentalität, wo Druck stets Gegendruck hervorruft.

"Wir haben gesehen, dass man sehr viel auf Einzelfällen aufhängt und dann lange diskutiert, ob ein Ameisenhügel so relevant ist, dass etwas passieren darf oder nicht, obwohl es den Beteiligten oft schon lächerlich erscheint", sagte sie. Stellvertreterkonflikte um einzelne Schnecken und Ameisenhügel würden oft auf den Rücken der Sachverständigen ausgetragen, weil es zu wenige langfristige, politische Rahmenbedingungen gibt, wie etwa tragfähige Raumplanungskonzepte. "Man sollte sich abseits von einzelnen Konfliktfällen zunächst grundsätzlich verständigen, wie man den Raum nutzt und was man schützen will", meinte die Interventionsforscherin. (APA, red, 12.2.2019)