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Am Ende stirbt bei Menasse sogar der bürgerliche Staat

12. Jänner 2019, 08:00

Die Kritik an Menasses Zitiergepflogenheiten verkennt seine Absicht: Er vertritt das Friedensprojekt Europa mit der Verve eines Propheten

Der Tumult soll einem Schwindler gelten: Der Autor Robert Menasse hat Walter Hallstein, dem ersten Vorsitzenden der EWG-Kommission, einen Satz in den Mund gelegt, den dieser wortwörtlich nie gesagt hat. Besagter Satz enthält das, was der Volksmund starken Tobak nennt, und lautet: "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!"

Darüber hinaus hat Menasse in seinem Brüssel-Roman Die Hauptstadt (2017) den honorigen CDU-Politiker in eine denkwürdige Kulisse hineingestellt. Hallstein soll seine Antrittsrede als Präsident der EU-Vorläuferorganisation in Auschwitz gehalten haben. Bisher entzündete sich das Menasse-Bashing an Methodenfragen. Was dem Schöpfer von Fiktionen ausdrücklich erlaubt ist, steht demjenigen nicht zu Gesicht, der sich aufklärerisch um die Verbreitung von Fakten bemüht.

EU als Notwendigkeit

Bereits 2012 hat Menasse in seinem Großessay Der europäische Landbote die stärkere Vergemeinschaftung der Union als notwendig eingefordert. Der Autor hielt sich an Fakten, um für die Verwirklichung seiner Idee zu werben. Die EU sei der erhabenste Ausdruck politischer Vernunft. Um ein solches "supranationales" Gebilde herzustellen, sei es unumgänglich, den Begriff "Nation" im Zeughaus unheilvoller Begriffe einzumotten. Unter Strapazierung der "Subsidiarität" forderte Menasse zugleich nichts Geringeres, als Europas Nationalisten vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Die Union müsse anständig demokratisiert werden. Dies könne etwa durch die Aufwertung von Parlament und Kommission geschehen und durch die Entmachtung des Rats. Die Regionen müssten sich nur noch unmittelbar zu den Zentralstellen verhalten, die wiederum nur ihnen botmäßig wären. Menasses Argumentation ist die eines Hegel-Schülers. Als Geschichtsdenker operiert der hauptberufliche Literat mit der Figur einer Vernunft, die nur zu sich kommt, wenn sie sich europäisch verwirklicht.

In einer ebenso brillanten wie sarkastischen Einlassung hat jüngst Iris Radisch (Die Zeit) Menasse den Hegel aufs Brot geschmiert. Die Tatsachen hätten eben Pech, wenn sie sich nicht so verhielten, wie die Vernunft in Person Menasses es ihnen anschafft. Einfacher gesagt: Wer die Tendenz der Geschichte auf seiner Seite weiß, muss sich um die Richtigkeit "lässlicher" Fakten nicht scheren. Im Zweifelsfalle auch nicht darum, was ein gewisser Walter Hallstein in Auschwitz oder anderswo (nicht) gesagt haben soll. Dem kann der Schnabel ohnedies nur in die Richtung gewachsen gewesen sein, in die die geschichtliche Tendenz ihn wies.

Menasses Antwort auf die Vorhaltung, er habe Fakten und Sätze erfunden, ist darum bedenkenswerter, als der Tenor der Kritiker es nahelegt. Der vermeintlich Ertappte erklärte die Wortwörtlichkeit zum bloßen Anhängsel des von ihm, Menasse, urgierten Sachverhalts. Alles das, was z. B. Europas Populisten am faktischen Sein der Union bekritteln, bilde bloß einen Vorwand. Gemeint würde von der Polemik nicht die bürokratische Trägheit eines Molochs, der kostspielig und regulierungswütig ist. Menasses Gegner sind die Agenten des Nationalstaats. Er aber glaubt, dass dieser überwunden gehört. Auf dessen – allerdings zum Himmel stinkenden – Mist sind zwei Weltkriege und der Zivilisationsbruch der NS-Verbrechen gewachsen.

Die Utopie gehört denjenigen, die aus der Geschichte lernen wollen. Robert Menasse möchte die Nationalstaaten zur schrittweisen Preisgabe ihrer Souveränität verdonnern. Für sie ist ein friedlicher Wärmetod vorgesehen, das Absterben und Aufgehen in ein grenzenloses Europa. Ein historisch-materialistischer Topos kehrt wieder, diesmal durch die europäische Hintertür.

Gemeint ist die Idee der notwendigen Überwindung des bürgerlichen Staates. Erst durch das Absterben seiner "Herrschaftsformen" wird das Ende der Ausbeutungsverhältnisse endgültig. Worum Menasse sich bemüht, ist – nach seinem Verständnis – die Verwirklichung der geschichtlichen Logik, die Europas bedarf.

Nur wer sich diese ideologische Brille vorübergehend aufsetzt, kann die Wut ermessen, mit der man Menasse am Zeug flickt. In geradezu rührender schwesterlicher Solidarität erklärte dieser Tage Eva Menasse in der Süddeutschen ihren vielgescholtenen Bruder für einen "Luftikus" und "leidenschaftlichen Träumer". Das mag für mindere Literaten gelten, die sich als verantwortungslose Schwätzer erweisen.

Reise nach Auschwitz

Robert Menasse jedoch hat Gründe, warum er den europäischen Kommissionspräsidenten historisch-irreal nach Auschwitz transferiert. Jeder EU-Präsident beginnt seit Gründung der Union seine Amtszeit mit einer Reise nach Auschwitz. Menasse sagt (und dieses Zitat stammt nachweislich von ihm): "Der Faschismus ist die Keule, nicht die Erinnerung an ihn."

Umso betrüblicher erscheint es daher, wenn ein brillanter Feuilletonist wie Patrick Bahners (FAZ) bei aller Berechtigung des Anstoßes, den er an Menasse nimmt, beim Hohn Zuflucht sucht. Nur "Fahrlässigkeit" sei es, was Menasse zuzugeben bereit sei. Und zwar, "was den Umtausch des von ihm geprägten Hallstein-Gedenkspielgelds in bare Münze angeht".

So bar will man diese hässliche Metapher auf dem Tresen des nationalstaatlichen Gutdünkens gar nicht klimpern hören. Sie gibt Menasse noch dort recht, wo man seinen Kreuzzug für ein gemeinsames, postnationales Europa der Zukunft für schrullig halten mag. (Ronald Pohl, 12.1.2019)