Foto: Hersteller

Kachelöfen sind wieder modern

19. Jänner 2019, 11:00

Statt das Thermostat höher zu drehen, sitzen immer mehr Menschen wieder in kuscheliger Runde vor dem Kachelofen. Das liegt nicht nur an der Kälte draußen, sondern auch an modernen Designs

Joachim Ringelnatz schrieb mit heißem Herzen: "Ich habe dich so lieb, ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken." Der Poet huldigt seiner Holden tatsächlich mit einem Stück Schamott. So altmodisch diese glühende Verehrung klingt, der Liebesbeweis wäre auch heute wieder vermehrt eine zündende Idee. Denn Öfen wie aus der Welt von Oma und Opa sind wieder modern. Nicht im Heimatmuseum stehen sie, sondern in den heimischen Stuben. Immer mehr Menschen machen sich, wenn es draußen ungemütlich ist, mit Zündholz ans Werk und legen Feuer. In Österreichs Haushalten stehen derzeit sage und schreibe 450.000 Kachelöfen. Statistisch in jeder zehnten Wohnung einer.

Die Sehnsucht nach der wohligen Feuerstelle ist vielleicht ein wenig nostalgische Verklärung einer Zeit, in der die Familie daheim abseits des Ofens dicke Socken und Wollpullover trug. Aber sie ist auch Zeichen einer neuen Wohnphilosophie, des "achtsamen Zuhauses", wie es das österreichische Zukunftsinstitut formuliert.

"Die milde Strahlungswärme eines Kachelofens ähnelt sehr der Sonnenstrahlung", weiß der Geschäftsführer des Österreichischen Kachelofenverbandes in Wien, Thomas Schiffert. Und schwärmt davon, wie sie "in die Haut eindringt und den Körper von innen erwärmt".

Der Ofen aus Knitterpapierkacheln ist von Kaufmann-Keramik.
foto: hersteller

Hinschauer

Die Flamme hinter der Kachel erhellt nicht nur die Seele an dunklen Tagen, sondern prägt auch den Stil der Wohnung. Ein Möbel, das Warmherzigkeit ausstrahlt. Der Klassiker ist das bewährte grün gekachelte Modell mit mehreren Aufsätzen. Die aktuellen heißen Öfen zeigen sich meist wenig verschnörkelt. Klare Formen mit großformatigen Kacheln liegen klar im Trend, sagen die Ofenexperten. Die Rede ist von Heizgeräten, die wie übereinandergestapelte Kisten aussehen, plötzlich gerade aus einer schrägen Wand herauswachsen oder kaum dicker sind als eine hochgestellte Matratze. Wer Ecken nicht ausstehen kann, stellt sich eines rund wie eine Litfaßsäule hin.

Aus dem rußigen Heizkasten ist ein eleganter Hinschauer geworden, meist in einer Kombination aus weiß verputzen Flächen und hellen erdigen Tönen. Geblieben sind nicht selten die gemütlichen Sitzbänke. Thomas Schiffert spricht weiters vom erwähnten "Durchblick". Denn das moderne Feuerrohr ist transparent. Fast jeder neue Kachelofen hat eine Glasscheibe. "Der Trend geht deutlich zum Feuerschauen", so Schiffert. Viele Vertreter der neuen Ofengeneration sind so ein wenig Kachelofen, ein wenig Kamin. Auf diese Art wird das stressfreie Stubenhocken beim Beschwören der Flamme zu einer Meditation nach der Medienflut des Tages. Eine kommoder Platz für den Rückzug.

