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Der letzte Nothnagl: Wenn Männer den Namen ihrer Frau annehmen

19. Jänner 2019, 18:00

Als Mann habe ich das gemacht, was ansonsten immer die Frauen tun müssen: Vor 16 Jahren nahm ich bei meiner Hochzeit den Namen meiner Frau an. Aus Michael Nothnagl wurde Michael Marchetti. Mit ungeahnten Folgen

Ich sagte es meinem Vater mit einem Lächeln, aber es war mir unangenehm, und er fand es gar nicht lustig. Ich werde nach der Hochzeit Marchetti heißen. Da hatten meine Frau und ich schon die Eltern nicht eingeladen zur eigenen Hochzeit, weil wir lieber am Strand von Mexiko in Ruhe heirateten als mit der Großfamilie aufgetakelt im Smoking, und dann: Namensharakiri.

Die Familientradition ausgelöscht mit einer Unterschrift. Der mexikanische Standesbeamte, Senor Cuautemoc, hatte schon dreimal nachgefragt, weil er den Wunsch für einen Übersetzungsfehler hielt, und warum die ledigen Kinder so hießen wie die Mutter, war ihm sowieso schleierhaft. So etwas war ihm in seiner jahrzehntelangen Karriere noch nicht untergekommen.

Mein Vater fragte sich, was er falsch gemacht hatte mit mir. "Einen Namen hat man, den sucht man sich nicht aus, nur weil er schön ist!" Ich bin sein einziger Sohn, und zu allem Übel noch dazu der letzte männliche Nachkomme unserer Familie. Das brachte mir als Zwölfjährigen den Applaus bei einem Großfamilientreffen in der Wachau ein: Die Nothnagl'schen Ahnenforscher hatten in Spitz an der Donau zu einem Treffen geladen, Gasthaus Festsaal, ein paar Dutzend Namensgenossen waren aus ganz Österreich angereist. Oma Hedi und Onkel Horst, die Winzer aus Spitz. "Und der Michael, das ist der letzte Nothnagl. Komm, steh kurz auf, Michael!" Hoffnung und Augenzwinkern. Ich hätte sie so oder so nicht glücklich gemacht: Meine beiden Kinder, heute 20 und 17 Jahre alt, sind Mädchen.

Nomen est omen

Sie waren einer der Gründe, warum ich den Nothnagl gegen Marchetti tauschte: Zu Anna-Marleen und Sophia passt Marchetti als Nachname besser, und anders als meine Kinder und meine Frau wollte ich nach der Hochzeit auch nicht heißen. Nicht dass ich mich geniert hätte. Sicher, die Witzchen nervten: "Nothnagl, du bist mein Sargnagel", das fanden manche Lehrer zu Schulzeiten witzig. Ein vetrautes "Nothnäglein" der Biologieprofessorin, wenn sie mich ansprach. Nachsatz: "Möchten Sie die Stundenwiederholung machen?"

Später dann im Berufsleben: Der Notnagel vom Dienst, wenn es darum ging, irgendwo einzuspringen. Und ein bisschen was bleibt davon hängen, wird zur eigenen Identität, die wir uns während eines Lebens zurechtzimmern: das Einspringen. Die Zwischenlösung. Die zweite Wahl. Nomen est omen – die Kevins und Chantals können ein Lied davon singen: Eine Studie unter 200 deutschen Volksschullehrern ergab vor acht Jahren, dass Texte nur aufgrund dieser Schülernamen schlechter abschnitten als die von Maximilian oder Katharina. Dabei war es immer ein und dasselbe Kind, das den Text verfasst hatte. Auch Nachnamen haben ohne Zweifel eine unsichtbare Wirkung. "Es funktioniert wie ein Automat. Oben fällt der Name hinein, der vermeintliche, und unten kommt die dazugehörige Umgangsart heraus (...) das Klischee einer menschlichen Beziehung", schrieb Max Frisch in seinem Roman Stiller.

Andererseits: Nothnagl merkt man sich, was im Journalismus kein Nachteil war. Ich präsentierte eine Zeit lang die ORF-Radionachrichten, was mir von einem damaligen Blue-Danube-Radio-Kollegen einmal die Überleitung einbrachte: "Now the news in German, with Michael Nothnagl, the carpenters best friend." Der Nothnagl als bester Freund des Zimmermanns. Der war gut.

Kosmopolitischer Klang

Michael Marchetti klang melodischer als der Carpenter und mehr nach italienischen Ahnen, auch kosmopolitischer, wie ich fand, und – zugegeben – das war mir nicht unrecht. Bis dahin hatte ich bei Vorstellungsrunden immer mit irgendeinem Kommentar rechnen müssen: ein unterdrücktes Glucksen, verstohlene Blicke, Grinsen.