Der Ofen von Günther Seyrlehner kommt wie ein grünes Sideboard daher.
foto: hersteller

Hafnermeister machen zunehmend den Job des Innenarchitekten mit. Günther Seyrlehner aus Behamberg in Niederösterreich baute am Fuße einer geländerfreien, weißen Treppe einen schmalen, flachen und langen Ofen mit glasierten, leuchtend dunkelgrünen Kacheln, einem Glasfenster an der rechten – und Platz fürs Feuerholz an der ausgesparten Unterseite. Wie ein Sideboard aus Keramik, jedoch klar als Ofen zu erkennen. Schwieriger ist das auf den ersten Blick, wenn Gerold Wucherer und Helmut Christian aus Strass im Strassertal ihre Schöpfung präsentieren. Ein aufgerollter Teppich aus blauer Keramik, bei dem Symmetrie mit Absicht keine Rolle spielt, ist eigentlich nur an seiner kleinen schwarzen Eisentür als Heizung zu erfassen.

Wenn Ofenbauerkunst und Künstler aufeinandertreffen, entsteht Ausgefallenes. Das Team von Kaufmann-Keramik aus dem bayerischen Rehau war zunächst "ein kleines bisschen genervt" von der Idee, Kacheln zu modellieren, als seien sie gefaltetes Papier. Es wurde eine Herausforderung und ein spannender Dialog zwischen "gspinnerten Designern" und "gstandnen Handwerkern", wie die Süddeutschen ironisch erzählen. Der Ofen mit den Knitterpapierkacheln steht im Berliner "Direktorenhaus Museum für Kunst, Handwerk und Design".

An eine Tonne erinnert der blaue Ofen von Gerold Wucherer und Helmut Christian.
foto: hersteller

Doch es geht auch anders, wenn sich etwa Neuzeitliches mit Althergebrachtem abwechselt. Große Kachelhersteller entdecken wieder Muster und Ornamente im Tapetenstil, die bereits im späten 16. Jahrhundert en vogue waren. Schon früher waren Öfen Designobjekte, die mit ihren verschnörkelten Füßen, verzierten und bemalten Kacheln und geschmückten Eisentürchen Prunk und Präsenz im Raum sind.

Aber auch weniger pompöse Stücke erzählen Geschichten aus der Vergangenheit, als sich der Großvater auf der Ofenbank wärmte. Der Kachelofen ist eine Erinnerung an damals, als alles viel langsamer, aber auch schwieriger war. Am Ofen trocknete die Wäsche, und in einem eingebauten Fach mit Türchen, einer Art Mikrowelle der Brikettzeit, wurden Braten und Beilagen bis zur nächsten Mahlzeit warmgehalten. In einigen Regionen gab es einer Backröhre gleich sogar eine extra Einfeuerung, in der man kochte und Brot buk.

Hierarchie

So ein Kachelofen habe "maßgeblich die Wohnkultur verändert", weiß Karl Berger, Chef im Tiroler Volkskunstmuseum. Er war ein Ort, "an dem die familiäre Hierarchie sichtbar wurde", sagt Berger. "Wer am Ofen sitzen darf und wer weiter weg Platz nehmen muss, war genau geregelt."

Im Rahmen der Renaissance des Kachelofens muss niemand mehr Angst vor angekohltem Geruch in den Gassen haben. Statt Kohlebriketts brennen die Feueranlagen meist mit Holzscheiten, und nur äußerst wenig Feinstaub zieht durch die Feuerstelle nach draußen.

Wer partout nicht auf seinen digitalen Lebenskomfort verzichten will, der steuert die behagliche Knisterei übrigens von unterwegs per App mit dem Smartphone. Funkmodule und eine SIM-Karte an der heimischen Heizung machen es möglich. Nur genügend Holz sollte drinliegen. Damit der Dichter Theodor Fontane recht behält, wenn er meinte, das Leben sei "eine Alltagswohnstube", in der das Glück davon abhänge, "ob der Ofen raucht oder guten Zug hat". (Oliver Zelt und Caroline Wesner, RONDO,18.1.2019)

Weiterlesen:

Ofenkeramikerin Marie Janssen: "Ich entwerfe Kleider für das Feuer"

Knotz-Inseln: Fauteuils und Polstersessel