Marchetti warf neue Fragen auf: Ah, Marchetti. Spricht man das ch wie ein k aus? Parla Italiano? Halbitaliener? Non parlo Italiano, no. Español kann ich anbieten. Spätestens jetzt: Verwirrung beim Gegenüber. Wenn ich dazu noch erklärt hätte, dass der Name eigentlich von meiner Frau stammt, ihr Vater aus Kärnten, sie aber keinen Kontakt hat, weil sich die Eltern scheiden haben lassen, als sie drei Jahre alt war -dann lieber die Schnellvariante. Marchetti. Ja genau, wie die Gasse im sechsten Bezirk.

Der neue Name, den ich nun mit den Kindern und meiner Frau teilte, war auch ein Neubeginn für unsere kleine Familie. Nach der Hochzeit hießen wir endlich alle gleich. Trotzdem – und dieser Schluss war ein falscher gewesen – war es kein familiendynamisches Niemandsland, in dem wir es uns bequem machten. Abgekoppelt von den Nothnagls und deren Ursprüngen in der Wachau war ich jetzt plötzlich viel näher an den Marchettis und deren Karma.

Kappen der Wurzeln

Streit in der Familie ums Erbe. Eine Scheidung (meine Schwiegermutter), die lange nicht richtig verdaut worden war. Den Urgroßvater meiner Kinder mütterlicherseits lernte ich bei einem Ausflug kennen, ein sympathischer älterer Herr, verschmitztes Lächeln in den Augen. Ich glaube, er hat nie verstanden, warum ich jetzt auch Marchetti hieß. Manchmal wurde ich das Gefühl nicht los, mich mit dem Namenswechsel genau zwischen die Stühle zweier Familien gesetzt zu haben. In der Hoffnung auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.

Doch was eigentlich passiert ist, war das Kappen der Wurzeln. Wie lange das nachwirkt, sieht man auch bei Bekannten: die ehemalige Arbeitskollegin, die nach der Hochzeit zuerst den Namen ihres Mannes annahm. Nach einigen Monaten stellte sie sich mit einem Doppelnamen vor, bis sie es aufgab und wieder unter ihrem Mädchennamen publizierte.

Warum? Berufliche Nachteile spielen da wohl mit. Pressesprecher, Chefredakteure, Kollegen – sie alle kannten mich und meine Arbeit unter dem alten Namen, noch schlimmer: Meine Frau arbeitete in derselben Branche. Wenn ich jetzt wo anrief, um ein Thema vorzuschlagen, verband jeder den Nachnahmen mit ihr, kaum jemand mit mir. Ich wurde als der Mann von Frau Marchetti wahrgenommen. Ehrlich, bei allem Selbstvertrauen: kein gutes Gefühl!

Gratulation zum Weichei!

Wenigstens unterstütze ich voll das Klischee: Ein Fachartikel zum Thema, publiziert vor einem Jahr in den USA, kommt zu dem Schluss, dass ein Mann, dessen Frau nach der Heirat ihren eigenen Namen behält, von außen als "weniger mächtig" in der Beziehung wahrgenommen wird. Übersetzt in Machismo: Gratulation zum Weichei! Obwohl man bei uns einen Doppelnamen führen darf und mittlerweile auch den Geburtsnamen behalten kann: Grob 90 Prozent der Frauen in Österreich machen es wie ihre Mütter: Sie nehmen bei der Hochzeit den Namen des Mannes an. Um mit der Statistik abzuschließen: Das sind rund 35.000 Frauen pro Jahr, denen es irgendwie ähnlich gehen muss wie mir.

Fast noch seltsamer ist die Wirkung des Namenwechsels auf die alten Freunde, die mich aus Kindheit und Schulzeit kannten. Bis heute nennt mich keiner von ihnen Marchetti. "Ah, der Herr Nothnagl", begrüßen sie mich beim Klassentreffen. Anfangs protestierte ich noch: "Magister Marchetti für dich." Damit habe ich längst aufgehört. Man kann seiner Vergangenheit nicht entkommen, egal welcher Name auf der Kreditkarte oder dem Personalausweis steht.

Mein Vater meidet das Thema immer noch, auch nach fast zwei Jahrzehnten. "Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, da brauchen wir das nicht in den Vordergrund stellen", war sein knapper Kommentar, als ich das heiße Eisen vor kurzem wieder einmal ansprach. Manchmal sitzt er mit seinem Namen sowieso am längeren Ast. Bei der Tischbestellung in seinem Stammwirtshaus in Gastein zum Beispiel. "Einen Tisch für vier Personen um 19.30 Uhr auf Marchetti bitte." Als ich das sage, fühlt es sich falsch an. Der Wirt kennt mich, seitdem ich zehn bin. Zweiter Versuch: "Ich bin der Michael, der Sohn vom Hans Nothnagl." Seufzen am anderen Ende. "Ah, der Herr Nothnagl! Warum sagen S' das denn nicht gleich?!" (Michael Marchetti, Album, 19.1.2019)